Selbstmedikation: Möglichkeiten und Grenzen

Selbstmedikation hat in Deutschland drastisch zugenommen und wird weiter zunehmen. Studien bestätigen diesen Trend: Die Deutschen verzichten zunehmend auf Arztbesuche und behandeln sich gleichzeitig verstärkt mit rezeptfreien Medikamenten. Mehr als jeder dritte Bundesbürger (35%) geht nach eigener Aussage aufgrund des Wegfalls der Erstattungsfähigkeit nicht verschreibungspflichtiger Medikamente inzwischen seltener zum Arzt. Auch lange Wartezeiten bei den Ärzten sowie Zuzahlungen für Arzneimittel lassen viele Betroffene erst in die Apotheke gehen. Doch die Selbstmedikation hat auch ihre Grenzen. Diese sind erreicht, wenn gesundheitliche Störungen mehr sind als nur leichte, vorübergehende Störungen oder die Ursache für den Betroffenen nicht mehr klar abschätzbar ist. In einem solchen Fall kann die Ursache schwerwiegender sein - dann muss unbedingt immer der Arzt aufgesucht werden.

Möglichkeiten der Selbstmedikation

  • Voraussetzung für jede Selbstmedikation ist, dass man die vorliegende Störung erkennt und mit ihr umgehen kann. Umgekehrt bedeutet dies: Alle Störungen, von denen man nicht weiß woher sie kommen oder bei denen man unsicher ist, müssen vom Arzt untersucht werden.
  • Vor dem Kauf eines freikäuflichen Medikamentes, dass man nicht kennt, ist es ratsam sich vom Arzt oder Apotheker beraten zu lassen. Vor der Einnahme eines Medikamentes empfiehlt es sich, den Beipackzettel genau zu lesen und die Einnahmevorschriften zu befolgen.
  • Werden Arzneimittel nicht richtig dosiert oder zu einem falschen Zeitpunkt eingenommen, kann das ihre Wirkung beeinträchtigen.
  • Hilft das eingenommene Präparat? Gehen die Symptome zurück oder kommen vielleicht andere Beschwerden dazu? Das Beobachten des Körpers und der Beschwerden ist eine unerlässliche Voraussetzung der Selbstmedikation.

Grenzen der Selbstmedikation

  • Wer sich nicht sicher ist, dass seine eigene Diagnose stimmt, sollte immer den Arzt zu Rate ziehen. Dauern die Beschwerden länger als drei bis vier Tage unvermindert an, muss ebenfalls der Arzt aufgesucht werden.
  • Keine Restbestände aus der Hausapotheke einnehmen! Augentropfen oder das Antibiotikum der Schwester kann man doch selber auch benützen? Grundsätzlich nein: Antibiotika gehören gar nicht in der Hausapotheke, da sie erstens immer aufgebraucht werden sollen und zweitens jede Infektion beim Arzt mit dem richtigen Antibiotikum behandelt werden muss. Augentropfen sind nur 6 Wochen haltbar und dürfen danach nicht mehr angewendet werden, weil sie bakteriell verunreinigen.
  • Zurückhaltung bei Schwangeren, Stillenden und Kindern. Für Schwangere, Stillende sowie bei Säuglingen und Kleinkindern gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Deshalb sollten diese Personengruppen am besten gleich zum Arzt gehen.
  • Kinder benötigen andere Medikamente als Erwachsene. Kinder – vor allem Kleinkinder und Säuglinge – haben einen anderen Stoffwechsel, ihr Immunsystem ist noch nicht ausgereift und viele Enzyme und Hormone sind nicht so wirksam wie beim Erwachsenen. Die Resorption der Arzneistoffe, die Wirkung im Organismus sowie die Ausscheidung funktionieren ebenfalls anders. Deshalb sind Medikamente für Kinder nicht dieselben wie für Eltern. Sprechen Sie unbedingt vorher mit einem Arzt oder Apotheker.
  • Naturmedizin wird immer für harmlos gehalten. Dies ist aber in vielen Fällen nicht so. Ein Beispiel ist das pflanzliche Herzglykosid Digitoxin, das in höheren Dosen zum Herzstillstand führen kann. Ein anderes Beispiel sind pflanzliche Abführmittel, die heutzutage weniger empfohlen werden als ihre chemischen Vertreter.

Beispiele für Grenzen in der Selbstmedikation

  • Magenprobleme wie Sodbrennen sind mit Magentherapeutika gut zu behandeln. Liegt aber eine ernstere Erkrankung – zum Beispiel Entzündungen des Magens und der Speiseröhre, Magengeschwüre oder Magenkrebs – vor, kann diese durch eine Selbstmedikation unter Umständen verschleiert werden. Deshalb nicht zu lange mit der Abklärung der Symptome warten!
  • Schmerzmittel im Langzeitgebrauch erhöhen das Risiko für medikamentenbedingte Kopfschmerzen.
  • Schlafmittel erhalten Sie ebenfalls ohne ärztliche Verordnung. Lang andauernde Schlafstörungen über mehrere Wochen gehören aber in ärztliche Behandlung, ihre Ursache gehört geklärt.
  • Antiallergika, die nicht mehr auf Kassenrezept verordnet werden, sollten unbedingt eingenommen werden, da sich die Allergie sonst verschlimmern könnte. Im schlimmsten Fall droht ein Etagenwechsel – nämlich allergisches Asthma.

Aktualisiert: 19.12.2014 – Autor: Nathalie Blanck

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