Minimalinvasive Herzoperationen – der Blick durchs Schlüsselloch

Minimalinvasive Herzoperation © istockphoto, Tempura

Das menschliche Herz wird gerne als Motor beschrieben, der leise und unauffällig Körper und Geist antreibt. Dabei schlägt der Hochleistungsmotor Herz rund drei Milliarden Mal im Lauf eines Lebens und pumpt etwa 18 Millionen Liter Blut durch den Körper. Bemerkt wird diese Präzisionsmaschine meistens erst, wenn sie ins Stolpern gerät. Herzinfarkte, Herzrhythmusstörungen und die Verengung von Herzkranzgefäßen machen die Erkrankungen des Herzens nach wie vor zur Todesursache Nr. 1 in Deutschland.

Technischer Fortschritt ermöglicht "Knopflochchirurgie"

Zu den enormen medizinischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte bei der Behandlung von Herzerkrankungen zählt die minimalinvasive Chirurgie, auch Schlüssellochchirurgie" oder "Knopflochchirurgie" genannt.

Diese Technik wird bei herzchirurgischen Eingriffen in der Mehrzahl der Herzzentren in Deutschland eingesetzt.

Bypass-Operationen: minimal-invasive Eingriffe am Herzen

Rund 80 Prozent aller minimal-invasiven Eingriffe am Herzen sind Bypass-Operationen, mit deren Hilfe die Sauerstoffversorgung des Herzens wieder hergestellt wird.

Der Chirurg verzichtet bei dieser Technik auf die breite Eröffnung von Körperhöhlen. Er operiert stattdessen mit einem sogenannten Endoskop und extrem verkleinerten Instrumenten durch Mini-Schnitte – wie durch ein Schlüsselloch.

Das Endoskop ist ein schlauch- oder röhrenförmiges Instrument, das über ein optisches System die Bilder aus dem Körperinneren für den Arzt außen sichtbar macht. Zusätzlich kann eine kleine Kamera die Bilder auf einen Monitor übermitteln.

Gerade im Bereich der Herzoperationen ist diese Technik für die Patienten wesentlich angenehmer als konventionelle Methoden: Bei einer herkömmlichen Bypass-Operation muss das Brustbein durchtrennt werden. Anschließend dauert es bis zu acht Wochen bis dieser künstlich herbeigeführte Knochenbruch wieder verheilt ist – Schmerzen und Bewegungseinschränkungen eingeschlossen.

Geringere Belastung aber höherer Überwachungsaufwand

Für die Patienten sind minimalinvasive Eingriffe weniger belastend als konventionelle Herzoperationen. Sie erholen sich schneller, liegen kürzer auf der Intensivstation und können die Klinik früher wieder verlassen. Für Anästhesist und Herzchirurg bedeuten solche Eingriffe jedoch eine deutlich größere Herausforderung, weil die Überwachung des Kreislaufs während des Eingriffs am schlagenden Herzen besonders engmaschig sein muss.

Bei einer konventionellen Bypass-Operation wird das Herz an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und das Herz selbst "stillgelegt". Zwar ist diese Technik ausgereift und kann die Funktion von Herz und Lunge über eine begrenzte Zeit übernehmen, aber die Gesamtbelastung für den Körper ist sehr groß. Ziel der minimalinvasiven Herzchirurgie ist daher nicht nur eine geringe Wundfläche, sondern auch der Verzicht auf die Herz-Lungen-Maschine.

Während der Manipulation am schlagenden Herzen muss der Kreislauf möglichst engmaschig und genau überwacht werden. Neueste Entwicklungen aus der Verbindung von Medizin und Elektronik haben dabei zu intelligenten Überwachungsmethoden geführt, die das Risiko und die Belastung eines herzchirurgischen Eingriffs noch weiter reduzieren.

MIDCAB – der direkte Weg zu den Herzkranzgefäßen

Mit einem minimalinvasiven chirurgischen Eingriff an den Herzkranzgefäßen (MIDCAB= Minimal Invasive Direct Coronary Artery Bypass) können ein oder zwei, manchmal auch drei verengte Herzkranzgefäße durch die Verbindung mit einer gesunden Schlagader neu durchblutet werden.

