Schönheitschirurgie

"Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist die Schönste im ganzen Land?" Während diese immerwährende Frage jedes Jahr auf zahlreichen Schönheitswettbewerben nur scheinbar gelöst wird, wollen offensichtlich immer mehr Menschen ihrem Schönheitsideal operativ näher kommen. In den Jahren von 1990 bis 2002 hat sich die Zahl der plastischen Operationen in Deutschland von 109.000 auf weit über 660.000 mehr als versechsfacht. Fettabsaugungen, Ohrenkorrekturen, Entfernung von Tränensäcken und Schlupflidern, Face-Lifting, Nasenkorrekturen, Oberschenkel-, Gesäß- und Bauchdeckenstraffung sowie Brust-Operationen stehen ganz oben auf der Wunschliste. Nach Aussagen der Vereinigung Deutscher Ästhetisch-Plastischer Chirurgen bleibt die Tendenz weiter steigend: die jährliche Wachstumsrate beträgt zehn bis fünfzehn Prozent.
Schönheitswahn in jungen Jahren
Während die Zahl der Eingriffe derzeit bei 400.000 pro Jahr liegt und weiter steigt, werden die Operationswilligen immer jünger. Auch in Deutschland legen sich schon unter 30jährige zum Face-Lifting auf den OP-Tisch - Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen. Ein Viertel aller deutschen "Schönheits-Patientinnen" sind 15 bis 25 Jahre alt. Der Anteil der Teenager unter 20 Jahren, die sich für eine ästhetisch-plastische Operation interessieren und nachfragen liegt nach Erfahrung von Dr. Hans-Jürgen G. Bargmann aus Hamburg, Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie e.V. (DGÄPC), bei 15 Prozent.
Aus den USA kommen derzeit verstärkt Meldungen über Schönheitseingriffe bei Kindern und Jugendlichen. Danach haben sich im letzten Jahr allein rund 6000 Teenager Botulinum-Toxin spritzen lassen, um so zumindest vorübergehend die Schweißdrüsen in den Achselhöhlen stillzulegen. Schwitzen gilt nämlich unter Amerikas Teens als völlig uncool. 50.000 chemische Hautpeelings und ebenso viele Haarentfernungen per Laser im letzten Jahr machen der Mehrheit der amerikanischen Ärzte zu schaffen. Sie fordern stärkere gesetzliche Regelungen zur Überwachung der Schönheitschirurgie in den USA.
Alles nur "made in Hollywood" ?
In Deutschland werden Berichte über neue Nasen zum Geburtstag oder eine Fettabsaugung zum bestandenen Schulabschluss leicht mit der Bemerkung "typisch amerikanisch!" abgetan. Doch eigentlich müssten ganz andere Fragen gestellt werden, wie zum Beispiel: Welche Eltern lassen derartige Operationen bei ihren Kindern eigentlich zu? Denn ohne die Zustimmung der Eltern dürfen auch in den USA in der Regel keine operativen Eingriffe vorgenommen werden. Und wie wollen die Teenager ihre Behandlungen eigentlich bezahlen? Die Korrektur einer Kieferfehlstellung mit Hilfe einer Zahnspange ist eine Sache, ebenso wie eine richtende Operation der Nasenscheidewand um die Atmung zu optimieren. Aber Botulinum-Injektionen bei Kindern, nur weil das Deo versagt ? Die Behandlungsmethode an sich ist sinnvoll und erprobt - zahlreiche Menschen, die an einer Überproduktion der Schweißdrüsen leiden, haben davon schon profitiert. Und dabei sollte es bleiben. Allerdings werden auch in Deutschland immer öfter Schönheitsoperationen per Gutschein verschenkt. Wohl deshalb hat die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie e.V. (DGÄPC) passend zum Weihnachtsfest 2003 ein Merkblatt mit Tipps und Hinweise für Schenkende und Beschenkte herausgegeben, in dem auch auf die psychologischen Aspekte einer Schönheitsoperation hingewiesen wird.
Check-Liste für Eltern und Schüler
Die DGÄPC hat sich den Schönheitsproblemen von Schülern hierzulande angenommen und für Eltern und Kinder jeweils ein Merkblatt zum Thema "Schönheitsoperationen" herausgegeben, das auf der Internetseite ausgedruckt werden kann. Unter der Überschrift "Gehirn einschalten" wird den Kids auf der Body-Check-Liste ans Herz gelegt, sich mit sich selbst mehr anzufreunden und Frieden zu schließen. Aber auch bleibt hier kein guter Rat ohne Ausnahme: Wenn aus dem Unwohlsein mit dem eigenen Aussehen ein handfestes psychologisches Problem zu werden droht, dann sollten Eltern und Schüler Hilfe suchen. Dazu empfehlen die Ästhetisch-Plastischen Chirurgen den Dialog mit Hausarzt, dem Lehrer oder dem Schulpsychologen zur Vermittlung kompetenter Gesprächspartner. Wer sich weder an den einen oder den anderen wenden will, der kann sich nach den Empfehlungen der DGÄPC auch Hilfe beim BRAVO-Beratungsteam von Dr. Sommer holen
Operateur gesucht, Kompetenz gefunden?
