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Cannabis als Medikament

Cannabis © Rex Medlen

"Liebling, mir wird so seltsam...", hauchte in den siebziger Jahren der österreichische Liedermacher Georg Danzer ins Mikrofon. Und vermutete gleich Haschisch im Schokoladenei. Was sich in den 70ern nicht nur im Schoko-Ei, sondern auch in Keksen und Tee befand, ist auch heute noch heiß begehrt. Nach einem Bericht des Suchtstoff-Kontrollrates der UNO ist Cannabis auch in Deutschland die illegale Droge Nummer eins.

Konzentration stark gestiegen

Zusätzlich zum stark angestiegenen Cannabis-Kosum bereitet den Sucht-Experten die Konzentration des Suchtmittels Sorgen. Während die Konzentration des Rauschmittels Tretrahydrocannabinol (THC) in den Siebzigern bei 2 Prozent lag, so sind es heute 25 %. Damit ist Cannabis keineswegs eine harmlose Droge. Dennoch bauen immer mehr Westeuropäer illegal Hanf an, um ihren Drogenbedarf zu decken.

In Deutschland ist die Verwendung von Cannabis zur Selbstmedikation oder zu Genusszwecken verboten. Seit 1983 kann Nabilon, ein synthetischer THC-Abkömmling, seit 1998 der Cannabiswirkstoff Dronabinol (THC) durch Ärzte im Rahmen des Betäubungsmittelgesetzes verschrieben werden.

Während das Für und Wider der Legalisierung von Cannabis vor allem unter Politikern, Sozialwissenschaftlern und Gesundheitssexperten diskutiert wird, hat das Kölner Verwaltungsgericht jetzt gegen den Antrag von fünf Patienten entschieden, die an Krankheiten wie AIDS, Multipler Sklerose oder Morbus Crohn leiden. Sie wollten zum eigenen Cannabis-Anbau vor Gericht eine Ausnahmegenehmigung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erstreiten.

Dieses Institut entscheidet normalerweise über Anbau oder Erwerb von Cannabis zu wissenschaftlichen oder anderen öffentlichen Zwecken. Diese Voraussetzung liegt nach Ansicht des Gerichts bei den betroffenen chronisch Kranken jedoch nicht vor. Damit dürfen auch schwerkranke Patienten Cannabis nach wie vor nicht für eigene therapeutische Zwecke anbauen oder kaufen.

Breites Einsatzspektrum möglich

Das medizinische Wissen um die verschiedenen Anwendungsgebiete von Cannabis ist sehr uneinheitlich. Für Übelkeit und Erbrechen bei Krebschemotherapie, Appetitlosigkeit und Abmagerung bei HIV/Aids sowie Spastik bei Multipler Sklerose und Querschnittserkrankungen liegen gesicherte Kenntnisse vor. Bei anderen Erkrankungen wie Epilepsie, Bewegungsstörungen und Depressionen dagegen ist die Erkenntnislage relativ schlecht.

Dabei fehlt es nicht an Erfahrungsberichten von illegalen Anwendern - wissenschaftliche Studien mit einem nachvollziehbaren Studiendesign liegen jedoch nur für wenige Fälle mit geringen Studienteilnehmerzahlen vor. Untersucht wird dabei die Wirkungsweise einzelner Cannabinoide, also synthetischer Abkömmlinge, sowie wesentlich seltener die Wirkung der so genannten Ganzpflanzenzubereitungen, also gerauchtes Marihuana oder kapsulierter Cannabisextrakt.

Eher zufällig stieß man 1997 bei der Untersuchung zum Appetit steigernden Effekt von THC bei Alzheimer-Patienten darauf, dass nicht nur Appetit und Gewicht zunahmen, sondern auch das verwirrte Verhalten abnahm. Die Appetit steigernde Wirkung wurde auch in einer Langzeitstudie mit 94 Patienten über sechs Wochen nachgewiesen. Darüber hinaus konnten die Patienten ihr Gewicht 7 Monate und länger halten. Ähnlich zufällig war auch die Entdeckung, dass bestimmte Cannabis-Dosierungen den Augeninnendruck senken, also für Glaukom-Patienten in Frage kommen.

Übelkeit und Erbrechen beherrschen

Bei der Behandlung mit dem Cannabis-Hauptwirkstoff THC müssen neben den gewünschten Effekten auch immer die unerwünschten Nebeneffekte berücksichtigt werden. Diese Erfahrung machte man in den achtziger Jahren, als Cannabis zur Linderung von Nebenwirkungen der Krebstherapie häufig eingesetzt und wissenschaftlich untersucht wurde. THC wurde dabei relativ hoch dosiert, so dass viele Patienten unter psychischen Nebenwirkungen litten.

