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Interview: Was ist Schmerz?

Frau mit Schmerzen © istockphoto, ARTSUS

Wenn wir uns den Kopf stoßen oder aus Versehen eine heiße Herdplatte berühren, verspüren wir Schmerzen. Schmerzen sind ein Warnsignal unseres Körpers, der uns darauf hinweist, dass etwas nicht in Ordnung ist. Univ. Prof. Dr. Frank Birklein, Professor für Neurologie und neurologische Schmerzforschung an der medizinischen Fakultät der Universität Mainz, erklärt im Interview was Schmerzen sind, worin sich akute und chronische Schmerzen unterscheiden und was man speziell gegen Rückenschmerzen und Kopfschmerzen tun kann.

Was ist Schmerz?

Birklein: "Nach der Definition der IASP (International Association for the Study of Pain) ist 'Schmerz ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht, oder von betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche Gewebeschädigung die Ursache.'

In der Definition steckt, dass Schmerzen nicht immer eine eindeutige strukturelle Ursache haben müssen, sondern auch ohne offensichtlichen körperlichen Grund auftreten können. Die Ursachen von Schmerzen können dementsprechend harmlos, aber auch äußerst gravierend sein."

Manche Schmerzen sind bohrend, andere stechend oder brennend. Wodurch kommen diese verschiedenen Schmerzen zustande?

Birklein: "Warum genau es verschiedene Schmerzformen gibt, ist noch nicht abschließend geklärt. Wir wissen jedoch, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:

  • Der Entstehungsort: Je nach Entstehungsort nehmen wir Schmerzen unterschiedlich wahr: Schmerzen in der Muskulatur werden beispielsweise eher als ziehend oder drückend empfunden, während Schmerzen auf der Haut dagegen eher einen brennenden oder kribbelnden Charakter haben.
  • Der Mechanismus: Wenn wir uns mit einem Küchenmesser schneiden, spüren wir den Schmerz genau an der Stelle, an der er entsteht. In anderen Fällen - zum Beispiel bei Nervenschmerzen - spüren wir den Schmerz dort, wo die Nervenfasern hingehen, und nicht dort, wo die Nervenschädigung stattgefunden hat. Ein Beispiel dafür sind Phantomschmerzen nach Amputationen.
  • Die Nervenfasern: Der Schmerzimpuls kann über verschiedene Nervenfasern weitergeleitet werden: Einige dieser Nervenfasern leiten den Impuls sehr schnell weiter, andere eher langsam. Legen wir unsere Hand auf eine heiße Herdplatte, wird der Impuls zuerst sehr schnell weitergeleitet. Schmerzen, die über schnelle Nervenfasern übertragen werden, werden häufig als stechend wahrgenommen. Danach kommen die Schmerzen, die über langsame Nervenfasern weitergeleitet werden – das Brennen was wir nach einer Sekunde auf der Herdplatte verspüren."

Es gibt einige Menschen, die ihre Schmerzen ignorieren. Was kann das für Konsequenzen haben?

Birklein: "Schmerzen haben eine Warnfunktion, sie sollen uns darauf aufmerksam machen, dass mit unserem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Wenn wir nicht auf unseren Körper hören, kann es passieren, dass wir eine Krankheit übersehen: Wer über mehrere Tage Bauschmerzen hat, diese aber ignoriert, riskiert unter Umständen einen Blinddarmdurchbruch.

Schmerzen lassen sich allerdings nur ignorieren, wenn es sich um akute Schmerzen handelt. Haben wir beispielsweise gerade akut Kopfschmerzen, können wir über einen gewissen Zeitraum versuchen, die Schmerzen zu verdrängen. Bei chronischen Schmerzpatienten ist dies dagegen nicht möglich, denn der Schmerz bekommt bei ihnen mehr Gewicht."

Worin unterscheiden sich akute und chronische Schmerzen?

Birklein: "Der Unterschied zwischen akuten und chronischen Schmerzen liegt in der zeitlichen Dauer der Schmerzen. Bei Schmerzen, die weniger als drei Monaten andauern, sprechen wir von akuten Schmerzen. Schmerzen, die länger als sechs Monate andauern, werden dagegen als chronische Schmerzen bezeichnet. Der Zeitraum zwischen drei und sechs Monaten stellt eine Grauzone dar.

Für akute Schmerzen gibt es meist einen Grund, der sich finden und behandeln lässt: Beispielsweise haben wir drei Tage Schmerzen in unserer Hand, die wir auf die heiße Herdplatte gelegt haben. Chronische Schmerzen stellen dagegen ein eigenes Krankheitsbild dar, eine eindeutige Ursache lässt sich oft nicht mehr eruieren."

Wie entstehen chronische Schmerzen und welche Rolle spielt das Schmerzgedächtnis dabei?

Birklein: "Wenn man über einen längeren Zeitraum Schmerzen hat, erlernt das Nervensystem diese Schmerzen und speichert sie im sogenannten „Schmerzgedächtnis“ ab. Das Lernen erfolgt nicht bewusst, sondern unbewusst.

