Schüchternheit – Wie viel ist normal?

Schüchterne Frau spricht vor Gruppe © istockphoto, KatarzynaBialasiewicz

Die meisten Erwachsenen können sich gut an das mulmige Gefühl erinnern, wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken: Der Magen krampfte sich zusammen, bloß weil sie vor einer größeren Gruppe sprechen oder singen mussten. Bei manchen Kindern liegt die Schwelle noch viel niedriger. Sie erröten schon, wenn ein Lehrer sie anspricht. Auch im Pausenhof sind schüchterne Kinder oft Einzelgänger: Sie toben nicht mit anderen Schülern, sondern stehen im Abseits.

Kulturelle Unterschiede

In Deutschland wird Schüchternheit eher als Nachteil empfunden – diese Kinder sind oft Außenseiter, sie gelten als ängstlich und gehemmt. Anders in der chinesischen Gesellschaft: Zurückhaltende Kinder werden als besonders intelligent angesehen. Sie sind überall beliebt – bei Gleichaltrigen und Lehrern. Chinesische Eltern fördern deshalb das schüchterne Verhalten ihrer Sprösslinge.

Vorbild Eltern

Warum sind nun einige Kinder zurückhaltend, andere nicht? Schüchternheit ist eine Charaktereigenschaft, die angeboren, aber auch erlernt sein kann. Kinder gucken sich ab, wie Erwachsene und ältere Geschwister das machen. Sie lernen durch Zuschauen, wie die Eltern mit fremden Situationen und Menschen umgehen. Sind die Eltern eher ängstlich, überträgt sich das auch auf das Kind.

Je jünger sie sind, desto weniger können sie beurteilen, wie Erfolg versprechend die Gewohnheiten ihrer direkten Vorbilder sind. Alles, was Papa und Mama machen ist gut und zur Nachahmung empfohlen. Verhaltensforscher nennen diese Strategie "Lernen am Modell". Haben Sie den Eindruck, Ihr Kind sei schüchterner als andere, überlegen Sie, welches Muster es vielleicht nachahmt, das es von zu Hause kennt.

Auch die Spielkameraden spielen eine Rolle. Prägende Erlebnisse mit den Freunden können die zaghafte Grundhaltung verstärken. Und das hat Folgen: Werden Kinder in einer Spielgruppe ausgegrenzt, ohne dass sie sich das erklären können, beginnen sie an sich zu zweifeln. Sie verlieren das Selbstbewusstsein und ziehen sich zurück.

Entwicklung in Schritten

In bestimmten Altersstufen ist Schüchternheit allerdings ganz normal. Im Alter von acht bis zwölf Monaten "fremdeln" Kinder massiv. Warum ist das so? Kinder entwickeln erst nach und nach die Fähigkeit, zwischen Vertrautem und Fremden zu unterscheiden. Alle Menschen – außer Mama und Papa – werden als fremd eingestuft. Die Kleinen fürchten sich jetzt selbst vor dem Blick von Menschen, die sie vorher noch freundlich angelächelt haben.

Das Fremdeln ist, bei aller Merkwürdigkeit, ein Zeichen für die Bindungsfähigkeit des Kindes zu den Eltern. Es ist also Teil einer ganz normalen Entwicklung. Jetzt folgen etwa sechs Wochen "Pause", in denen sich die Kinder gegenüber allem Unbekannten öffnen. Von langer Dauer ist das jedoch nicht, denn es steht schon die nächste schüchterne Phase vor der Tür. Kinder zwischen 18 und 24 Monaten sind Fremden gegenüber extrem schüchtern oder gar ängstlich. Gleichzeitig sagen sie zu fast allem "nein" und wollen am liebsten alles besitzen und festhalten. Das gilt auch für Mama und Papa, die sie unter keinen Umständen hergeben wollen.

Im dritten Lebensjahr entwickeln Kinder mehr Eigenständigkeit. Sie knüpfen Kontakte zu Gleichaltrigen und erste Freundschaften entstehen. Bieten Sie Ihrem Nachwuchs eine Plattform: gemeinsame Ausflüge zu Spielplätzen, Besuche bei Nachbarskindern und erste Einladungen an Spielkameraden. Hier braucht ihr Kind Ihr Organisationstalent und Ihre Anteilnahme. Wenn Sie glauben, die schüchterne Phase sei nun überwunden: falsch!

Auch im Alter von vier bis sieben Jahren sind viele Kinder schüchtern. Der Übergang in den Kindergarten und später in die Schule ist eine besondere Herausforderung. Auch wenn sich die meisten Kinder auf die Schule freuen, brauchen sie die Unterstützung und Ermutigung durch die Eltern, damit sie sich in der neuen Umgebung gut zurechtfinden.

Übertrieben ängstlich

Einige Kinder fühlen sich in sozialen Situationen außerhalb der Familie extrem unsicher. Dies kann sich noch verstärken, wenn weiterer sozialer Stress hinzukommt, beispielsweise ein Umzug in eine andere Stadt. Ängstlichen Kindern fällt es beispielsweise schwer, ihre Meinung zu sagen, geschweige denn sie durchzusetzen. Sie neigen außerdem dazu, sich zurückzuziehen und sich übermäßig mit ihrer eigenen Verunsicherung zu beschäftigen. Im Extremfall blockiert diese Hemmung die Gedanken und führt zu anhaltenden Angstgefühlen, Niedergeschlagenheit und weiterer Isolierung.

Ohne geeignete Gegenmaßnahmen kann das Rückzugsverhalten weiter zunehmen und sich zur Soziophobie steigern. Dies bezeichnet die übertriebene Angst vor Situationen, in denen man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer Menschen steht. Einige Betroffene entwickeln sich zu menschenscheuen Wesen und schotten sich von der Außenwelt ab. Gleichzeitig leiden sie aber unter dieser selbst gewählten Einsamkeit.

Hilfe von außen

Ist die Hemmung so groß, dass sie die geistige Aufnahmebereitschaft Ihres Kindes beeinträchtigt oder erkennen Sie deutliche Rückzugstendenzen sollten Sie das Gespräch mit den Erziehern oder Lehrern suchen. So erhalten Sie eine Rückmeldung, ob sich Ihr Kind auch so verhält, wenn sie nicht dabei sind. Sind alle beteiligten Personen sich einig und haben auch verschiedene Maßnahmen keine nennenswerte Verbesserung gebracht, sollten Sie sich nicht scheuen, einen Kinderpsychologen aufzusuchen.

Fachleute unterscheiden, ob es sich nur um eine Gehemmtheit oder um eine Entwicklungsstörung handelt. Die psychologische Behandlung zielt in erster Linie darauf ab, die persönlichen Stärken des Kindes hervorzuheben, das Selbstbewusstsein zu stärken und in einem Verhaltenstraining den Umgang mit unangenehmen Situationen zu lernen.

Aktualisiert: 13.01.2015

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