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Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Frau besorgt wegen Geschlechtskrankheiten © istockphoto, Kerkez (Symbolfoto)

Sex macht Spaß und ist gesund. Doch manchmal folgt dem Beischlaf das böse Erwachen. Dann nämlich, wenn Krankheitserreger auf Reisen gehen und sich einen neuen Wirt suchen. Erfolg haben sie jedoch nur bei ungeschütztem Verkehr. Die Geschichte der Geschlechtskrankheiten ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Nicht immer wusste man, auf welchem Weg sie übertragen wurden, häufig wurden sie auch als gerechte göttliche Strafe für allzu menschliche Laster interpretiert.

Unwissenheit ermöglicht Verbreitung

Bis heute wird über Geschlechtskrankheiten oftmals nicht oder nur verschämt gesprochen, was nicht verwundert bei einem Thema, das gleichzeitig mit Sexualität und Krankheit oder sogar Tod zu tun hat. Doch erst Unwissenheit ermöglicht, dass Geschlechtskrankheiten nach wie vor eine Geißel der Menschheit sind.

In den letzten Jahren ist sogar in den Industrienationen wieder ein Anstieg der Erkrankungsraten zu verzeichnen – und dies allen Aufklärungs- und Safer-Sex-Kampagnen im Gefolge der HIV-Epidemien zum Trotz.

Von Mikroben und Menschen

Geschlechtskrankheiten beziehungsweise sexuell übertragbare Krankheiten (sexually transmitted diseases = STD) bezeichnen Infektionen, die vorwiegend durch Sexualkontakt übertragen werden und in erster Linie die Geschlechtsorgane befallen. Da eine Infektion nicht zwingend zu einem Krankheitsbild führen muss, ist auch der Begriff sexuell übertragbare Infektion (sexually transmitted infection = STI) üblich.

Früher wurden zu dem Begriff nur die folgenden "klassischen Geschlechtskrankheiten" gezählt:

  • Tripper (Gonorrhö),
  • Syphilis (Lues),
  • weicher Schanker (Ulcus molle)
  • venerische Lymphknotenentzündungen (Lymphogranuloma venereum

Heute fasst man darunter auch:

  • virale Infektionen wie Herpes genitalis, Warzen und Zytomegalie
  • durch Bakterien hervorgerufene Entzündungen vor allem des Urogenitaltraktes (zum Beispiel Infektionen durch Chlamydien)
  • Mykoplasmen
  • Calymmatobacterium granulomatis (Gardnerella vaginalis)
  • durch Protozoen übertragene Krankheiten (Trichomoniasis), (Giardiasis und Amöbiosis [vor allembei Homosexuellen])
  • Pilzerkrankungen (Soor)
  • durch Parasiten übertragene Erkrankungen (Krätze, Filzläuse)
  • Hepatitis A und B
  • Cytomegalie
  • Mononukleose
  • HIV / Aids

Die letzten drei der genannten Krankheiten werden dazu gerechnet, auch wenn sie nicht nur über Geschlechtsverkehr übertragen werden und nicht primär die Geschlechtsorgane befallen.

Überleben in feucht-warmen Milieu

Auch wenn solche Viren, Bakterien, Milben und andere Mikroben teilweise sehr unterschiedliche Symptome hervorrufen, ist ihnen gemeinsam, dass sie sich im feucht-warmen Milieu besonders wohlfühlen. Deshalb lassen sie sich in den Schleimhäuten der Geschlechtsorgane, des Mundes und des Enddarmes häuslich nieder. Außerhalb dieser Lieblingsplätze haben sie dagegen keine Chance, lange zu überleben.

Wenn sie auf Reisen gehen wollen, müssen sie also die Gelegenheit abwarten, mit anderen Schleimhäuten in Berührung zu kommen. Handtücher, Toilettendeckel, Unterwäsche, Türklinken oder Bettwäsche sind dagegen nach kürzester Zeit ihr Untergang.

Reisefieber und Katzenjammer

Ein Grund für den Wiederanstieg der Erkrankungen ist sicher die Reiselust der Bevölkerung in Deutschland. Fernreisen sind en vogue – und mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden. Ende des letzten Jahrtausends unternahmen die Deutschen 44,5 Millionen Urlaubsreisen, davon etwa 10 Prozent in subtropische und tropische Regionen. Im Jahr 2015 waren es schon 69,1 Millionen Urlaubsreisen. Doch auch die Zahl berufsbedingter Fernreisen ist stark angestiegen.

Die Gefahr, sich als Reisesouvenir mehr als nur einen kurz andauernden Brechdurchfall mitzubringen, ist nicht zu verkennen. Zwar kommen schätzungsweise nur etwa 0,2 bis 0,3 Prozent der Fernreisenden mit einer Geschlechtskrankheit oder Hepatitis B zurück, das entspricht aber immerhin 10.000 Menschen pro Jahr.

Sexualkontakte im Ausland

Aussagekräftige Statistiken über Lust und Frust auf Reisen sind naturgemäß eher rar gesät. In der Gesundheitsberichterstattung des Bundes war laut einer Umfrage des "Studienkreises für Tourismus" von etwa 8,5 Prozent der Reisenden die Rede, die mit auf der Reise oder im Ferienland kennen gelernten Personen Sexualkontakte pflegten. Dies würde hochgerechnet etwa 2,2 Millionen Deutschen pro Jahr entsprechen!