Durch das Erlernen des Schmerzes nehmen die Patienten den Schmerz oft auch dann noch als stark wahr, wenn er nur noch von schwachen Impulsen aus den Nerven unterhalten wird. Die Schmerzen entstehen dann dadurch, dass der Schmerzimpuls auf allen Ebenen des Nervensystems verstärkt wird. Bereits kleinste Berührungen können in einem solchen Fall starke Schmerzen auslösen.

Den Begriff Schmerzgedächtnis sollte man mit Vorsicht verwenden. Denn er impliziert, dass der Körper – ähnlich wie beim Schwimmen – etwas erlernt, das er dann nicht mehr verlernen kann. Dies ist beim Schmerzgedächtnis jedoch nicht der Fall. Allerdings ist es nicht einfach, einmal erlernte Schmerzen wieder zu verlernen. Ähnlich wie mit anderen erlernten Dingen kann man Schmerzen nämlich nicht aktiv verlernen.

Es ist allerdings möglich, das Schmerzgedächtnis zu überschreiben: Verspürt man beispielsweise schon bei leichten Berührungen Schmerzen, kann man diese Empfindung überschreiben, indem man wieder normales Fühlen erlernt. Dabei muss das Schmerzgedächtnis mit normalen Sinneseindrücken überschrieben werden. Normale Sinneseindrücke können Freude an der Bewegung oder soziale Teilhabe trotz Schmerzen sein."

Wie kann man akute Schmerzen behandeln und was kann man gegen chronische Schmerzen tun?

Birklein: "Akute Schmerzen lassen sich mit Schmerzmitteln bekämpfen. Verschwinden die Schmerzen nach einigen Tagen jedoch nicht oder finden sich noch andere Symptome - wie zum Beispiel hohes Fieber oder Blutungen, sollte ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache der Schmerzen abzuklären. Ist die Ursache bekannt, gilt es diese zu behandeln.

Bei chronischen Schmerzen helfen Schmerzmittel dagegen nur zum Teil. Deswegen werden meist auch andere Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Depression oder Epilepsie eingesetzt werden, in der Schmerztherapie verwendet. Diese sind zwar keine klassischen Schmerzmittel, wirken sich aber auf die Erregbarkeit des Nervensystems aus und können dadurch zu einer Linderung der Schmerzen beitragen.

Daneben besteht ein wichtiger Aspekt der Behandlung von chronischen Schmerzpatienten aber auch darin, dass die Patienten lernen, den Schmerz zu akzeptieren und mit dem Schmerz zu leben."

Wie viele Schmerzpatienten gibt es in Deutschland und was sind die häufigsten Schmerzsymptome?

Birklein: "Schätzungsweise leiden in Deutschland zwischen circa 5 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Nicht alle diese Schmerzen sind jedoch behandlungsbedürftig. So wird auch ein 85-jähriger Mann, der aufgrund von Verschleißerscheinungen in einem langen und erfüllten Leben unter Rückenschmerzen leidet, als Schmerzpatient gewertet.

Am weitesten verbreitet sind in Deutschland eindeutig chronische Rückenschmerzen. Danach folgen Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen sowie Schmerzen aufgrund von Nervenschädigungen."

Welchen Rat können Sie Menschen geben, die unter Rückenschmerzen leiden?

Birkein: "Bei akuten Rückenschmerzen sollte man zunächst überprüfen, ob noch weitere Beschwerden vorliegen: Wenn nur der Rücken weh tut, sollte man weiterhin aktiv bleiben und sich nicht im Bett oder auf dem Sofa schonen. Liegen jedoch weitere Beschwerden wie beispielsweise ein Taubheitsgefühl in den Beinen vor, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen: Dann könnten die Beschwerden auf einen Bandscheibenvorfall hindeuten.

Wenn die Rückenschmerzen mehrere Tage lang anhalten, sollte man zur Sicherheit ebenfalls zum Arzt gehen, um abklären zu lassen, ob die Schmerzen ernsthafte Ursachen haben. Dies ist zum Glück nur selten der Fall. Viel häufiger steckt eine muskuläre Ursache hinter den Schmerzen. Denn Rückenschmerzen sind heutzutage häufig auf das ständige Sitzen im Büro sowie zu wenig Bewegung zurückzuführen.

Werden die Rückenschmerzen durch muskuläre Probleme hervorgerufen, sollte man darauf achten, sich ausreichend zu bewegen, beim Arbeiten eine ergonomische Sitzhaltung einzunehmen und - bei starkem Übergewicht - sein Gewicht zu reduzieren."

Viele Menschen leiden häufig unter Kopfschmerzen. Welche Tipps können Sie ihnen geben?

Birklein: "Bei akuten Kopfschmerzen ist es durchaus ratsam, erst mal eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Verschwinden die Kopfschmerzen nach wenigen Tagen nicht, sollte man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Dabei ist es wichtig, dem Arzt die Schmerzen gut zu beschreiben.

Wenn man unter wiederkehrenden oder chronischen Kopfschmerzen leidet, sollte man stets nach dem Auslöser suchen und diesen dann möglichst vermeiden. Bei einer Migräneattacke sollte man Anstrengung, Licht und Lärm meiden und sich zum Beispiel ins Bett legen und versuchen zu schlafen. Chronische Kopfschmerzen sollten aber immer von einem Spezialisten therapiert werden."

Aktualisiert: 24.02.2012 – Autor: Kathrin Mehner

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