Lifeline Logo

Sublinguale Immuntherapie – "Allergie-Impfung" ohne Nadeln

Mann im Frühling nach Sublingualer Immuntherapie © JESHOOTS

Frühling- und Sommerzeit: Für die meisten Menschen ein Grund zur Freude, für Pollen-Allergiker ist diese Zeit verbunden mit einer laufenden Nase, juckenden Augen und Atembeschwerden. Mit der spezifischen Immuntherapie lassen sich die Ursachen von Heuschnupfen wirksam bekämpfen mittlerweile sogar mit Tropfen statt mit der Spritze. Dies wird als sublinguale Immuntherapie (SLIT) bezeichnet. Wie die "Allergie-Impfung" funktioniert und was dabei zu beachten ist, erfahren Sie hier.

Pollen machen Allergikern das Leben schwer

Heuschnupfen-Geplagte haben es in den warmen Monaten schwer: Wenn andere ihre Fenster aufreißen und mit dem Fahrrad ins Grüne fahren, müssen sie das Lüften auf nachts verschieben, sich vor dem Schlafengehen die Haare waschen und – wenn sie sich nach draußen gewagt haben – ihre Kleidung vor der Schlafzimmertür lassen. So mancher Allergiker verlegt seinen Jahresurlaub ins Hochgebirge, um dem Pollenflug zu entgehen.

Zwar lassen sich die Beschwerden mit verschiedenen Mitteln lindern, doch Betroffene sind immer gefährdet, bekannte oder neue Symptome bis hin zu einem allergischen Schock zu entwickeln. Häufig verschlimmert sich die Allergie über die Jahre oder die Beschwerden verlagern sich von einem Organ auf ein anderes. So kann die Allergie auf Gräser- oder Baumpollen als Schwellung der Nasenschleimhaut beginnen und sich später zu einem Asthma der Lunge entwickeln.

Allergie Überempfindlichkeit des Immunsystems

Der Organismus eines Allergikers reagiert intensiv auf körperfremde, aber harmlose Stoffe Allergene genannt beurteilt diese als gefährlich und versucht, sie zu bekämpfen.

Das Immunsystem bildet dabei besonders Immunglobulin-E-Antikörper, die sich auch im Blut nachweisen lassen. Diese verursachen die typischen Symptome einer Allergie wie: 

  • Schleimhautschwellung
  • Niesen
  • Augenjucken
  • Atembeschwerden

Heilung durch Hyposensibilisierung

Die derzeit einzige Möglichkeit, das Übel an der Wurzel zu packen, ist die spezifische Immuntherapie (SIT), die auch als Hyposensibilisierung oder "Allergie-Impfung" bezeichnet wird. Mit dieser setzt man am Entstehungsprinzip der Allergie an.

Bei der Hyposensibilisierung wird dem Körper die Substanz, auf die er allergisch reagiert, regelmäßig in zunächst sehr kleinen, dann immer weiter ansteigenden Dosen zugeführt. Damit wird erreicht, dass er sich daran gewöhnt, statt sie aggressiv zu bekämpfen.

Hyposensibilisierung: Spritzen versus Schlucken

Seit vielen Jahren wird die spezifische Immuntherapie erfolgreich mittels der subkutanen Immuntherapie (SCIT) also mittels einer Behandlung durch Spritzen durchgeführt. Über drei Jahre hinweg erhält der Patient zunächst wöchentlich, später monatlich am Oberarm eine Injektion mit steigenden Dosen unter die Haut (subkutan).

Anschließend muss er noch mindestens 30 Minuten in der Praxis bleiben, da behandlungspflichtige allergische Reaktionen auftreten können. Insgesamt ist die SCIT also ein sehr zeitintensives Unterfangen, das vom Betroffenen Disziplin und Durchhaltevermögen erfordert.

Eine andere Möglichkeit kann die "Allergie-Impfung" durch Tropfen oder Tabletten sein.

SLIT: Sublinguale Immuntherapie als Alternative

Als Alternative ist nun seit einigen Jahren die sublinguale Immuntherapie (SLIT) bekannt. Dabei träufelt sich der Allergiker täglich eine bestimmte Anzahl von Tropfen selbst unter die Zunge (sublingual) oder er nimmt Tabletten ein. Das Präparat muss dann einige Minuten unter der Zunge behalten und danach geschluckt werden.

