Polyneuropathie: Formen und Symptome

Polyneuroradikulitis Typ Guillain-Barré

Dieser akut auftretenden Form der Polyneuropathie liegt wahrscheinlich eine Überreaktion des Immunsystems zugrunde, das sich gegen körpereigenes Nervengewebe richtet. Die Erkrankung tritt in ungefähr 1,7 Fällen auf 100.000 Einwohner pro Jahr auf. Fast auschließlich werden motorische Nervenfasern betroffen, sodass vom Beschwerdebild her plötzlich auftretende Muskellähmungen im Vordergrund stehen.

Polyneuroradikulitis: Verlust der Muskelreflexe

Die Lähmungen konzentrieren sich primär auf den Beckengürtel- und Schulterbereich und sind an Hand- und Fußmuskeln geringer ausgeprägt. In schwereren Einzelfällen können auch Gesichts-, Augen, Schlund- und Rumpfmuskulatur betroffen sein. Typischerweise zeigt sich ein völliger Verlust der Muskelreflexe. Gefühlsstörungen treten im Vergleich zu den Erscheinungen von Seiten des Muskelsystem deutlich in den Hintergrund.

Verlauf der Polyneuritis Guillain-Barré

Die Polyneuritis Guillain-Barré gehört zur Kategorie der Polyneuropathien, die mit einer Schädigung der Nervenisolationsschicht einhergehen. Dementsprechend kann sie auch aufgrund der deutlich verminderten Leitungsgeschwindigkeiten der peripheren Nerven von anderen Formen der Polyneuropathie abgegrenzt werden.

Vom Verlauf der Erkrankung her wird eine akute Form meist mit günstiger Heilungstendenz von einer chronischen Form mit schlechterer Prognose unterschieden. Aber auch bei der akuten Form besteht die Möglichkeit tödlicher Komplikationen durch Atemlähmung oder schwerwiegende Herzrhythmusstörungen. Insgesamt reicht das Spektrum möglicher Erscheinungsformen von nur geringen Beschwerden mit leichter Ermüdbarkeit und uncharakteristischen Missempfindungen über eine scheinbar isolierte Lähmung eines Muskels zum Beispiel am Bein bis zu plötzlich von den Beinen "aufsteigenden" Lähmungen des ganzen Körpers.

Diabetische Polyneuropathie

Ungefähr 30 Prozent aller Polyneuropathien sind auf Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) zurückzuführen, wobei die Polyneuropathie manchmal nur ein untergeordnetes Symptom darstellt, in Einzelfällen aber auch das Beschwerdebild beherrschen kann. Grundlage der Nervenschädigung sind chronische Gefäßveränderungen und Durchblutungsstörungen.

Bei den sensorischen Formen der diabetischen Polyneuropathie stehen vom Beschwerdebild her meistens Gefühlstörungen der Beine im Vordergrund, die von Gefühllosigkeit bis zum Bild der "brennenden Fußsohlen" reichen. Zudem können schmerzhafte Muskelkrämpfe im Ober- und Unterschenkel oder allgemein dumpfe, im Liegen verstärkte Schmerzen im Lenden-, Leisten- und Oberschenkelbereich hinzukommen.

Bei Befall von motorischen Nervenfasern können zusätzlich Lähmungen der Becken- und Schultergürtelmuskulatur, manchmal auch der Hände und Füße auftreten. Man findet dabei alle Schweregrade von frühzeitiger Ermüdbarkeit der Muskeln bis zu schweren Lähmungen mit Muskelverkrampfungen. In einzelnen Fällen kann auch die Gesichts- und Augenmuskulatur mitbetroffen sein.

Befällt die Polyneuropathie auch Fasern des vegetativen Nervensystems, können Störungen der Schweißabsonderung sowie der Herzkreislauffunktion die Folge sein. Das Ausmaß der diabetischen Polyneuropathie steht oftmals in keinem direkten Zusammenhang zur Schwere der Zuckerkrankheit. Der Verlauf der Erkrankung gestaltet sich entweder schleichend mit ganz allmählicher Zunahme der Beschwerden oder akut, vor allem bei denjenigen Formen, die mit Muskellähmungen im Beckengürtelbereich einhergehen.

Alkoholische Polyneuropathie

Die alkhoholbedingte Polyneuropathie ist entweder Ausdruck der direkt toxischen Wirkung des Alkohols auf Nervengewebe oder Folgeerscheinung der Mangel- und Unterernährung, die bei Alkoholikern oft angetroffen wird. Das Beschwerdebild reicht von nur leichten Gefühlsstörungen oder Missempfindungen vorwiegend an den Füßen und Beinen bis zu stärkeren Schmerzen, Wadenkrämpfen und teilweise auch Muskellähmungen.

