Fremdelphase - Auf der sicheren Seite

Kind in der Fremdelphase © rawpixel (Symbolfoto)

Bekannte werden plötzlich misstrauisch beäugt oder abgewiesen, trösten können nur noch Papa und Mama. Welche Rolle das Fremdeln spielt und wie man am besten damit umgeht. Sabines Oma beugt sich über ihr Enkelkind, das friedlich auf dem Teppich spielt. Doch sobald sie näher kommt, ist die Ruhe vorbei. Sabines Augen blicken ängstlich, das Gesicht verzieht sich und aus dem Mund dringt ein jammervolles Geschrei. Erst die herbeieilende Mutter kann das Kind wieder beruhigen, als Sabine auf ihrem Arm ist.

Bewusste Wahrnehmung

Sabine ist jetzt 8 Monate alt und hat ihre Fremdelphase, auch als Achtmonatsangst bezeichnet, ausdrucksstark gestartet. Von nun an wird sie auf vieles, was nicht Mama oder Papa heißt, mit Zurückhaltung und auch mit Misstrauen reagieren. Die Eltern machen sich das Leben leichter, wenn sie verstehen, dass Sabine eine notwendige Entwicklung durchmacht. Denn Krabbelkinder nehmen zwischen dem siebten und achten Monat erstmals Unterschiede zwischen Menschen bewusst wahr.

Bisher hat sich Sabine ausgiebig mit den Gesten, Lauten, Gerüchen und Mimiken ihrer Eltern vertraut gemacht. Wenn Oma jetzt auftaucht, merkt die Kleine: Oh, die ist ja ganz anders als meine Eltern, da halte ich mal lieber Abstand. Da Sabine ihr Gefühl noch nicht in Worte fassen kann, bleiben ihr nicht viele Kommunikationsmittel. Doch jene, die sie wählt, sprechen eine deutliche und eigentlich unmissverständliche Sprache: weinen und schreien, hinter Mamas Beinen verstecken oder den Kopf vor dem "Fremden" abwenden.

Was Verwandte und Freunde schnell persönlich nehmen und oft sogar als kindliche Verzogenheit deuten, ist im Grunde eine Sicherheitsmaßnahme gegen Neues und Fremdes. Experten meinen, dass sich Vorsicht und Misstrauen sogar lohnen, um sich vor negativen Erfahrungen zu schützen.

Individuelle Unterschiede

Leider kann man Sabines Eltern und auch der Oma nicht sagen, wann diese Phase vorübergeht, denn jedes Kind hat ein anderes Temperament. So kann die plötzlich auftretende Angst Wochen, aber auch Monate dauern - bei dem einen Baby ist sie stärker, bei dem anderen weniger ausgeprägt. Die Begegnung mit fremden Situationen und Menschen ist ein Auslöser, ein weiterer ist auch die Trennung von vertrauten Personen. Sabines Beziehung zu den Eltern ist inzwischen so intensiv, dass sie bei einer Trennung mit Angst reagiert. Verlassen Mama oder Papa das Zimmer, fühlt sie sich unsicher. Kommen ihre Eltern wieder, strahlt sie übers ganze Gesicht. Sabine braucht in diesen Momenten - noch mehr als sonst - Schutz und Verständnis.

Ihr vorsichtiges Verhalten gegenüber Fremden ist übrigens gleichzeitig ein Zeichen der Hingabe und des Vertrauens zu den Eltern. Daher können Mama und Papa jene Momente, in denen die Kleine bei ihnen Schutz sucht, ruhig mit Stolz genießen. Denn der Trost und die Sicherheit, die Sabine durch sie erfährt, bildet die Grundlage dafür, dass das Kind neugierig und selbstbewusst auf seine Umwelt zugehen kann. Und tatsächlich, nach ein paar Minuten auf dem Arm der Mama wagt Sabine einen Blick zur "fremden" Oma und … lächelt.

Tipps für Eltern

Es gibt konkrete Hilfen, die die Fremdelphase für das Kind und seine Umgebung leichter machen.

  • Verständnis erzielen, indem man Freunden und Verwandten von der Fremdelphase des Kindes erzählt.
  • Das Kind und seine Ängste ernst nehmen, statt dagegen anzukämpfen.
  • In Fremdelmomenten keine Kontakte erzwingen. Lieber etwas auf Abstand gehen und beruhigend auf das Kind einwirken.
  • Bei einer Trennung, beispielsweise wenn die Mutter arbeitet, oder die Eltern ausgehen, das Kind besonders langsam an die Betreuungsperson gewöhnen.
  • Mit kleinen Spielchen die Angst vor der Trennung oder einem Fremden abbauen. Guck-Guck-Spiel: Gesicht hinter einem Tuch verstecken und es dann wieder wegziehen, mit der Zeit die Dauer des Versteckens vorsichtig steigern. Wichtig: Beim Verstecken in einem anderen Raum nie die Tür zwischen sich und dem Kind schließen. Für die Kontaktaufnahme eignet sich ein Ball, den man sich zurollen kann, ohne sich näher zu kommen. Oder dem "Fremden" ein Kuscheltier des Babys in die Hand geben, das weckt Interesse bei dem Kind.

Aktualisiert: 15.03.2018

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?