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Kaum zu überhören: Schreibabys

Schreibaby © istockphoto, cassinga

Wenn ein Baby schreit, gibt es im Allgemeinen einen Grund dafür: Es hat Hunger, Durst, Schmerzen oder eine nasse Windel. Das Licht ist zu grell, der Lärm zu groß, oder es langweilt sich, ist unzufrieden oder auch nur müde. Schreiende Babys versetzen Eltern oder Betreuer in Alarmbereitschaft. Das Kind teilt ihnen nicht nur mit, dass es sich unwohl fühlt, es fordert sie gleichzeitig auf, dieses Unwohlsein abzustellen.

Wieviel Schreien ist normal?

Eine Schrei-Zeit bis zu zwei Stunden täglich in den ersten drei Monaten gilt als durchaus normal. Doch manche Babys schreien mehr, viel mehr: anhaltend und ausdauernd, mindestens drei Stunden täglich, an mindestens drei Tagen in der Woche, mehr als drei Wochen lang.

Solche so genannten Schreibabys lassen sich weder durch Stillen noch durch Tragen, Schaukeln oder Wickeln beruhigen. Sie weinen so ausdauernd und untröstlich, dass die Eltern nicht mehr wissen, wie sie ihrem Kind helfen sollen. Um mögliche ernsthafte Krankheiten auszuschließen, die für das übermäßige Schreien des Babys verantwortlich sein könnten, sollte in jedem Fall der Kinderarzt aufgesucht werden.

Schreibaby: Ursachen und Auslöser

Als Ursache für das viele Schreien galten bis vor einigen Jahren vornehmlich Verdauungsprobleme, Diagnose: Drei-Monats-Kolik. Oft waren Koliksymptome wie harter Bauch, rote Hautfarbe und angespannte und gebeugte Arme und Beine bei den Kindern zu beobachten. Trotz einer großen Anzahl von Untersuchungen konnten für die vermuteten Ursachen jedoch keine eindeutigen Belege gefunden werden.

Nur etwa elf Prozent der viel schreienden Kinder haben wirklich Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme. 90 Prozent aller Schreibabys tun ohne organisches Leiden ihren Unmut kund. Die moderne Säuglingsforschung geht davon aus, dass das viele Schreien Ausdruck einer verzögerten Verhaltensregulation ist.

Man könnte es auch anders sagen: Schreibabys haben größere Mühe, sich nach der Geburt zurechtzufinden als andere und schreien deshalb so viel. Ihr Schlaf-Wach-Rhythmus ist gestört, daher befinden sie sich meist im Halbschlaf, sind übermüdet und quengeln ständig. Aus den Schreibabys können "Schreikleinkinder" werden. Diese sind extrem unruhig, zeigen Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel das Schlagen des Kopfes oder das Laufen gegen Wände, leiden an Ess- und Schlafstörungen oder später am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS).

Hilfe gegen das Schreien ohne Ende

Nicht nur für die Nerven der Eltern ist Abhilfe nötig. Beruhigung und Entspannung steht dabei an erster Stelle. Schmusen Sie mit Ihrem Kind oder schaukeln es sanft, sobald es schreit. Beruhigungssauger, ein warmes Bad oder eine Massage können hilfreich sein. Auf viele Babys wirkt es beruhigend, wenn sie tagsüber häufig im Tuch oder Beutel getragen werden. Der enge Körperkontakt mit der Mutter tut ihnen gut.

Auch der Blickkontakt ist laut Experten wichtig. Versuchen Sie, Ihr Kind an einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus zu gewöhnen. Falls das Baby tagsüber länger als drei Stunden ununterbrochen schläft, wecken Sie es sanft auf. So werden die längsten Schlafphasen (mehr als fünf Stunden) auf die Nacht verschoben.

Einige Schreibabys finden heraus, dass sie sich teilweise selbst helfen können, indem sie Daumen, Finger oder die ganze Hand in den Mund stecken, um daran zu saugen. Das beruhigt.

Ganz wichtig: Bloß nicht nervös werden, wenn das Baby zu schreien beginnt. Unruhe und Hektik übertragen sich nämlich schnell auf das Kind, verunsichern nur das Baby zusätzlich und das Schreien wird noch schlimmer.

Schreiambulanzen

Zudem gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich Rat und Hilfe zu holen. In den meisten Großstädten gibt es beispielsweise so genannte Schreiambulanzen. Sie sind häufig Kinderzentren oder Kinderkliniken angeschlossen. Eine zentrale Anlaufstelle mit langjähriger Erfahrung ist die "Münchner Sprechstunde für Schreibabys" im Kinderzentrum München.

Quellen: 1 Hofacker, N. v. (1998). Frühkindliche Störungen der Verhaltensregulation und der Eltern-Kind-Beziehung. Zur differentiellen Diagnostik und Therapie psychosomatischer Probleme im Säuglingsalter. In: K. v. Klitzing (Hrsg.): Psychotherapie in der frühen Kindheit. Göttingen: Vandenhoeck & Rup-recht.50-71. 2 Brazelton, T. B., Cramer, B. G. (1994). Die frühe Bindung. 2. Aufl. Stuttgart: Klett Cott (pgk)

Aktualisiert: 15.12.2015

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