Geschlechtsspezifische Medizin - Der kleine Unterschied und seine Folgen

Dass sich Männer und Frauen grundsätzlich unterscheiden, ist eigentlich bekannt. Auch in der Medizin werden geschlechtsspezifische Erkrankungen entsprechend behandelt: Brustkebs und Schwangerschaft beim Gynäkologen, Erkrankungen der Prostata beim Urologen. Inzwischen hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Frauen tatsächlich bei vielen Erkrankungen anders krank werden als Männer und dass gerade in der Medizin neue Behandlungsansätze notwendig sind.

Ruf nach differenzierten Behandlungsmethoden

Auch wenn der Begriff "Gleichstellung" in der Arbeitswelt schon gut etabliert ist, hat er lange Zeit keinen Eingang in die Medizin gefunden. Erst auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 wurde unter dem Begriff "Gender Mainstreaming" eine neue politische Ausrichtung der Frauenförderung geprägt. Seitdem werden Frauen nicht mehr als homogene Gruppe betrachtet, sondern in ihren sozialen, ethnischen und altersmäßigen Unterschieden geschehen.

In der Medizin kam der Ruf nach differenzierten Behandlungsmethoden mit der AIDS-Forschung in den USA auf. Frauen zwischen 20 und 40 Jahren klagten doppelt so oft wie Männer über Nebenwirkungen bei der Behandlung. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Medikamente überwiegend an Männern getestet worden waren und Frauen in den Medikamentenstudien kaum eine Rolle spielten.

Die Gründe hierfür waren ebenso verständlich wie letztlich falsch: Frauen im gebärfähigen Alter setzen sich in einer Medikamentenstudie möglicherweise einem hohen langfristigen Gesundheitsrisiko aus, wenn sie während der Studie schwanger werden. In der frühen Phase einer Medikamentenentwicklung können häufig noch keine Angaben darüber gemacht werden, ob der Wirkstoff für einen Embryo schädlich ist. Die Erfahrungen zum Beispiel mit dem Contergan-Skandal haben dazu geführt, Frauen sowohl aus Fürsorge als auch aus Angst vor Regressansprüchen weitgehend aus Medikamentenstudien herauszuhalten.

Frauen häufig falsch behandelt

Wie problematisch diese Einstellung ist, zeigt sich an der Behandlung des Bluthochdrucks. In vielen Studien zum Nachweis der Wirksamkeit von Medikamenten wurden keine oder nur wenige Frauen eingeschlossen. Aber Frauen verarbeiten Wirkstoffe anders als Männer: Zum einem sind sie in der Regel kleiner und leichter, zum anderen gibt es nachweislich geschlechtspezifische Unterschiede in der Verstoffwechselung der Wirkstoffe.

Gezielte Untersuchungen der Studien schließlich zeigten, dass Männer zwar von der Hypertonie-Behandlung profitieren, die Sterblichkeit bei den Frauen jedoch ansteigt. Erst seitdem in den Medikamentenprüfungen verstärkt ältere Frauen eingesetzt werden, kann man mit gesicherten Therapieempfehlungen in die Bluthochdruckbehandlung gehen.

In der Konsequenz bedeuteten diese Ergebnisse, dass Frauen bis dahin oft falsch behandelt wurden. Nur die wenigsten Beipackzettel enthalten zum Beispiel Dosierungsanleitungen nach Körpergewicht oder spezielle Hinweise für Frauen, die über die Angaben bei Einnahme während der Schwangerschaft hinausgehen. Der höhere Körperfettanteil von Frauen sorgt zum Beispiel für eine leichtere Aufnahme fettlöslicher Arzneien.

Sensibilität wächst

Allerdings ist in den letzten Jahren die Sensibilität für diese Fragestellung deutlich gestiegen. Sowohl Arzneimittelzulassungsbehörden weltweit, als auch die pharmazeutischen Hersteller nehmen diese Herausforderung sehr ernst.

Die Medikamentenforschung ist aber nicht der einzige Bereich, in dem "Gender Mainstreaming", sozusagen die "Frauenverträglichkeitsprüfung", praktiziert wird. In der Bundesrepublik gibt es seit Ende der neunziger Jahre verstärkte Bemühungen, geschlechtspezifische Betrachtungen in alle Bereiche der Medizin einfließen zu lassen. Dazu stellte die Gesundheitsministerkonferenz 2001 fest, dass die zu geringe Beachtung geschlechtsrelevanter Bedürfnisse zur Über- Unter- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen beiträgt.

Über das Wohlbefinden des Einzelnen hinaus hat dieser Ansatz auch eine gesamtgesundheitspolitische Relevanz. Die Bundesregierung veröffentlichte 2001 den ersten "Frauengesundheitsbericht", der innovative Ansätze in Praxis und Forschung, aber auch jede Menge Vorurteile, Lücken und Defizite aufzeigte.

Keine reine Männersache

Eines der besten Bespiele für die notwendige Unterscheidung zwischen Erkrankungen bei Männern und Frauen ist, wie bereits geschildert, der Herzinfarkt. Geschlechterunterschiede machen sich hier z.B. auch bei der Symptomatik bemerkbar: Während Männer über "typische" Symptome wie Atemnot, Brustschmerzen und Taubheitsgefühl im linken Arm klagen, macht sich ein Herzinfarkt bei Frauen oft mit Übelkeit, Druckgefühl im Oberbauch oder auch mit Rückenschmerzen bemerkbar. Entsprechend vergeht bei der Diagnose eines Herzinfarktes bei Frauen oft mehr Zeit als bei Männern, weil die Symptome nicht eindeutig sind und die Möglichkeit eines Herzinfarktes nicht in Betracht gezogen wird.

Interessant ist auch, dass Frauen ihre Symptome häufig eher ganzheitlich beschreiben, während Männer klare körperliche Symptome zeigen. Umgekehrt erfahren Männer viel zu wenig Unterstützung bei psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen, weil bei Ihnen eher nach körperlichen Anzeichen gesucht wird. Vom "Gender Mainstreaming" in der Medizin mit einem biologisch-psychosozialen Ansatz profitieren also beide Geschlechter.

Verhalten optimistisch

Mediziner/Innen wie Politiker/Innen haben den geschlechtsspezifischen Ansatz in der Medizin als Chance erkannt. In Zeiten knapper Kassen sehen die Beteiligten im Gender Mainstreaming eine Möglichkeit zur Verbesserung des deutschen Gesundheitswesen. Der Bundestag hat inzwischen beschlossen, bei allen Fördervorhaben im Gesundheitswesen geschlechtsbezogene Aspekte zu berücksichtigen. An den Hochschulen halten mittlerweile Vorlesungen über Gender Mainstreaming in der Medizin Einzug und auch in der Ärzteschaft tut sich einiges.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat als erste Kammer einen Ausschuss "Gender-Mainstreaming" eingerichtet. Der Ärztinnenbund setzt sich weiter vehement für mehr Frauen in Hochschule und Forschung ein. Denn wenn mehr Frauen für Frauen forschen, werden auch die Belange der Patientinnen mehr berücksichtigt.

Für die Patienten wird es aber noch eine ganze Weile dauern, bis sich neue Dosierungsempfehlungen oder grundsätzlich andere Behandlungsansätze bieten. Bis dahin bleibt ihnen nur, das Thema durch ihr eigenes Interesse voranzutreiben, sich umfassend zu informieren und so dafür zu sorgen, dass Chancengleichheit in der Medizin zur Sel bstverständlichkeit wird.

Aktualisiert: 04.12.2013

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