Nocebo: Der negative Placebo-Effekt

Wahrscheinlich kennt jeder Mensch den Nocebo-Effekt: Wer den Beipackzettel eines Medikaments liest, verspürt nicht selten kurz darauf genau diese Beschwerden. Auch ein Gespräch über die Nebenwirkungen der Corona-Impfung lösen augenscheinlich genau diese Symptome aus. Was steckt hinter dem Nocebo-Effekt?

Frau hat Kopfschmerzen am Laptop © Getty Images/Kathrin Ziegler

Das Paradoxe am sogenannten Nocebo-Effekt ist: Rechnet jemand fest damit, krank zu werden, kann er infolgedessen auch tatsächlich erkranken.

Wie unterscheiden sich Placebo und Nocebo?

Als Placebo-Effekt wird die positive Auswirkung einer Scheinbehandlung bezeichnet. Der Nocebo-Effekt ist dagegen eine scheinbar durch ein Arzneimittel bedingte negative Wirkung. Als Voraussetzung müssen Betroffene mögliche negative und schädigende Auswirkungen der Behandlung kennen, der sie sich gerade unterziehen.

Die Nocebo-Forschung ist ein vergleichsweises neues Gebiet. In kontrollierten, klinischen Studien brechen regelmäßig Patient*innen, die ein Placebo erhielten, die Teilnahme wegen Nebenwirkungen ab, die typisch für das zu untersuchende Medikament sind. Sie wussten vorher um dessen Nebenwirkungen und sie entwickelten sie, obwohl sie den Wirkstoff gar nicht bekamen.

Was den Nocebo-Effekt begünstigt

Oft lässt sich nur schwer sagen, was Nocebo und was eine echte Nebenwirkung ist. Die folgenden drei Faktoren werden für die Auslösung des Nocebo-Effektes verantwortlich gemacht:

  • Persönlichkeit: Die hauptsächliche Emotion von Menschen, die für den Nocebo-Effekt anfällig sind, ist Angst als Folge schlechter Erfahrungen. Auch sehr sensible Menschen sind anfällig für den Nocebo-Effekt.
  • Hörensagen: Angst und Unsicherheit werden durch negative Berichte im persönlichen Umfeld oder Halbwissen in öffentlichen und sozialen Medien verstärkt.
  • Ärztliches Verhalten: Wie Patient*innen aufgeklärt werden und Behandlungen durchgeführt werden, kann den Nocebo-Effekt verstärken oder mildern.

Nocebo-Effekt und die Corona-Impfung

Auch im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung zeigt sich der Nocebo-Effekt. Denn viele Menschen berichten von Nebenwirkungen nach der ersten oder zweiten Impfung – wer die Impfung noch vor sich hat, befürchtet dann oft, diese Nebenwirkungen auch zu entwickeln.

Und genau diese negative Erwartungshaltung beeinflusst den Nocebo-Effekt ungemein. Konkret kann das bedeuten: Je mehr man sich mit Nebenwirkungen der Corona-Impfung auseinandersetzt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen spürbar sind.

Dennoch muss der Nocebo-Effekt nicht negativ sein: Machen sich Nebenwirkungen wie erhöhte Temperatur, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit nach einer Corona-Impfung bemerkbar, arbeitet das Immunsystem vermutlich sehr stark. Das wiederum ist ja ein positives und gewünschtes Ereignis.

Aktualisiert: 03.08.2021 - Autor: Dagmar Schüller, Medizinredakteurin und Dipl.-Trophologin