Straßburger Gericht soll Abschalten von Geräten bei hirntotem Jungen in London stoppen

Eltern von Archie Battersbee reichen Eilantrag bei Menschenrechtsgerichtshof ein

Achie Battersbees Eltern kämpfen vor Gericht

Um die Beendigung der Beatmung seines als hirntot eingestuften zwölfjährigen Sohnes in letzter Minute zu verhindern, ist ein Elternpaar aus Großbritannien am Mittwoch vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gezogen. Hollie Dance und Paul Battersbee reichten ihren Antrag bei dem Straßburger Tribunal ein, nachdem sie in Großbritannien alle Instanzen ausgeschöpft hatten. 

Das Gericht bestätigte der Nachrichtenagentur AFP den Eingang eines Eilantrags der Eltern. Eine Entscheidung könne noch im Laufe des Tages fallen. Die Einschaltung des Europäischen Gerichtshofs beruht auf Artikel 39 seiner Statuten, wonach es "vorläufige Maßnahmen" in einem Land verfügen kann, wenn für die Antragsteller "ein reales Risiko irreparabler Schäden" für ihr Leben besteht.

Ihr Sohn Archie Battersbee wird seit April als Koma-Patient in einem Londoner Krankenhaus behandelt. Seine Ärzte haben mittlerweile den Hirntod des Zwölfjährigen festgestellt. Die britische Justiz folgt dieser Einschätzung und genehmigte daher, dass bei dem Jungen die Maßnahmen zur Erhaltung von Lebensfunktionen wie ein Beatmungsgerät und die Gabe von Medikamenten Mitte Juli beendet werden.

Unterstützt von einer christlichen Organisation kämpfen seine Eltern jedoch dagegen an und erwirkten durch die Instanzen immer wieder Aufschübe der Anordnung. Die letzte von der britischen Justiz gesetzte Frist lief am Mittwoch um 11.00 Uhr Ortszeit (12.00 Uhr MESZ) aus, Archies Eltern legten aber vorher Widerspruch in Straßburg ein. Zuvor hatten sie bereits den UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen um eine Stellungnahme gebeten.

"Wir hoffen und beten, dass das EGMR unsere Forderung zustimmend betrachtet", erklärte Archies Mutter, die die Fernsehteams vor dem Royal London Hospital regelmäßig über den Zustand ihres Sohnes und ihren Kampf gegen die britische Justiz informiert.

Archie war am 7. April bewusstlos gefunden worden, seitdem hat er das Bewusstsein nicht wieder erlangt. Nach Angaben seiner Mutter hatte er an einem in Online-Netzwerken ausgetragenen Wettstreit teilgenommen, der darin bestand, sich bis zum Äußersten die Luft abzuschnüren. Vor dem Unglück war Archie ein sportlicher Junge, der unter anderem Kampfsport machte.

Nach Angaben seiner Familie war Archie in jüngster Zeit zunehmend religiös geworden. Dies müsse auch bei der Entscheidung über eine Fortsetzung seiner Behandlung berücksichtigt werden, argumentieren sie. Seinen Ärzten zufolge ist sein Fall aber aussichtslos. 

"Sein System, seine Organe und sein Herz sind dabei zu versagen", hatte Berufungsrichter Andrew McFarlane am Montag festgestellt. Die Richter von Großbritanniens Oberstem Gerichtshof sprachen Archies Eltern "großes Mitgefühl" aus, da sie "den Alptraum aller Eltern - den Verlust eines geliebten Kindes" durchlebten. Dennoch müssten auch in diesem Fall die geltenden Gesetze angewandt werden.

Archies Mutter versichert, sie sei von Ärzten aus verschiedenen Ländern wie Japan und Italien kontaktiert worden, die ihr versichert hätten, dass sie eine Besserung von Archies Zustand herbeiführen könnten. Sie denke daher über Möglichkeiten nach, mit ihrem Sohn das Land zu verlassen.

In Großbritannien hatten in den vergangenen Jahren auch die Eltern des 23 Monate alten Alfie Evans und die Eltern von Charlie Gard vor Gericht dagegen gekämpft, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen bei ihrem Kind beendet werden. In beiden Fällen blieben die Eltern erfolglos. Alfie starb im April 2018 in Liverpool, Charlie Gard starb Ende Juli 2017 kurz vor seinem ersten Geburtstag.

Veröffentlicht: 03.08.2022 – Quelle: Agence-France-Presse