Biorhythmus und Arzneimittel

Arzneimittel und Biorhythmus © jarmoluk

Die schlechte Nachricht: Biorhythmusberechnungen sind ungefähr so aussagekräftig wie Kaffeesatz. Die gute: Der biologische Rhythmus existiert. Im Laufe seiner Evolution hat der Mensch eine innere Uhr entwickelt, die sich über die Spanne eines Tages gesehen auf den Wechsel zwischen Licht und Dunkel einstellte.

Unsere innere Uhr

In Tausenden von Jahren hat sich der von der Sonne vorgegebene Tag-Nacht-Rhythmus in den Genen festgeschrieben; in jeder Zelle stecken solche "Uhren-Gene", die den Tagesablauf der Körperfunktionen steuern. Temperatur, Puls, Schmerzempfinden, geistige und körperliche Leistungsfähigkeit, Aktivität von Nieren, Leber und Verdauungssystem, fast alle Vorgänge im Körper ticken im Takt dieser uralten biologischen Zeitgeber.

Es gibt zwar die bekannten Morgenmuffel und Frühaufsteher, aber trotz individueller Abweichungen im Tag-Nacht-Rhythmus: Von Natur aus völlig "nachtaktiv" sind die wenigsten Menschen. Die meisten Nachtarbeiter kämpfen gegen ihre innere Uhr. Das ständige Auseinanderdriften zwischen biologisch vorgegebener Ruhephase und erzwungener Aktivität führt dazu, dass Nacht- und Schichtarbeiter häufiger unter Depressionen, Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Problemen leiden.

Hin und wieder hat "Nachtarbeit" indes auch ihre positiven Seiten: Die meisten Kinder werden nachts geboren - vorausgesetzt, man lässt sie.

Natur läuft gemächlich

Gewährt man der inneren Uhr freien Lauf, indem man äußere Einflüsse, wie den Wechsel von Licht und Dunkelheit und soziale Zwänge wegnimmt, geht sie gewöhnlich etwas langsamer und pendelt sich auf einen 25-Stunden-Tag ein. Man nennt den Tagesrhythmus deshalb "zirkadian" (von "zirka" und "dies", der Tag).

Wissenschaftler haben inzwischen auch herausgefunden, wo die "Zentraluhr" des Menschen sitzt: Es ist ein reiskorngroßes Organ im Gehirn, das durch Nervenbahnen, die sich von den Sehnerven unterscheiden, mit den Augen verbunden ist. Deshalb leben auch Blinde im Tag-Nacht-Rhythmus. Nur wenn ihre Augennerven komplett fehlen, etwa aufgrund einer Operation, verlieren sie das Zeitgefühl.

Auch Krankheiten folgen einem gewissen Tagesrhythmus. Die meisten Herzinfarkte passieren vormittags zwischen acht und zwölf Uhr, Rheumatiker leiden gewöhnlich morgens am stärksten unter Steifigkeit und Schmerzen. Und zum Zahnarzt geht man am besten nachmittags. Zum einen ist das Schmerzempfinden gegen 15 Uhr am schwächsten, zum anderen wirken lokale Schmerz- und Betäubungsmittel um diese Zeit am längsten.

Medikamente sparen, Nebenwirkungen senken

Genau diese Zyklen versuchen Chronopharmakologen (chronos = Zeit) näher zu erforschen, um die bestmögliche Wirkung von Arzneimitteln zu erzielen beziehungsweise die Nebenwirkungen zu senken.

So sagt etwa Björn Lemmer, Professor für Pharmakologie und Toxikologie: "Nicht nur muss die richtige Menge der richtigen Substanz an das richtige Zielorgan gelangen, dies muss auch zum richtigen Zeitpunkt geschehen," ein klassisches Beispiel sei der Wirkstoff Theophyllin gegen Asthma. "Hier wurde ein Medikament zugelassen, mit dem Patienten die dreimal tägliche Einnahme erspart werden kann. Es muss nur noch zweimal genommen werden, morgens eine schwächere Dosis und abends eine stärkere. Oder nur eine starke abendliche Dosis, weil Asthmaanfälle ohnehin eher nachts als tagsüber auftreten."

Ein Beispiel, wie der richtige Zeitpunkt Wirksamkeit und Verträglichkeit verbessert, sind schmerzlindernde Medikamente, die bei Rheuma verordnet werden. Nehmen die Betroffenen das Mittel abends ein, vertragen sie es besser und gleichzeitig steht der Wirkstoff dann zur Verfügung, wenn sie ihn am meisten brauchen, nämlich morgens. Die Einbeziehung des biologischen Rhythmus bei der Behandlung mag vielleicht eine Krankheit nicht schneller oder besser heilen, aber sie kann dem Patienten doch immerhin das Leben erleichtern.

Eine Frage der Zeit

Für einige Medikamente ist inzwischen wissenschaftlich gut belegt, ob ihre Wirksamkeit dem biologischen Rhythmus folgt und wenn ja, wann sie am besten wirken beziehungsweise am besten vertragen werden. Individuelle Abweichungen vom durchschnittlichen Tagesrhythmus brauchen dabei nicht berücksichtigt zu werden. Allerdings ist noch nicht erforscht, ob bei Menschen, deren Arbeitsrhythmus stark vom biologischen Rhythmus abweicht, z. B. Schichtarbeiter, Stewardessen, Piloten, andere Regeln gelten. Einnahme am Abend

  • Mequitazine, ein bestimmtes Antihistaminikum gegen Allergien
  • H2-Blocker, wie Cimetidin, Famotidin und Ranitidin, zur Senkung der Magensäure bei Magen- und Darmgeschwüren
  • Statine, wie Simvastatin und Lovastatin, zur Cholesterinsenkung
  • Schmerz- und entzündungshemmende Wirkstoffe, so genannte NSAR, wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Ketoprofen
  • Theophyllin, Salbutamol und Prednison bei Asthma, wobei hier gewöhnlich auch noch eine kleinere Dosis am Morgen nötig ist

Einnahme am Morgen 

  • Der Beta-Rezeptorenblocker Propranolol bei Angina pectoris
  • Protonenpumpenhemmer, wie beispielsweise Omeprazol, die ebenfalls die Magensäure drosseln, aber anders wirken als H2-Rezeptorenhemmer. Sie werden sowohl bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren als auch bei chronischem Sodbrennen verordnet
  • Glukokortikoide bei Rheuma

Einnahme am Nachmittag 

  • Lokale Schmerz- und Betäubungsmittel
  • Hepatitis-B-lmpfung

Aktualisiert: 01.09.2016

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