Essbrechsucht - Schlanksein um jeden Preis
Die Bulimia nervosa ist eine durch regelmäßige Essattacken gekennzeichnete Essstörung. Während eines Essanfalls werden große Mengen an Nahrungsmitteln verzehrt. Die Betroffenen erleben dabei das Gefühl des Kontrollverlusts (das Gefühl, nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können oder nicht im Griff zu haben, welche Mengen verspeist werden). Wegen der hohen Energiezufuhr während eines Essanfalls werden Gegenmaßnahmen eingesetzt, um einer Gewichtszunahme zuvorzukommen. Dies können sein: selbsthergeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführ- und/oder Entwässerungsmedikamenten, Fasten oder übermässige körperliche Aktivität. Die Bulimie kommt im Vergleich zur Anorexie deutlich häufiger vor, typischerweise bei 15- bis 30-jährigen Frauen. Die Betroffenen sind meist normalgewichtig oder nur leicht über- oder untergewichtig. Weniger als zehn Prozent der Betroffenen sind Männer. Eine Vielzahl von Menschen leidet nicht an einer eigentlichen Essbrechsucht, zeigt jedoch ansatzweise ähnliche Verhaltensweisen auf. So ist die Mehrheit der Frauen und Männer unzufrieden mit der eigenen Figur, und ein grosser Teil besonders der Frauen möchte abnehmen und befolgt Diätvorschriften. Auch Essattacken, selbsthergeführtes Erbrechen sowie die gelegentliche Einnahme von Appetitzüglern und Abführmitteln sind weit verbreitet.
Ursache(n)
Ein wichtiger Auslöser der Essbrechsucht (und der Magersucht) ist das derzeitig gültige Schlankheitsideal. Dieses «verlangt» von den Frauen, um jeden Preis schlank zu sein. Das Streben nach der «Traumfigur» wird durch Modezeitschriften und andere Medien unterstützt. Da viele Jugendliche die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Pubertät als verunsichernd erleben, sind sie besonders anfällig auf derartige Modellvorstellungen. Auch die Veränderung der Geschlechterrollen gilt als ein möglicher Auslöser für die Entstehung von Essstörungen: Die «ideale Frau» muss als Berufstätige, Hausfrau und Mutter sowie als attraktive Partnerin gleichzeitig in verschiedenen Rollen erfolgreich sein. Dieser Druck kann im Einzelfall zu erheblichen Konflikten führen. Persönliche Probleme und Konflikte sind dann bedeutend für die individuelle Entstehung einer Essstörung, wenn sie das seelische Gleichgewicht einer Person stören. Ob es sich um Probleme in Partnerschaft, Schule oder am Arbeitsplatz oder Probleme anderer Art handelt, ist von Fall zu Fall verschieden. Verallgemeinerungen sind nicht möglich. Je mehr das Selbstwertgefühl einer Frau beeinträchtigt ist, desto wichtiger kann der Versuch für sie werden, Mängel in der Bewältigung von Schwierigkeiten mit Hilfe einer (unnötigen) Gewichtsreduktion auszugleichen. Das Streben nach der Idealfigur gewinnt eine unverhältnismässig grosse Bedeutung. Das Ziel der Gewichtsabnahme hat die Funktion, das geringe Selbstwertgefühl auszugleichen. Menschen, die abnehmen wollen, erleben das Auftreten von Essanfällen oft als «Versagen». Sie fühlen sich danach schlecht. Das selbsthergeführte Erbrechen bringt in dieser Situation etwas Erleichterung, weil die «verbotene Nahrung» wieder ausgeschieden und das «Versagen» rückgängig gemacht wird. Trotzdem wird das Erbrechen meist von Gefühlen der Scham und Schuld begleitet. Das Selbstwertgefühl wird dadurch zusätzlich geschwächt, die Patienten reagieren mit noch stärkerem Bemühen um das Einhalten der Diätmassnahme. Früher oder später entsteht dadurch ein Kreislauf, in welchem die Häufigkeit der Essanfälle und des Erbrechens sowie der niedergeschlagenen Stimmung zunimmt.
