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IGeLn Sie?

Die Welt der Akronyme ist groß: Begriffe, die aus den Anfangsbuchstaben einzelner Wörter gebildet werden, tauchen immer häufiger auf. "IGeL" ist so ein Akronym. Und in diesem Fall ist weder die "Interessengemeinschaft der Labyrinthfische", noch das "Institut für ganzheitliches Lernen" oder eine andere Einrichtung gemeint. "IGeL" ist das Akronym für "Individuelle Gesundheitsleistungen". Gemeint sind damit zunächst einmal alle Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

Einigeln oder Stacheln zeigen?

Insgesamt 79 Punkte aus dem so genannten Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind derzeit IGeL. Dazu gehören unter anderem:

  • Reisemedizinische Beratung und entsprechende Impfberatung
  • Reise-Impfungen
  • Eignungsuntersuchungen zum Beispiel für Reisen, Flugtauglichkeit, Tauchsport
  • Sportmedizinische Untersuchungen und Beratungen
  • Allergologische Berufseignungstests (z.B. Bäcker, Friseur)
  • Medizinisch-kosmetische Leistungen wie das Entfernen von Tätowierungen
  • Ästhetische Operationen
  • Tests zur Prüfung der Verträglichkeit von Kosmetika
  • Blutgruppenbestimmung auf Wunsch
  • Zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen auf Wunsch

Viele sinnvolle Untersuchungen

Bei vielen IGeL-Leistungen ist schnell zu erkennen, warum sie nicht von den Krankenkassen bezahlt werden sollten, aber trotzdem sinnvoll sind. Wer zum Beispiel Urlaub in den Tropen machen möchte, der sollte auf jeden Fall vorher seine "Tropentauglichkeit" vom Arzt überprüfen lassen. Zusammen mit den entsprechenden Impfungen kann man so gut vorbereitet in den Urlaub fahren, ohne der Krankenkasse auf der Tasche liegen zu müssen. Urlaub ist Privatvergnügen - und die richtige Urlaubsvorbereitung fällt nicht in die Finanzierungsaufgabe der Krankenkasse. Sinnvoll sind auch die allergologischen Berufseignungstests, die zum Teil von den Berufsgenossenschaften vorgeschrieben sind.

Wer beispielsweise Bäcker werden möchte, der sollte sich vor Berufsbeginn auf eine mögliche Mehlstauballergie hin testen lassen; Friseure oder Maurer kommen mit Chemikalien in Berührung, auf die sie unter Umständen allergisch reagieren könnten. Daher ist eine Abklärung vor Berufsbeginn wichtig - und das geht auch ohne Krankenkassenbeteiligung. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel mit der Glaukom-Untersuchung beim Augenarzt, die für Patienten ab dem 40. Lebensjahr sinnvoll ist und eine spätere Erblindung verhindern kann. Diese Erkrankung verläuft ohne Untersuchung unbemerkt und kann im weiteren Stadium nicht mehr adäquat behandelt werden.

Heilen oder Abkassieren?

Nach einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WIdO) und der Verbraucherzentrale NRW hat fast ein Viertel aller Versicherten (23,1 %) eine Individuelle Gesundheitsleistung angeboten bekommen. Dabei wird dieses Angebot deutlich einer eher einkommensstarken und gebildeten Patientenschaft gemacht, wie die Studie herausfand.

Für die Patienten stellt sich die Situation oft so dar: Beim Gespräch mit dem Arzt wird deutlich, dass eine schnellere, oder sogar bessere Abklärung durch zusätzliche Tests möglich ist. Diese müssen dann aber privat bezahlt werden. An der Stelle fühlen sich viele Patienten unter Druck gesetzt, denn sie sind auf die Kompetenz und Expertise ihres Arztes angewiesen.