So läuft der Eingriff ab:

  • Ein 3 bis 4 cm großer Schnitt wird über dem Herzen in den 4. Zwischenrippenraum gemacht.
  • Nun wird unter direkter Sicht oder nachdem ein Endoskop (metallener Lichtleiter) mit Kamera eingeführt wurde, die linke innere Brustarterie aufgesucht und freigelegt.
  • Der Herzbeutel wird eröffnet und der sehr häufig verengte vordere Gefäßast dargestellt.
  • Ein Stabilisator ermöglicht es, das Operationsgebiet im Bereich des Gefäßanschlusses ruhig zu stellen.
  • Das verstopfte Gefäß wird mit einer Schlinge umlegt und für eine kurze Zeit zugebunden, nachdem ein Medikament zum Flüssigbleiben des Blutes gespritzt wurde. Bis zu 20 Minuten einer solchen Gefäßunterbrechung werden vom Herzmuskel ohne Sauerstoffmangel-Zeichen in der Regel gut vertragen.
  • Dann verbindet der Chirurg das verengte abgebundene Herzkranzgefäß mit der inneren Brustarterie.
  • Anschließend werden alle Gefäßunterbindungen wieder gelöst.
  • Eine Wundableitung leitet das sich bildende Wundsekret im Brustkorb nach außen ab.

Gute Ergebnisse mit MIDCAB erzielt

Mit diesem Verfahren sind bislang sehr gute Ergebnisse erzielt worden: 96 bis 98 Prozent der neuen Gefäßverbindungen sind auch nach 1 Jahr noch offen, und mit der MIDCAB-Technik ist auch ein mehrfacher Bypass möglich. Da die MIDCAB-Operation aber erst seit wenigen Jahren existiert, gibt es kaum längere Beobachtungszeiträume.

Zum Vergleich: Beim konventionellen Bypass sind nach 15 Jahren noch bis zu 90 Prozent der neuen Gefäßverbindungen offen – zumindest wenn eine Arterie als Spendergefäß verwendet wurde.

Chirurg und Roboter als eingespieltes Team

Professor Friedrich Wilhelm Mohr vom Herzzentrum Leipzig war 1998 der weltweit erste Chirurg, der eine Herzoperation durchführte, ohne direkt am Behandlungstisch zu stehen. Er dirigierte Operationsinstrumente und eine winzige Kamera, die über Einschnitte von acht bis zehn Millimetern "durchs Schlüsselloch" in den Körper eingeführt wurden, von einem mehrere Meter entfernten Bedienpult.

Seit einigen Jahren erobert der Operationsroboter "Da Vinci" die Operationssäle der Herzchirurgen. Die Herzchirurgen operieren mit dem Roboter am schlagenden Herzen, legen Bypässe, ersetzen Herzklappen und reparieren defekte Herzscheidewände. In der Allgemeinchirurgie wird der Roboter erst nach und nach eingesetzt. Die "Da Vincis" stehen inzwischen in zahlreichen Unikliniken und anderen großen Kliniken, wo sie unter anderem für urologische Eingriffe eingesetzt werden.

Wie funktioniert "Da Vinci"?

Das Robotersystem "Da Vinci" besteht aus zwei wesentlichen Komponenten: der Steuerkonsole und den Roboterarmen. Der Chirurg sitzt an der Konsole und lenkt mit zwei Steuerknüppeln die elektronischen Roboterarme, an denen sich die (auswechselbaren) OP-Instrumente befinden. Vor sich hat er ein hoch auflösendes 3-D-Videobild, das das Operationsfeld in 20- bis 30-facher Vergrößerung zeigt.

Die Hände des Chirurgen ruhen unterhalb des Monitors und benutzen die Instrumente mit der gleichen Flexibilität wie bei der offenen Chirurgie. Besser noch: Die Übersetzung der Bewegungen von der Konsole auf die Instrumente ist zitterfrei und kann individuell eingestellt werden. Dreht zum Beispiel der Chirurg seine Hand um zehn Zentimeter, bewegen sich die Instrumente nur um einen Zentimeter. Auf diese Weise kann der Chirurg wesentlich exakter arbeiten und selbst feinste Nähte komplikationslos anbringen.

Überflüssig wird der Chirurg durch den Roboter aber nicht. Ganz im Gegenteil: Er sitzt zwar entfernt vom Patienten, überlässt dem System aber zu keiner Zeit die Kontrolle. Der Roboter unterstützt den Chirurgen und verhilft ihm zu mehr Präzision.

... und der Mensch bleibt Mensch

Auf minimalinvasiven Eingriffen ruhen derzeit große Hoffnungen, auch wenn die Kosten für einen Operationsroboter hoch sind. Auf der anderen Seite sorgen Entwicklungen aus den Grenzbereichen von Medizin, Biologie und Elektronik für immer bessere Kontroll- und Überwachungsmethoden, die auch komplizierte Eingriffe einfacher und kontrollierbarer machen.

Unkontrollierbar bleibt aber der Risikofaktor Mensch: Falsche Ernährung, Rauchen, Alkohol, Stress und mangelnde Bewegung sind nach wie vor die Hauptursachen von Herzerkrankungen – unabhängig davon, wie gut die Folgen später wieder ausgebügelt werden können.

Aktualisiert: 26.01.2017

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?