Besonders charakteristisch für die Alkoholpolyneuropathie ist die Lähmung des Peronealnerven, der an der Außenseite des Unterschenkels verläuft und für die Streckmuskulatur des Vorfußes zuständig ist. Als Folge davon können Vorfuß und Zehen nicht mehr aktiv angehoben werden, was meist zu einem einseitig auffälligen Gangmuster führt. Bei strenger Alkoholabstinenz, Normalisierung der Essensgewohnheiten und vor allem der Vitaminzufuhr (Vitamin B1) bilden sich die neurologischen Ausfälle und Beschwerden der Alkoholpolyneuropathie meistens ganz oder teilweise zurück.

Blei-Polyneuropathie

Eine besondere Form der Polyneuropathie tritt bei chronischer Bleivergiftung auf. Besonders bei Arbeitern in Akkumulatorenfabriken oder Personen, die beruflich oder privat mit Mennige oder bleihaltigen Farben in Kontakt kommen, besteht das Risiko, durch Einatmen oder über den Magen-Darm-Kanal giftige Mengen an Blei aufzunehmen. Bei chronischer Vergiftung klagen die Patienten über:

  • Kopfschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • Müdigkeit
  • Darmverstopfung
  • Darmkoliken

Ihre Haut ist blass bis graugelblich.

Die Polyneuropathie äußert sich charakteristischerweise durch eine Lähmung der Streckermuskulatur an den Händen, seltener auch an den Beinen. Unter Umständen kann es aber auch zu Lähmungen und Muskelschwund im Bereich des Daumens und Kleinfingerballens oder Funktionsstörungen im Bereich derjenigen Muskeln kommen, die für die Spreizung der Finger und Zehen zuständig sind. Die Sensibilität ist meist weniger gestört als die Motorik, Schmerzen treten nicht auf. Hörverlust und Sehstörungen können ebenfalls Symptome einer Bleipolyneuropathie darstellen.

Die Nervenschädigungen sind nach Ausscheidung der Überkonzentrationen an Blei reversibel und hinterlassen nur geringe Funktionseinschränkungen an der Muskulatur.

Thallium-Polyneuropathie

Thalliumvergiftungen kommen vor allem nach oraler Aufnahme bestimmter Ratten- oder Mäusegiftmittel vor. Allgemeine Symptome der Vergiftung sind Schlaflosigkeit, vermehrter Speichelfluss, Herzrasen und Haarausfall. Die resultierende Polyneuropathie geht mit Missempfindungen und zum Teil starken Schmerzen in Füßen und Händen einher.

Sehr charakteristisch ist eine Überempfindlichkeit der Fußsohlen, wobei schon geringste Berührungen unerträgliche Schmerzen auslösen. Zusätzlich können vom Beckengürtelbereich absteigende Lähmungen sowie Muskelschwäche und Gefühlsstörungen im Gesichtsbereich auftreten. Auch nach Ausscheidung des Thalliums aus dem Körper können die neurologischen Ausfälle der Thalliumpolyneuropathie teilweise bestehen bleiben.

Arsen-Polyneuropathie

Auch die seltene Arsenvergiftung kann das periphere Nervensystem im Sinne einer Polyneuropathie schädigen. Analog der Thalliumvergiftung bestehen unangenehme Missempfindungen und Schmerzen in den Händen und Füßen. Die Lähmungserscheinungen konzentrieren sich aber im Gegensatz zur Thalliumpolyneuropathie eher auf die Hand- und Fußregion als auf Becken- und Schultergürtel. Ein vollständige Rückbildung der neurologischen Ausfälle erfolgt meistens nicht.

Polyneuropathie bei Immunerkrankungen des Gefäßsystems

Besonders eine spezielle Form der immunbedingten Gefäßerkrankungen, die Panarteriitis nodosa, tritt häufig in Kombination mit Polyneuropathie auf. Wie alle anderen Organsymptome der Erkrankung erklärt sich dabei die Polyneuropathie als Ausdruck von Durchblutungsstörungen im Bereich des peripheren Nervensystems. Erstsymptom sind oftmals sensible Reizerscheinungen wie heftige Muskel- und Nervenschmerzen. Im weiteren Verlauf kommt es zu Muskellähmungen und Muskelschwund.

Polyneuropathie bei rheumatischer Arthritis

Im Verlauf einer rheumatoiden Arthritis können sich auch Symptome einstellen, die in erster Linie auf Störungen der Durchblutung des peripheren Nervensystems zurückzuführen sind. Die Beschwerdebilder reichen von sensiblen oder motorischen Ausfällen im Versorgungsgebiet einzelner Nerven (zum Beispiel an den Händen) über isolierte Gefühlsstörungen der Finger ohne Beteiligung des Daumens bis zu akut auftretenden Schmerzen und Missempfindungen an den Beinen mit nachfolgenden Lähmungserscheinungen.

Die Prognose dieser Polyneuropathie ist bei kombiniertem Befall des sensiblen und motorischen Nervensystems ungünstiger als bei reinen Gefühlsstörungen.

Aktualisiert: 17.05.2017 – Autor: Udo Schmidt

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