In den USA wurde es bereits 1985 als Mittel gegen Erbrechen (Anti-Emetikum) von der Food and Drug Administration (FDA) zugelassen. Es hilft in Einzelfällen auch dann noch, wenn andere Mittel gegen Erbrechen versagen oder ihre Nebenwirkungen nicht tolerierbar sind.

Positive Wirkung auf Krämpfe und Spasmen

Bei Patienten mit Querschnittslähmungen und Multipler Sklerose hat man in kleineren Studien festgestellt, dass sich Cannabis-Produkte positiv auf Krämpfe und Spasmen auswirken. Außerdem wirkte sich die Cannabis-Gabe günstig auf Symptome wie Schmerz, Missempfindungen und Zittern aus. Allerdings ließ sich dieser Effekt trotz gelegentlicher positiver Einzelberichte noch nicht für Parkinson-Patienten bestätigen.

Untersuchungen zur Wirkung von Cannabis bei Patienten mit Tourette-Syndrom sind vielversprechend. Während nach den vorliegenden Untersuchungen die meisten Patienten nur eine geringe Verbesserung erfahren, gibt es für einige Patienten eine bemerkenswert gute und teilweise völlige Symptomkontrolle.

Bei Epilepsie-Patienten ist Cannabis als Heilmittel schon historisch belegt. Die antiepileptische Wirkung einiger Cannabis-Produkte wurde in Tierexperimenten ebenso nachgewiesen wie die Tatsache, dass die entsprechende Wirkung existierender Medikamente durch THC verstärkt wurde.

Schwierigkeiten mit der Dosierung

Cannabis muss individuell und in Abhängigkeit von der jeweiligen Erkrankung sehr unterschiedlich dosiert werden. Mediziner und Wissenschaftler empfehlen deshalb eine "einschleichende" Dosierung, also die langsame Steigerung der Gabe. In den Niederlanden haben sich die Erwartungen, die mit der Freigabe von Cannabis verknüpft waren, nicht erfüllt. Dort hatte die Regierung als erstes Land Lizenzen zum Anbau von Cannabis zu Gesundheitszwecken erteilt.

Allerdings erweisen sich die niederländischen Coffee-Shops, in den Cannabis verkauft wird, als starke Konkurrenz der Apotheken. Hier liegen die Preise für 5 Gramm Cannabis bei rund 10 Euro, während der Stoff in der Apotheke 44 bis 50 Euro kostet. Die holländischen Behörden warnen vor dem Einkauf in den Coffee-Shops, weil die dort angebotene Qualität nicht den medizinischen Anforderungen entspreche.

Cannabis & Co. im Betäubungsmittelgesetz

Die deutschen Gesetze unterscheiden hinsichtlich der medizinischen Verwendung fünf Gruppen von Substanzen. Drei Gruppen werden durch das Betäubungsmittelgesetz geregelt und sind in Anhängen I bis III geregelt. Dazu zählen auch THC (Dronabinol) und Cannabis.

  • Substanzen, die zur Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes zählen, sind illegal. Sie sind "nicht verschreibungsfähig" und "nicht verkehrsfähig" wie zum Beispiel Heroin, Psilocybin, Cannabis und LSD. Eine Ausnahme von diesem generellen Verbot "kann das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nur ausnahmsweise zu wissenschaftlichen oder anderen im öffentlichen Interesse liegenden Zwecken erteilen."
  • Substanzen der Anlage II sind nicht verschreibungsfähig aber verkehrsfähig. Das bedeutet, dass Apotheken Substanzen der Anlage II herstellen und erwerben dürfen, allerdings nicht an Patienten abgeben dürfen. Viele der Substanzen der Anlage II sind Vorläufer von Substanzen der Anlage III wie zum Beispiel Isomethadon und Dihydromorphon.
  • Substanzen, die zur Anlage III zählen, dürfen nur auf einem speziellen Rezept, einem so genannten Betäubungsmittelrezept abgegeben werden. Zu diesen Medikamenten zählen Morphium, Kokain, Opium, Pethidin, Methadon, etc. Seit 1983 befindet sich das synthetische Dronabinol-Derivat Nabilon in der Anlage III. Seit 1998 ist Dronabinol (THC) auf einem Betäubungsmittelrezept verschreibungsfähig. Betäubungsmittel dürfen von jedem Arzt verschrieben werden.

Zwei weitere Gruppen von Medikamenten werden nicht durch das Betäubungsmittelgesetz geregelt. Es sind die verschreibungspflichtigen Medikamente und die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente. Die verschreibungspflichtigen Medikamente, zum Beispiel Schlafmittel, müssen von einem Arzt auf einem normalen Rezept verschrieben werden. Die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente können ohne Rezept in einer Apotheke gekauft werden. Außerdem sind einige Medikamente zwar nicht verschreibungspflichtig, aber apothekenpflichtig: Sie dürfen nur über eine Apotheke bezogen werden.

Aktualisiert: 06.06.2013 – Autor: Susanne Köhler

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