Ein seriöses Angebot aus der Arztpraxis wird dem Patienten jedoch immer genügend Zeit geben, die Situation zu überdenken und sich umfassend zu informieren. Liegt dem Angebot des Arztes ein akuter und konkreter Notfall zugrunde, würden die Kosten ohnehin von der Krankenkasse übernommen werden. Auch die Bundesärztekammer beschreibt die Spannbreite bei den IGeL-Leistungen als einen Spagat zwischen "Heilen und Abkassieren", weil auch ihrer Meinung nach die gesetzliche Krankenversicherung nicht mehr in allen Bereichen die notwendige medizinische Versorgung garantiert. Auf dem kommenden Deutschen Ärztetag im Mai 2006 in Madgeburg soll eine überarbeitete Liste mit IGeL-Leistungen vorgestellt und diskutiert werden.

Die eigene Transparenz schaffen

Wem in der Arztpraxis eine "Individuelle Gesundheitsleistung" angeboten wird, der sollte sie als solches annehmen: Ein Angebot, das aus der Sicht des Arztes im individuellen Fall medizinisch geboten ist. Wem Sinn und Zweck der vorgeschlagenen Untersuchung nicht einleuchtet, der sollte konkret und nachdrücklich nach Sinn und Zweck der Zusatzuntersuchungen fragen.

Kein Arzt darf eine Individuelle Einzelleistung gegen den erklärten Willen des Patienten durchführen und abrechnen. Kein Patient darf während der Untersuchung oder des Gespräches zu einer sofortigen Entscheidung gezwungen werden. Wer Zweifel an der Notwendigkeit der vorgeschlagenen Untersuchungen hat, der sollte im Zweifelsfalle eine zweite Meinung einholen. Auch die eigene Krankenkasse ist an dieser Stelle ein guter Ansprechpartner.

Erst das Einverständnis, dann die Untersuchung

Grundsätzlich müssen Zusatzleistungen, die privat abgerechnet werden, immer vor der Inanspruchnahme der Leistung in einer schriftlichen Vereinbarung festgehalten werden. Der Patient muss in dieser Vereinbarung ausdrücklich auf die von ihm zu tragenden Kosten hingewiesen werden und schriftlich seine Zustimmung erklären.

Liegt diese Einverständniserklärung nicht vor, darf der Arzt keine Rechnung stellen. Die Rechnungshöhe orientiert sich an der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Da jeder Rechnung ein kompliziertes Abrechnungssystem zugrunde liegt, sollte sich der Patient den Preis seiner Untersuchung ebenfalls gut erklären lassen und im Zweifelsfalle bei der Ärztekammer nachfragen.

Für Patienten bedeutet das:

  • Lassen Sie sich genau erklären, wie Sie von der Untersuchung profitieren und mit welchen Konsequenzen Sie rechnen müssen.
  • Lassen Sie sich nicht bedrängen und nehmen Sie sich Zeit für Ihre Entscheidung.
  • Holen Sie im Zweifelsfall eine zweite Meinung ein.
  • Fragen Sie vor Inanspruchnahme bei Ihrer Kasse nach, warum die Kosten für diese Leistung nicht übernommen werden.

Es ist grundsätzlich verboten, solche Leistungen gegen Rechnung anzubieten, die eigentlich Kassenleistungen sind. Werden Patienten von ihrem Arzt unter Verweis auf das ausgeschöpfte Budget um Privatzahlung gebeten, sollte die Krankenkasse und die Ärztekammer eingeschaltet werden.Einige Patientenberatungsstellen bietet der Sozialverband VdK Deutschland an. Außerdem kann man sich auch bei den Verbraucherzentralen informieren.

Auch die Stiftung Warentest hat sich mit den unterschiedlichen Krebsvorsorgeuntersuchungen beschäftigt und ihre Ergebnisse in dem Buch "Untersuchungen zur Früherkennung. Krebs - Nutzen und Risiken" festgehalten. Das Buch kann dort direkt oder über den Buchhandel bestellt werden. Die Bundesärztekammer informiert zusammen mit der Ärztekammer Nordrhein in einer Broschüre über individuelle Einzelleistungen.

Aktualisiert: 23.10.2012 – Autor: Susanne Köhler

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