Chronische Schmerzen - Das Schmerzgedächtnis

Frau mit Kopfschmerzen © istockphoto, evgenyatamanenko

In Europa leiden rund zwei Drittel der Bevölkerung mindestens einmal in der Woche unter Schmerzen. Besonders betroffen: Patienten mit chronischen, also dauerhaften Schmerzen. Hier wird Schmerz statt als Symptom einer Erkrankung als eigenständige Krankheit betrachtet und behandelt. Eine große Rolle spielte in mehreren Symposien die Erkenntnis der letzten Jahre, dass gedächtnisähnliche Prozesse bei Schmerzkrankheiten eine große Rolle spielen.

Häufigkeit von Schmerzen

Nach Informationen der Deutschen Schmerzliga leiden in Deutschland acht bis zehn Millionen Menschen an chronischen Schmerzen etwa als Folge von Wirbelsäulenerkrankungen oder Knochenbrüchen. Hier hat der Schmerz seine Warnfunktion verloren.

Allein 250.000 Kinder sind laut der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes betroffen. 25 Prozent der älteren Menschen leiden an ständig vorhandenen oder wiederkehrenden Schmerzzuständen, die meistens von den Betroffenen oder auch von den Ärzten als schicksalhaft akzeptiert werden.

Das Schmerzgedächtnis

Ein sogenanntes Schmerzgedächtnis kann der Körper entwickeln, wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum bestehen und unbehandelt bleiben. Die Nervenbahnen, die den Schmerzimpuls durch den Körper leiten, werden dadurch ständig gereizt, ähnlich wie ein dauerhafter Trainingseffekt, mit der Folge, dass sich die Schmerzen verselbständigen. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München untersuchen Forscher, was bei Schmerzen in den Zellen passiert.

Wenn man sich verletzt oder eine Entzündung im Körper besteht, geben Nervenzellen im Rückenmark ein einfaches Signal ans Gehirn. Tritt der Reiz in regelmäßigen Abständen auf, reagiert die Zelle jedes Mal heftiger. Auch wenn der Reiz nicht stärker wird, sendet sie pausenlos Signale ans Gehirn. Prof. Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie sagte dazu in der ARD: "Wenn wir das 100 bis 200 Mal wiederholen, dann wird die Zelle, wie wir sagen, spontanaktiv. Dann braucht es gar keinen Schmerzreiz mehr, um die Zelle am Feuern zu halten. Und das würde bedeuten, dass unter Umständen in so einer Situation in der Peripherie, also in der Hand oder am Gelenk, überhaupt keine Entzündung mehr da sein muss. Und trotzdem tut es nach wie vor weh, weil diese Nervenzelle dem Gehirn meldet, hier ist noch etwas."

Dauerschmerz beeinflusst sogar die genetische Aktivität der Nervenzelle. Es bilden sich neue Eiweißketten, die die Zellmembran so verändern, dass die Nervenzelle nun schneller reagiert. Die Folge: mehr Schmerz.

Aktualisiert: 09.09.2016 – Autor: bo

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