Häusliche Gewalt macht krank!

Opfer häuslicher Gewalt © rawpixel (Symbolfoto)

Fast ein Viertel aller Frauen machen in ihrem Leben Gewalterfahrungen, die sie gesundheitlich beeinträchtigen: sie werden vergewaltigt, misshandelt oder sexuell missbraucht. Zum größtenTeil finden diese gewalttätigen Übergriffe im "sozialen Nahfeld" statt.

Häusliche Gewalt ist eine der größten Gesundheitsgefährdungen für Frauen in Deutschland – bundesweit. Und zu 95% sind Frauen die Opfer der Gewalttaten im häuslichen Bereich, unabhängig ob es sich um subtilen Formen der Gewaltausübung durch Verhaltensweisen, die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Geschädigten/des Geschädigten ignorieren, oder um Demütigungen, Beleidigungen und Einschüchterungen sowie psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigungen und Tötungen handelt.

Zwar gibt es auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen Gewalttaten, doch fallen sie zahlenmäßig ebenso wenig ins Gewicht wie Gewalt von Frauen gegen Männer in einer Beziehung.

Ausweglose Situation?

Opfer häuslicher Gewalt empfinden ihre Situation oftmals als ausweglos:

  • Statt Geborgenheit erleben sie Gewalt, denn der Täter ist oder war ein geliebter Mensch.
  • Bedrohung, Isolation und Kontrolle durch den gewalttätigen Partner verunsichern und erschüttern das Selbstwertgefühl.
  • Fast immer sind auch Kinder betroffen; deshalb geht mit allen Folgeentscheidungen häufig die Sorge einher, den Kindern "einen Elternteil wegzunehmen", falls man sich zur Trennung entschließt.
  • Finanzielle Abhängigkeiten zwischen Opfer und Täter sowie fehlende ökonomische Perspektiven erschweren den Schritt zur Trennung.

Anlaufstelle Arzt

Frauen, die häusliche Gewalt erleben, verschweigen das Erlebte häufig und sind aus zahlreichen Gründen selten bereit, Anzeige bei der Polizei zu erstatten oder sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Allerdings nehmen sie Notfallambulanzen, gynäkologische und allgemeinmedizinische Arztpraxen in Anspruch, um ihre Verletzungen versorgen zu lassen. Ärzte sind daher oft die einzigen und meist die ersten Ansprechpartner für Frauen, die Gewalt erlitten haben. Doch kaum ein Arzt hat in Aus- oder Weiterbildung gelernt, was er bei einer Patientin beachten sollte, bei der er Gewaltanwendung hinter den Symptomen vermutet.

Gewalt wahrnehmen

Dabei sind Ärzte in zweierlei Hinsicht gefordert: Sie müssen die Verletzungen und Symptome ihrer Patienten auch unter dem Gesichtspunkt "Häusliche Gewalt" wahrnehmen, die Möglichkeit von Gewalterfahrungen überhaupt zulassen und im Bewusstsein haben. Dies ist besonders wichtig, weil sich gerade Langzeitfolgen gewalttätiger Übergriffe oft in chronischen, psychischen und pyschosomatischen Beschwerden äußern können. Angstzustände, langanhaltende Schlafstörungen, Essstörungen, Suchtgefährdung, anhaltende gynäkologische Beschwerden können ebenso Folge von Gewalt an Frauen sein wie Hämatome, ausgeschlagene Zähne, Knochenbrüche oder Verletzungen im Genitalbereich.

Gesundheitliche Folgen behandeln

Daneben müssen Ärzte in der Lage sein, die Verletzungen und gesundheitlichen Folgeschäden angemessen zu behandeln und zu dokumentieren, damit diese Dokumentation als Beweismittel genutzt werden kann. Der behandelnde Arzt/Ärztin muss das Gespräch mit der misshandelten Frau sensibel führen können und Lösungen oder weitere Wege aufzeigen können.

Die richtige Ansprache finden

In den seltesten Fällen bringen Frauen die Gewalt, die ihnen angetan wurde, selbst zur Sprache. Untersuchungen zeigen aber, dass sie es als Erleichterung empfinden, vom Arzt oder der Ärztin angesprochen zu werden. Subtile Hinweise, wie etwa die Auslage entsprechenden Informationsmaterials im Wartezimmer, können die traumatisierte Patientin daraufhinweisen, dass ihr Arzt/ihre Ärztin um die Problematik häuslicher Gewalt weiß. In der Bundesrepublik gibt es seit einiger Zeit Ansätze, Mediziner besser für das Thema "Häusliche Gewalt" zu sensibilisieren. So wurde zum Beispiel mit dem Interventionsprojekt "Signal" in der Erste-Hilfe-Station der Berliner Universitätsklinik Benjamin Franklin ein Ansatz zur besseren Vorbereitung der Mediziner wissenschaftlich begleitet. Dabei wurde festgestellt, dass 63,9 Prozent der befragten Frauen der Meinung sind, dass bei einer Anamnese generell nach erlebter Gewalt gefragt werden sollte. Nur 4,6 Prozent der betroffenen Frauen fanden diese Frage unnötig. Für das Gespräch selbst sollte eine ruhige Umgebung gewählt werden, in der Unterbrechungen unterbleiben. In keinem Fall sollte die Ehrlichkeit der Patientin angezweifelt werden oder versucht werden, den Vorgang zu bagatellisieren.

Aktualisiert: 13.03.2018 – Autor: Susanne Köhler

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