Multiresistenz: Killerkeime hausgemacht?

Killerkeime hausgemacht?

Neben den Kliniken als Infektionsherd tragen auch andere Tatsachen dazu bei, dass sich zunehmend Keime bilden, gegen die Medikamente nicht mehr gut wirken. Oft werden Antibiotika bei Erkrankungen verschrieben, die auch mit Hausmitteln therapierbar wären oder bei denen Antibiotika gar nicht helfen (zum Beispiel virale Infektionen wie Erkältungen).

Um sicherzugehen, verordnen manche Ärzte auch ein Antibiotikum, das ein großes Spektrum an Erregern angreift (Breitband-Antibiotikum), wenn auch ein spezieller wirksames Schmalspektrum-Antibiotikum ausreichen würde.

Schnelle Ausbreitung resistenter Keime

Der Trend, häufig und ungezielt Antibiotika zu verordnen, führt zu einem Anstieg der Resistenzen. So breiten sich zum Beispiel im osteuropäischen Raum zunehmend Tuberkuloseerreger aus, gegen die eine herkömmliche Therapie mit einer Dreierkombination wirkungslos ist. Offene Grenzen und Reiselust tragen ebenfalls dazu bei, dass sich resistente Erreger weltweit schneller ausbreiten als früher.

Aber auch viele Patienten helfen den Bakterien dabei, sich immer besser zu rüsten. Sie nehmen die Antibiotika nicht über den gesamten verordneten Zeitraum ein, sondern nur, bis sie sich besser fühlen. Zu diesem Zeitpunkt können sich die bereits geschwächten Erreger aber wieder erholen und dann ihre noch schwache Resistenz verbessern. Und beim nächsten Mal helfen die Medikamente nicht mehr.

Ähnliches gilt, wenn die Dosierung eigenmächtig verändert wird oder angebrochene Packungen "bei Bedarf" ohne Rücksprache mit dem Arzt weiterverwendet oder an andere weitergegeben werden. Auch ist zu beachten, dass eine Packung mit Antibiotikum nicht immer vollständig aufgebraucht werden muss. Antibiotikum sollte genau so lange eingenommen werden, wie der Arzt es verordnet hat.

Kläranlage, Kuh & Co.

Durch das Abwassersystem von Krankenhäusern können resistente Bakterien in Kläranlagen gelangen. Ob und wie weit sie dort abgetötet werden oder ihre Resistenz-Gene auf harmlose Wasserbakterien übertragen können, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt. In letzterem Fall würden diese dann wiederum über das Trinkwasser zum Menschen gelangen.

Gesichert ist dagegen, dass der unkontrollierte Umgang mit Antibiotika in der Tierzucht gefährlich ist. Die nicht nur zur Therapie, sondern auch vorbeugend oder zur Förderung des Wachstums verfütterten Medikamente führen zu resistenten Bakterien, die über die Nahrungskette auch den Menschen gefährden können.

Zwar gibt es in den Ländern der EU seit 2005 Beschränkungen, weltweit ist damit das Problem aber nicht gelöst. So sind zum Beispiel mittlerweile über 40 Prozent der Geflügel-Salmonellen gegen mindestens ein Antibiotikum resistent. Infiziert sich der Mensch mit solchen resistenten Salmonellen, kann er mit diesem Antibiotikum nicht behandelt werden.

Antibiotikaresistente Zellen in der Gentechnologie

Wenig bekannt und beachtet: In der Gentechnologie werden antibiotikaresistente Zellen zu Forschungszwecken eingesetzt. Als sogenannte Markergene – die so heißen, weil sie genetisch veränderte (transformierte) Zellen markieren sollen – werden sie auf einen mit dem jeweiligen Antibiotikum getränkten Nährboden gesetzt.

Während alle empfindlichen Zellen absterben, überleben diejenigen, die das Markergen aufgenommen haben – und damit auch das gewünschte Gen, welches der Pflanze eine neue Eigenschaft geben soll.

Gentransfer befürchtet

Mittlerweile befürchtet man, dass die Bakterien Erbgutmaterial der genetisch veränderten Pflanzen aufnehmen und bei sich einbauen könnten – und damit selbst resistent gegen das entsprechende Antibiotikum werden. Solch ein "horizontaler Gentransfer" ist theoretisch überall möglich, wo bereits zersetztes Pflanzenmaterial auf große Bakterienmengen trifft: im Kompost, in der Silage, im Magen-Darm-Trakt von Menschen und Tieren.

Zwar ist ein solcher Gentransfer sehr unwahrscheinlich, dennoch kann er nicht ausgeschlossen werden. So ist in der EU-Freisetzungsrichtlinie vom Herbst 2002 die Verwendung von Antibiotikarestistenzmarkern erheblich eingeschränkt, doch nicht generell verboten worden.

Aktualisiert: 27.03.2019 – Autor: Dagmar Reiche

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