Gut erholen – besser leben

Frau erholt sich © rawpixel

Immer weniger Menschen sind in der Lage, die steigenden Belastungen der Arbeitsphase angemessen zu bewältigen. Ein Punkt wird dabei gerne übersehen: Nur gut erholt sind wir mental stark, optimistisch, motiviert, kommunikationsfähig und einsatzbereit. Kurzum: leistungsfähig. Müde und ausgebrannt fühlt man sich schlecht. Langfristig erhöht sich das Krankheitsrisiko. Sämtliche Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches und befriedigendes Berufs- und Beziehungsleben sind eingeschränkt. Wer beispielsweise über hohe kommunikative Kompetenzen verfügt, kann sie nicht vollständig entfalten, wenn er sich ausgelaugt fühlt.

Die Dynamik von Belastung und Erholung

Viele Menschen haben ein Erholungsverständnis, das dem Lichtschalterprinzip entspricht. Nach Arbeitsende, so die trügerische Meinung, stelle sich ähnlich wie bei einem Lichtschalter, Erholung wie auf Knopfdruck automatisch ein. Der Chef oder die Kunden sind nicht mehr da, es müssen keine Aufträge mehr erledigt werden, der Zeitdruck ist weg. Aber das Karussell im Kopf dreht sich weiter, was viele irritiert. Die wichtigsten Zusammenhänge zwischen Belastung und Erholung sind:

  1. Art und Dauer der Belastungsphase strahlen in die Erholungsphase aus.
  2. Je länger und stärker die Belastungsphase dauert, umso länger braucht es bis wir uns davon erholen.
  3. Zwei Pole kennzeichnen geistig-psychische Überlastung: Erstens innerliches überdreht und angespannt sein. Zweitens Energie- und Lustlosigkeit.
  4. Unser Organismus weiß intuitiv, wie er sich von körperlicher Belastung erholt. Nämlich nichts tun. So findet beispielsweise jeder die Idee, nach einer anstrengenden Fahrradtour zum joggen zu gehen, um sich zu erholen, absurd. Dieses intuitive Wissen hat sich im Laufe der letzten Jahrtausende, in der Belastung überwiegend körperlicher Art war, entwickelt und genetisch verankert. Aber unser Organismus weiß nicht intuitiv, wie er sich von geistig-psychischer Belastung erholen kann, da diese in der Menschheitsgeschichte noch jung ist.

Was im Leistungssport professionell betrieben wird, nämlich den Erholungsprozessen sogar die gleiche Bedeutung beizumessen wie den Belastungsprozessen, bleibt im Alltag im Laienstadium stecken. Jeder versucht halt, so gut er kann, mit den Belastungen aus der Arbeitsphase klar zu kommen. Manchen gelingt es, den meisten nicht.

Die Renaissance der Tugenden

In der US-amerikanischen akademischen Psychologie gerade eine Art Revolution statt. Während sich Psychologen seit Jahrzehnten mit negativen Ereignissen wie mit den Folgen einer schwierigen Kindheit, traumatischen Krisen, usw. befassten, forschen sie nun zu so zentralen Lebensfragen wie:

  • Was gibt uns im Leben Kraft und Energie?
  • Was hilft uns dabei, berufliche und private Herausforderungen am besten zu bewältigen?

Die Wissenschaftler waren selbst überrascht, dass ihre Untersuchungen zu immer wieder ähnlichen Ergebnissen führten. Nämlich die zentrale Bedeutung "alter" Tugenden. Sie machen nicht nur kurzfristig zufrieden und belastbarer, sondern sie federn auch langfristig die negativen Auswirkungen von Stress ab. Und sie wirken sowohl in der Freizeit- als auch in der Belastungsphase positiv.

Sinn und Werte

Wer in seiner Arbeit Sinn findet, kann die dort auftretenden Belastungen besser bewältigen. Dass es sogar unter schwierigen Umständen möglich ist, Sinn in der eigenen Arbeit zu finden, zeigen zwei Beispiele.

  • So sagte ein Angestellter bei der Müllabfuhr: "Ohne uns wäre unser Zusammenleben unerträglich".
  • Eine Verkäuferin einer großen Schweizer Einzelhandelskette meinte: "Das schönste in meinem Beruf ist, die Menschen in ihrer Einsamkeit zu begleiten".

Beiden ist etwas Wertvolles gelungen. Nämlich einer eher unattraktiven Tätigkeit eine besondere Bedeutung zu verleihen. Sie sehen ihre Arbeit in einem positiven Licht. Das macht sie belastbarer– oder anders gesagt: Ihre positive Haltung wirkt als Stresspuffer.