Wer sich nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Alternativen und Risiken zu einer Schönheitsoperation entschieden hat, der muss sich einen Operateur suchen. Namen und Adressen lassen zwar massenhaft finden, über die Qualität des Erwählten findet man jedoch oft nur schwer Informationen. Hinzu kommt, dass als Folge der Änderungen im Gesundheitswesen immer mehr Ärzte aller Fachrichtungen Falten auffüllen, Botulinum-Injektionen geben und Bauchstraffungen durchführen. Frauenärzte dürfen ebenso wie Allgemeinchirurgen und Hautärzte ohne weitere Zusatzqualifikation als plastische Chirurgen arbeiten. "Schönheitschirurg" ist zwar ein griffiger Name, aber keine offizielle Berufsbezeichnung und sagt nichts über die Qualifikation des Betreffenden aus. Ein Zustand, den die verschiedenen Fachgesellschaften mit ihren Forderungen nach Zertifizierung und verbesserten Sicherheits- sowie Qualitätskontrollen ändern wollen. In Deutschland gibt es vier Fachgesellschaften, die sich mit jeweils etwas unterschiedlichen Schwerpunkten der plastischen Chirurgie widmen.
- Deutsche Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie (DGPW) mit einem Schwerpunkt in rekonstruktiven Maßnahmen. Mitglieder deutsche und internationale sind Chirurgen, Dermatologen, Unfallchirurgen, Thoraxchirurgen und Gesichtschirurgen sowie Augenärzte, Handchirurgen und Pathologen.
- Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), in der ausschließlich Fachärzte für Plastische (und Ästhetische) Chirurgie Mitglieder sind, die sich auf die vier Aufgabengebiete Rekonstruktion, Verbrennung, Hand und Ästhetik konzentrieren.
- Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Nach der Satzung können nur Fachärzte für Plastische Chirurgie Mitglieder werden.
- Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Die derzeit knapp 100 Mitglieder sind alle Plastische Chirurgen.
Die Bezeichnung "Plastischer Chirurg" oder "Facharzt für Plastische Chirurgie" ist gesetzlich geschützt und setzt eine mehrjährige Ausbildung in diesem Bereich voraus.
Der Vorher-Nachher-Vergleich
Woran erkenne ich einen "guten" plastischen Chirurgen? Unter den vielen Facetten der Schönheitsoperationen ist die Frage nach dem geeigneten Chirurgen sicher die spannendste. Die folgenden Punkte sollte man bei der Auswahl beachten:
- Welche Facharztausbildung hat der Chirurg?
- Ist er Mitglied einer Deutschen Fachgesellschaft?
- Wie oft hat er den Eingriff schon durchgeführt?
- Gibt es "Vorher-Nachher"-Aufnahmen, die den Erfolg des Eingriffs belegen?
- Sind Folgeoperationen bereits jetzt absehbar?
- Welche Risiken gibt es?
- Wie lange hält der Erfolg des Eingriffs im allgemeinen an?
- Erfolgt der Eingriff ambulant oder stationär?
- Wie erfolgt die Nachbehandlung?
- Wie lange sollte die Heilung dauern?
- Worauf muss ich vorher und hinterher besonders achten?
- Wie detailliert ist der Kostenvoranschlag?
Lebenslügen vs. Lebenslinien
Wer sich selbst nicht leiden kann, der ist auch mit seinem Aussehen nicht zufrieden. Was nicht heißen soll, dass man Übergewicht und Speckrollen ignorieren sollte. Doch als Schönheitsturbo für‘s Gemüt taugen Operationen nur kurzfristig. Und zwischenmenschliche Probleme können sie auch nur bedingt beheben. Wer mit neuer Nase und aufgepumpten Lippen seine Ehe retten will, könnte sich täuschen. Auch die Karriere sollte nicht am Doppelkinn hängen. Und wer sich im Laufe seines Lebens ein "dickes Fell" zugelegt hat, der sollte sich die Gründe dafür überlegen ehe er sich operativ davon trennt. Vielleicht braucht er es ja noch.
Autor/Quelle: Susanne Köhler