Bei einer anderen Befragung heterosexueller Männer gaben 23 Prozent an, bei solchen Sexualkontakten nie Kondome benutzt zu haben, 20 Prozent hatten nicht regelmäßig Kondome benutzt. Berücksichtigt man diese Zahlen, erscheint das Risiko einer Infektion mit einer Geschlechtskrankheit nicht unerheblich.

Insbesondere ältere "Sextouristen", die bereits mit der Intention verreisen, Sexualkontakte vor allem zu jüngeren einheimischen Frauen zu haben, verzichten gern auf diesen Schutz. So geht man zum Beispiel bei der akuten Hepatitis B von bis zu 50.000 Neuinfektionen pro Jahr aus, die unter andrem auch über sexuellen Kontakt übertragen werden. Dies geschieht bei etwa einem Viertel der Fälle bei Auslandsreisen.

Harte Fakten und dunkle Ziffern

Bis zum Jahre 2001 waren Ärzte verpflichtet, Infektionen mit Gonorrhö, Syphilis, Ulcus molle und Lymphogranuloma venerum anonym, also ohne Weitergabe von Patienteninformationen zu melden. Derzeit erfolgt eine nicht-namentliche Meldung nur noch über das Labor und zwar verpflichtend bei Nachweis von HIV, Syphilis-, und Hepatitiserregern. Damit wird es schwieriger, verlässliche Daten zur Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu erhalten.

Ärzte fordern nun, Gonorrhö erneut zur meldepflichtigen Geschlechtskrankheit zu machen und auch Chlamydien zu einer solchen zu erklären, da diese beiden Krankheiten eine beachtliche Zahl an Neuerkrankungen aufweisen. Schätzungen zufolge sind allein in Deutschland im Jahr 2011 80.000 Menschen an Chlamydien und 10.000 Menschen an Gonorrhö erkrankt.

Die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen an meldepflichtigen Geschlechtskrankheiten hat sich seit 2001 mehr als vervierfacht, im Jahr 2015 betrug sie knapp 7.000. Man schätzt, dass die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht gemeldeten Erkrankten, ein Vielfaches der offiziellen Anzahl beträgt. Pro 100.000 Einwohner gab es im Jahr 2015 offiziell acht Menschen mit einer meldepflichtigen Geschlechtskrankheit. Die tatsächliche Zahl wird auch hier um einiges höher liegen als die offiziellen Angaben. In den 90er-Jahren schätzte das Robert-Koch-Institut die Dunkelziffer bei Gonorrhö auf 85 Prozent.

Verantwortungslosigkeit ist ein Problem

Nicht selten haben Betroffene auch mehrere Infektionen gleichzeitig oder bereits eine oder mehrere Geschlechtskrankheiten gehabt. Selbst wenn man die Unsicherheiten berücksichtigt, die solchen Schätzungen eigen sind, zeigt sich doch, dass nicht nur in der dritten Welt sexuell übertragbare Krankheiten ein ernstzunehmendes Problem darstellen.

Durch die nach wie vor vorhandene Tabuisierung des Themas und Stigmatisierung Betroffener kann die Ausbreitung nur schwer gestoppt werden. Die Bedrohung durch Aids hat durch wirksamere Therapien ihren akuten Schrecken verloren. Damit trägt auch eine zunehmende Sorglosigkeit beim Sexualverkehr mit Fremden und der Verzicht auf Kondome dazu bei, dass Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch sind.

Vermutlich werden auch immer häufiger die Erreger beim ungeschützten Oralsex übertragen – eine Praktik, deren Risiko meist unterschätzt wird. Insbesondere bei Jugendlichen ist die Aufklärung über Ursachen und Symptome oft unzureichend, was sie – auch durch ihre Promiskuität –besonders anfällig für Infektionen macht. Und aufgrund ihrer Unwissenheit oder aus Angst und Scham lassen sie sich nicht behandeln und tragen die Erkrankung weiter. Erschwerend kommt hinzu, dass durch unzureichende medizinische Betreuung in einigen Teilen der Welt auch die Verbreitung neuer, widerstandsfähigerer Erreger gefördert wird.

Auf den Punkt gebracht

  • Gefährlich: Geschlechtskrankheiten sind auch heute von Bedeutung und gefährden die Gesundheit, insbesondere wenn sie zu spät erkannt und behandelt werden.
  • Leise: Geschlechtskrankheiten können ohne Symptome auftreten und so unbemerkt weiterverbreitet werden.
  • Mehrfach: Verschiedene Geschlechtskrankheiten können auch gleichzeitig auftreten.
  • Wiederkehrend: Geschlechtskrankheiten kann man immer wieder bekommen.

Der sicherste Weg, sich vor einer Infektion zu schützen, ist der Gebrauch von Kondomen, am besten in Kombination mit einer Spermien abtötenden Salbe.

Aktualisiert: 20.02.2017 – Autor: Dagmar Reiche

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