The Human's Greatest Strength: Other Humans

Den meisten Menschen sind gute Beziehungen besonders wichtig. Warum? Darauf gibt der amerikanische Neurowissenschaftler Robert Sapolsky Auskunft. Er untersuchte mit Hilfe von Blutproben den Stressspiegel von in der Serengeti lebenden Affen. Und war vom Ergebnis selbst überrascht. Je mehr und dauerhaftere Freundschaften ein Affe hatte, umso so tiefer war die Konzentration der Stresshormone in seinem Blut. Je mehr er sich um andere kümmerte und andere sich um ihn kümmerten, desto gesünder und entspannter war er. Freundschaften federn die Belastungen des Savannen- und Clanalltags ab.

Diese Ergebnisse belegen, dass Freundschaften ein seit Jahrmillionen genetisch angelegtes wirksames Programm gegen die schädlichen Auswirkungen von Überlastung darstellen, das wir Menschen von unseren Vorfahren übernommen haben. Soziale Kontakte sind ein guter Stresspuffer, fördern unsere Regeneration nach einer Krankheit und vieles mehr. Sie haben sogar einen stärkeren Einfluss auf unsere Lebensdauer als die Risikofaktoren Rauchen, Alkohol, Übergewicht oder mangelnde Bewegung. Und zwar bei Frauen etwa 2,8 und bei Männern etwa 2,3 Jahre.

Die Rolle von Dankbarkeit im Erholungskonzept

Die Dankbarkeitsforschung hat in den letzten Jahren einen großen Fundus interessanter Forschungsergebnisse vorgelegt. Sie wurde besonders gefördert von Sir John Templeton, dem Gründer des gleichnamigen Aktienfonds. Ob wir uns erholen, hängt entscheidend davon ab, wie wir vergangene, aktuelle und zukünftige Ereignisse bewerten. Blicken wir zufrieden und dankbar auf unser Leben zurück? Oder beurteilen wir unsere Lebensbilanz negativ? Wenn wir unsere Vergangenheit negativ einschätzen, so beurteilen wir uns selbst ebenfalls eher negativ. Denn wir sind ein Stück weit für unsere Vergangenheit selbst verantwortlich.

Zusätzlich öffnen wir negativen Gefühlen die Tür in unser Leben. Und fühlen uns schlecht. Auch in Bezug auf unsere Gegenwart. Denn wer mit seiner Vergangenheit im Hader liegt, dem fällt es schwer, mit seiner Gegenwart im Einklang zu sein. Wer jedoch in seiner Vergangenheit vieles entdeckt, für das er dankbar sein darf, fördert positive Gefühle in der Gegenwart. Einfach deshalb, weil uns Dankbarkeit zufrieden mit uns und unserem Leben werden lässt.

Das hat auch Charles Dickens erkannt und empfiehlt: „Denke an deine gegenwärtigen Segnungen, von denen jeder viele hat, und nicht an deine vergangenen Missgeschicke, von denen jeder einige hat". Und dabei geschieht ein kleines Wunder. Wir entdecken plötzlich immer mehr, was unser Leben lebenswerter und freundlicher macht. Und bringen so immer mehr positive Emotionen in unser Leben. Wir werden zufriedener und ausgeglichener und erholen uns besser.

Eine Haltung der Dankbarkeit lenkt unsere Aufmerksamkeit von belastenden Ereignissen weg und auf die positiven Seiten hin. Und sie ist nicht einmal an Vorleistungen gebunden, die wir erst erbracht haben müssten. Wir brauchen gar keine Höchstleistungen bringen, um für die positiven Seiten des Lebens dankbar zu sein. Dankbar sein ist darüber hinaus ein wirksames Gegenmittel gegen überkritisches sich hinterfragen und permanentes sich antreiben. Sie erleichtert es uns, innerlich loszulassen und zur Ruhe zu kommen. Auch das fördert unsere Erholung.

Dankbarkeit – eine Haltung

Um dankbar zu sein, brauchen wir nicht zu warten, bis die Dinge perfekt sind, oder bis uns etwas ganz besonders Positives widerfährt. Sondern genau im Gegenteil. Dankbarkeit ist weniger eine Reaktion auf einen positiven Umstand, sondern eine Haltung, die wir im Laufe der Zeit verinnerlichen und die zu einer Leitschnur für unser Lebens wird.

Dankbar sein, macht uns offener für die Segnungen des Lebens. Je dankbarer wir sind, desto mehr entdecken wir, worüber wir dankbarer sein können. Oder wie ein nigerianisches Sprichwort meint: "Sei dankbar für wenig und du wirst viel finden". Der Schlüssel dafür liegt in unserer Hand.

Einfache Übung für den Alltag

Nehmen Sie sich für die folgende Übung 5 bis 10 Minuten Zeit. Denken Sie an eine Person oder eine Begebenheit, für die Sie dankbar sein dürfen. Begeben Sie sich in die Situation hinein und achten Sie dann vor allem auf die positiven Gefühle, die dabei in Ihnen wach werden. Üben Sie 2-3 Mal pro Woche. Besonders hilfreich ist, wenn Sie in Dankbarkeit an die Menschen denken, die Ihnen nahe stehen.

Aktualisiert: 30.08.2016 – Autor: Christoph Eichhorn

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