Auch hier wird die Behandlung über einen Zeitraum von drei Jahren durchgeführt und die Dosis nach einem festgelegten Plan gesteigert. Der Patient muss sich regelmäßig beim Arzt vorstellen.

Bei der sublingualen Immuntherapie ist zu beachten, dass man die Tropfen oder Tabletten nicht direkt nach dem Zähneputzen einnehmen sollte. Denn dieses reizt bestimmte Bereiche der Mundschleimhaut und es kann dort unter Umständen zu Nebenwirkungen wie Juckreiz kommen.

Bei welchen Allergien hilft eine Hyposensibilisierung?

Mit der Hyposensibilisierung werden vor allem Allergien gegen Pollen und – besonders erfolgreich – Allergien gegen Bienen- und Wespengift behandelt. Bei letzteren beträgt die Erfolgsquote 90 Prozent, bei einer Pollenallergie liegt sie bei 60 bis 70 Prozent und bei einer Allergie gegen Hausstaubmilben bei 50 Prozent.

Weniger empfehlenswert ist die Methode bei Allergien gegen Sporen von Schimmelpilzen oder Tierhaare, bei Neurodermitis oder bei einer Nahrungsmittelallergie.

Für Menschen mit schwerem Asthma und Patienten, die aufgrund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung Betablocker einnehmen, ist eine Hyposensibilisierung weniger gut geeignet.

Wann sollte man eine Hyposensibilisierung durchführen?

Bei beiden Formen der Hyposensibilisierung wird vor dem Beginn der Therapie vom Arzt anhand verschiedener Tests bestimmt, auf welche Allergene der Betroffene reagiert. Mit der Behandlung sollte in der pollenfreien Zeit im Herbst begonnen werden und möglichst bevor sich Allergien gegen mehrere Stoffe, schwerere Formen oder ein allergisches Asthma entwickelt haben. Eine Therapie ist bereits im Kindesalter möglich.

Vorteile der sublingualen Immuntherapie

Die Vorteile der sublingualen Immuntherapie liegen zunächst auf der Hand:

  • Die Behandlung ist schmerzfrei.
  • Die Betroffenen müssen nicht ständig eine Praxis aufsuchen, sondern können die Tropfen oder Tabletten selbstständig an einem beliebigen Ort einnehmen.
  • Der Zeitbedarf ist geringer und es sind weniger Termine beim Arzt nötig.
  • Die Gefahr eines allergischen Schocks und anderer Nebenwirkungen ist geringer.

Nachteile der sublingualen Immuntherapie

Demgegenüber stehen aber auch einige Nachteile:

  • Die sublinguale Immuntherapie hat geringere Erfolgschancen als die subkutane.
  • Die sublinguale Immuntherapie in Tablettenform ist bislang nur für bestimmte Allergene zugelassen.
  • Es liegen im Gegensatz zur subkutanen Immuntherapie nicht für alle Allergene klinische (Langzeit-)erfahrungen und vor.
  • Es gibt bisher nur wenige Studien zu dieser Behandlung (besonders im Kindesalter und im direkten Vergleich mit der SCIT) und die Ergebnisse widersprechen sich zum Teil.
  • Die Einnahme muss täglich erfolgen.

Wie funktioniert die sublinguale Immuntherapie?

Letztlich ist bei der sublingualen Immuntherapie das genaue Wirkprinzip nicht bekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es keine "Schluckimpfung" ist, das heißt die Tropfen wirken auch dann, wenn sie nicht in den Magen-Darm-Trakt gelangen.

Vermutlich veranlassen sie die Zellen der Mundschleimhaut dazu, bestimmte Substanzen zu produzieren, welche die Erzeugung der allergieauslösenden Immunzellen hemmen. Daher wird der sublingualen Immuntherapie bisher noch nicht der gleiche Status anerkannt wie der subkutanen Form.

Aktualisiert: 19.06.2019 – Autor: Dagmar Reiche

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?