Merkmale, Diagnostik, Verlauf
Das alleinige Essen grosser Mengen an Nahrungsmitteln und der anschliessende Versuch, die hohe Kalorienzufuhr durch beispielsweise ein kleineres Abendessen auszugleichen, bedeutet noch nicht, dass jemand unter Bulimie leidet. Folgende Merkmale gehören Essbrechsucht:
- Regelmässige Episoden von Essanfällen, in welchen in kurzer Zeit eine weitaus grössere Menge an Nahrungsmitteln verzehrt wird, als andere Menschen unter ähnlichen Bedingungen essen würden.
- Während den Essanfällen häufig das Gefühl des Kontrollverlusts (unfähig zu kontrollieren, was oder wieviel gegessen wird).
- Wiederholte Anwendung von sogenannten Gegenmassnahmen (zur Gegensteuerung der Gewichtszunahme). Diese können sein: selbstherbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Entwässerungs- und/oder Abführmedikamenten Fasten, übermässige körperliche Aktivität . Die Figur und das Körpergewicht haben einen übermässigen Einfluss auf die Selbstbewertung .
Je nach Anwendung der Gegenmassnahmen (Purging-Verhalten), wird die Bulimie in zwei Gruppen eingeteilt: «Purging type»: mit selbsthergeführtem Erbrechen oder Missbrauch von Abführ- und/oder Entwässerungsmedikamenten «Nonpurging type»: bulimische Essanfälle mit Fasten oder übermässiger körperlicher Aktivität, aber ohne selbsthergeführtes Erbrechen, ohne Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten. Essanfälle treten auch bei einer anderen Essstörung, der Binge Eating Disorder auf, jedoch fehlen dort die Gegenmassnahmen zur Gewichtszunahme. Die zur Bulimia nervosa gehörenden Gegenmassnahmen stellen keine adäquate Strategie der Gewichtskontrolle dar, sondern sind als ein Merkmal der Krankheit zu verstehen.
Komplikationen
Unausgewogene Diäten, Fasten, Erbrechen und der Gebrauch von Abführ- und Entwässerungsmedikamenten können zu einem Mangel an lebensnotwendigen Salzen (Elektrolyten) wie Kochsalz, Kalium oder Magnesium führen. Elektrolytstörungen (zum Beispiel Kalium- oder Natriummangel) sind daher die häufigsten körperlichen Komplikationen der Essbrechsucht. Ausserdem kann es zur Vergrösserung der Speicheldrüsen kommen. Da beim Erbrechen die Zähne immer wieder mit Magensäure in Kontakt kommen, wird die Entstehung von Karies begünstigt; eine weitere Folge ist der Abbau des Zahnschmelzes. Der langfristige Gebrauch von Abführmitteln verbessert die Verdauung nicht. Das Gegenteil ist der Fall, zunehmende Verstopfung (Obstipation) ist die Folge. Das Durchführen von unausgewogenen Diäten führt längerfristig zu Mangelzuständen, das heisst die Betroffenen haben nebst den bereits erwähnten Elektrolytströungen auch zu wenig Vitamine, Mineralstoffe und Folsäure. Nebst diesen körperlichen Folgeerkrankungen kann Bulimie auch im seelischen Bereich schwerwiegende Folgen haben: Je länger die Essstörung besteht, desto höher wird ihr Stellenwert im Alltag. Überlegungen und Handlungen, die mit dem Essen und Diät im Zusammenhang stehen, dominieren immer mehr über andere Interessen. Soziale Kontakte werden zunehmend vermieden, was bis zur Isolation führen kann. Viele zeigen gleichzeitig vermehrte Leistungsorientierung und gesteigertes Engagement auf sportlichem oder intellektuellem Gebiet. Das kann zum Ausgleich der sozialen Defizite dienen. Ängste und Depressionen können hinzukommen, die immer mehr das Erleben der Patienten bestimmen. Besonders nach Essanfällen und anschliessendem Erbrechen können Schuld- und Schamgefühle auftreten. BehandlungZiel der Therapie ist, das Diäthalten abzubauen, und ein normales Essverhalten