Blutegel, Maden & Co. zur medizinischen Behandlung

Blutegel auf einer Hand © Stones

Maden, Würmer und Blutegel sind nicht gerade die Haustiere, die man sich hält. Doch in der Medizin erfreuen sie sich zunehmender Beliebtheit. Als natürliches Säuberungskommando sollen sie Wunden reinigen, den Darm aufräumen und das Immunsystem aktivieren.

Viel Ekel, wenig Nebenwirkungen

Behandlungspraktiken unserer Vorfahren und effektive Therapiemethoden in der modernen Medizin: Fliegenmaden in Wunden, Blutegel auf der Haut bei Venenleiden und rheumatischen Beschwerden, Wurmeier zum Trinken bei chronischen Darmerkrankungen – was sich unappetitlich anhört, bringt in vielen Fällen einen durchschlagenden Erfolg. Es gilt vor allem, den Ekel bei Patienten und medizinischem Personal zu überwinden – ansonsten sind solche Behandlungen meist nebenwirkungsarm.

Fliegenmaden

Die Behandlung mit Maden ist durchaus länger bekannt, wurden aber seit den vierziger Jahren von den Antibiotika verdrängt. Erst in den letzten Jahren krabbeln die Tierchen wieder häufiger auf Wunden. Sie machen selbst Bakterien den Garaus, die unempfindlich gegen Antibiotika sind, und das besonders schonend.

Nur das abgestorbene, infizierte Gewebe wird verspeist, lebende Zellen werden nicht angetastet. Ein Vorteil gegenüber der üblichen Methode mit einem Skalpell, bei der dem Chirurgen nichts anderes übrig bleibt, als an den Wundrändern auch gesundes Gewebe zu entfernen.

Die spezifischere Arbeitsmethode der kleinen Tiere wird auch als Biochirurgie bezeichnet. Fliegenmaden kommen besonders bei chronischen, schlecht heilenden Wunden, zum Beispiel bei diabetischen Füßen oder Unterschenkelgeschwüren zum Einsatz. Aber auch bei akuten Wundinfektionen können sie helfen.

Mediziner berichten über zum Teil spektakuläre Erfolge. So haben die Krabbeltierchen schon Patienten mit aggressiven Infektionen, die nicht durch Antibiotika zu stoppen waren, vor einer Amputation ihrer Gliedmaßen bewahrt.

Wirkweise von Fliegenmaden

Die Maden der Schmeißfliegenart Lucilia sericata besitzen ein ganzes Arsenal an Wirkweisen: Zum einen greifen sie die Infektionserreger direkt an. So verändern sie das saure Milieu in der Wunde, in dem sich die Erreger besonders wohlfühlen, und sie sondern ein Verdauungssekret ab, das wie ein lokales Antibiotikum wirkt.

Zum anderen haben die Maden auch einen positiven Effekt auf die Wunde selbst. Sie setzen bestimmte Stoffe frei, mit denen der Stoffwechsel der Wunde aktiviert und die Heilung angeregt wird. Verstärkt wird dieser Effekt vermutlich durch die feinen Körperhärchen der Tiere, die bei Bewegung die Wundfläche mechanisch stimulieren.

Außerdem sondern die Maden Substanzen ab, die das abgestorbene Gewebe verflüssigen. So können sie dieses und die Bakterien vertilgen. Eine Made wächst durch diesen Festschmaus innerhalb weniger Tage auf über einen Zentimeter Länge an – das drei- bis siebenfache ihrer ursprünglichen Größe.

Behandlung mit Fliegenmaden

Die sterilen Maden werden direkt, also "frei laufend" oder in Gaze-Beuteln versiegelt auf die Wunde aufgebracht. Letztere sind undurchsichtig und haben die Größe von Teebeuteln. Sie ersparen Patienten und Personal den Anblick der fünf bis zehn Krabbeltierchen pro cm2 Wundoberfläche. Die Wundränder werden vollständig abgedichtet, nach zwei bis fünf Tagen erfolgt ein Verbandwechsel.

Die Behandlung tut in der Regel nicht weh, sondern kribbelt und zwickt nur etwas; es kann allerdings ein unangenehmer Geruch entstehen. Wenn sich die Patienten sicher sind, dass keine Gefahr besteht, dass die Tierchen von ihrem "Arbeitsplatz" flüchten, können sie sich meist mit der Therapie anfreunden.

Blutegel

Blutegel dienen seit Jahrtausenden therapeutischen Zwecken, klinische Studien stehen allerdings noch aus. Blutegel enthalten entzündungshemmende, gerinnungshemmende und gefäßerweiternde Substanzen. Sie werden deshalb bei Erkrankungen, die durch Durchblutungsstörungen entstehen oder damit einhergehen, eingesetzt. Dazu gehören beispielsweise Krampfadern, Thrombose, Venenentzündungen und Bluthochdruck. Auch über erfolgreiche Behandlung bei Beschwerden von Muskeln und Knochen zum Beispiel bei Wirbelsäulenerkrankungen und Arthrosen wird berichtet.

Ein Blutegel saugt etwa drei bis sechs Milliliter Blut; weitere 20 bis 30 Milliliter gehen durch die Nachblutung verloren. Ihr Biss ist kurz schmerzhaft, ähnlich wie bei einem Mückenstich. Das vollgesogene Tier fällt nach 10 bis 40 Minuten von selbst ab. Nicht selten sind Nebenwirkungen bedingt durch das Blutegelsekret: leichte Lokalreaktionen wie Rötung, Schwellung und Juckreiz sowie Kreislaufschwäche.

Wurmeier

In Deutschland leiden schätzungsweise 300.000 Menschen an einer der entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Diese Autoimmunkrankheiten verlaufen chronisch, die Patienten haben ständige oder wiederkehrende Darmbeschwerden, denen nicht immer mit Medikamenten oder Operationen beizukommen ist.

Ein Cocktail aus Eiern des Schweine-Peitschenwurms verspricht nun eine sanfte Alternative. Diese wasserähnliche Flüssigkeit wird etwa zweimal im Monat getrunken, aus den darin enthaltenen Wurmeiern sollen im Darm die Parasiten schlüpfen, die nach kurzer Zeit sterben und ausgeschieden werden. Dahinter steht die Idee, dass dadurch das Immunsystem stimuliert wird.

Die Theorie klingt plausibel, die Nebenwirkungen sind gering. Derzeit gibt es allerdings noch nicht genug Studien, um die Wirkung wissenschaftlich zu untermauern. Andere Forscher beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit Wurminfektionen allergische Erkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen reduzieren können. Ob es in einigen Jahren einen entsprechenden Impfstoff aus Wurmeiern geben wird, bedarf derzeit allerdings noch weiterer Forschung.

Aktualisiert: 06.11.2017 – Autor: Dagmar Reiche

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