aufzubauen. Grundlage eines normalen Essverhaltens ist eine Ernährungsweise mit einem ausgewogenem Verhältnis aus Kohlenhydraten, Eiweissen und Fetten. Bulimikerinnen bevorzugen hingegen fettarme, eiweissreiche Nahrungsmittel. Ein weiterer Behandlungsaspekt ist die Regelmässigkeit der Nahrungsaufnahme. Damit werden längere Phasen ohne etwas zu Essen vermieden und eine ausreichende Nährstoff- und Energieversorgung gewährleistet. Das langfristige Ziel der Behandlung ist ein Essverhalten, das nicht durch Einseitigkeit und Verzicht auf Genuss gekennzeichnet ist, sondern durch Vielfältigkeit der Nahrungsmittel und Orientierung am Appetit auf bestimmte Nahrungsmittel (im Gegensatz zur typischerweise vorhandenen Orientierung an diätetischen Gesichtspunkten). Unter den psychotherapeutischen Behandlungsansätzen sind es vor allem kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsmassnahmen, die bisher wissenschaftlich untersucht wurden. Die zentralen Bestandteile innerhalb einer kognitiv-verhaltens-therapeutischen Behandlung sind:
- Selbstbeobachtung des Ess verhaltens (einschliesslich der Essanfälle und des Erbrechens).
- Erkennen von Auslösern für Essanfälle und Erbrechen.
- Vermittlung von Informationen (im Zusammenhang mit der Essstörung).
- Aufbau geregelter Mahlzeiten (einschliesslich der bis anhin individuell «verbotenen» Nahrungsmittel).
- Veränderung der verzerrten Einstellungen und Überzeugungen bezüglich Körper und Gewicht.
- Verhinderung von Rückfällen.
Die Behandlung kann in vielen Fällen ambulant stattfinden und ist sowohl als Einzel- oder Gruppenbehandlung durchzuführen. Ähnliche Ergebnisse wie mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen werden mit der Interpersonalen Psychotherapie erreicht. Der Schwerpunkt dieser Methode liegt auf der Verbesserung der aktuellen zwischenmenschlichen Beziehungen, ohne dass auf das Essverhalten und die verzerrten Einstellungen zu Körper und Gewicht eingegangen wird. Eine medikamentöse Behandlung kann ebenfalls hilfreich sein. Dabei haben sich allerdings nur Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva bewährt. Im Vergleich mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen erzielen die medikamentösen Behandlungen jedoch geringere Erfolge.
Vorbeugende Massnahmen
Hinterfragen des Schönheitsideals: Das aktuelle Schönheitsideal, das durch sehr schlanke bis ausgezehrte Models in den Medien propagiert wird, ist für durchschnittliche Frauen und Männer nur mit ungesunden Massnahmen zu erreichen. Dieses Ideal nimmt keine Rücksicht auf den natürlichen Körperbau oder den Gewichts-Set-Point. Um der ersehnten Traumfigur zu entsprechen, müssten Durchschnittsmenschen ein beträchtliches Mass an Körpergewicht verlieren. Vermeiden rigider Diäten: Das Angebot an Diäten nimmt kontinuierlich zu. Viele scheinen ganz logisch zu sein, wirken aber häufig nicht auf Langzeitbasis. Sie berücksichten weder den Set-Point, emotionale Reaktionen auf Diäten, individuelle Unterschiede im Normalgewicht noch das unvernünftige Schlankheitsideal. Diäten, die auf der Basis einer unausgewogenen Ernährung in kurzer Zeit eine relativ hohe Gewichtsabnahme bewirken, stellen ein Gesundheitsrisiko dar. Essanfälle können eine direkte Folge von Hunger sein. Je mehr versucht wird, die Nahrungsaufnahme einzuschränken, desto stärker wird die Tendenz zu Essattacken. Oft wird der Fehler begannen, nach einem Essanfall eine Mahlzeit (im Sinne der «Wiedergutmachung») auszulassen. Dadurch wird der nächste Kontrollverlust vorprogrammiert.
