Magersucht

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Die Anorexia nervosa kommt im Vergleich zur Bulimia nervosa weniger häufig vor. Etwa ein Prozent der 15- bis 30-jährigen Frauen leidet unter einer Anorexie. Frauen sind stärker betroffen, der Anteil anorektischer Männer liegt unter zehn Prozent. Eine anorektische (oder bulimische) Erkrankung wird begünstigt durch gruppeninterne Regeln, Traditionen oder Anforderungen, die den ohnehin bestehenden Druck nach einer schlanken Figur noch verstärken. Als typische weibliche Risikogruppen gelten daher Ballettänzerinnen und Models. Gewisse Sportarten, in welchen ein niedriges Höchstgewicht gefordert wird, bergen eine erhöhte Gefahr zur Erkrankung an einer Essstörung. Bei den Männern ist dies beispielsweise bei Jockeys, Skispringern oder Ringern der Fall.

Ursache(n)

Verschiedene Faktoren sind an der Entstehung der Anorexie beteiligt. Bis anhin ist bekannt, welche Bedingungen eine Essstörung verursachen können, es ist jedoch noch nicht möglich, die Einflussfaktoren spezifisch den verschiedenen Erkrankungen zuzuordnen. Die nachfolgenden Ursachen sind daher nicht ausschliesslich für die Magersucht gültig.

Wann genau und warum eine Person eine Essstörung entwickelt, ist bis heute noch unklar. Die auslösenden Situationen und deren Hintergründe sind individuell verschieden. Niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (bei zirka vierzig bis fünfzig Prozent der Jugendlichen nachweisbar!), können ein Risikofaktor für die Entstehung einer Essstörung sein.

Hat eine Person einmal damit begonnen, mit Hungern und/oder Erbrechen auf Konflikte zu reagieren, kann daraus ein Kreislauf entstehen. Dieser ist unter anderem aus physiologischen Gründen schwer zu durchbrechen. Das Durchführen von strengen Diäten kann längerfristig erhebliche Probleme mit sich bringen: Liegt das Körpergewicht unterhalb des individuell optimalen Bereichs (Set point), kann daraus eine erhebliche Störung der normalerweise vorhandenen Gefühle für Hunger, Appetit und Sättigung entstehen. Häufig treten als Reaktion darauf Essanfälle und selbsthergeführtes Erbrechen auf. Auch erhebliche Veränderungen in der seelischen Befindlichkeit im Sinne von Depressionen und Ängsten können entstehen.

Ein wichtiger Auslöser der Magersucht (und der Essbrechsucht) ist das derzeitig gültige Schlankheitsideal. Dieses «verlangt» von den Frauen, um jeden Preis schlank zu sein. Das Streben nach der «Traumfigur» wird durch Modezeitschriften und andere Medien unterstützt. Da viele Jugendliche die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Pubertät als verunsichernd erleben, sind sie besonders anfällig auf derartige Modellvorstellungen.

Auch die Veränderung der Geschlechterrollen gilt als ein möglicher Auslöser für die Entstehung von Essstörungen: Die «ideale Frau» muss als Berufstätige, Hausfrau und Mutter sowie als attraktive Partnerin gleichzeitig in verschiedenen Rollen erfolgreich sein. Dieser Druck kann im Einzelfall zu erheblichen Konflikten führen. Persönliche Probleme und Konflikte sind dann bedeutend für die individuelle Entstehung einer Essstörung, wenn sie das seelische Gleichgewicht einer Person stören.

Ob es sich um Probleme in Partnerschaft, Schule oder am Arbeitsplatz oder Probleme anderer Art handelt, ist von Fall zu Fall verschieden. Verallgemeinerungen sind nicht möglich. Je mehr das Selbstwertgefühl einer Frau beeinträchtigt ist, desto wichtiger kann der Versuch für sie werden, Mängel in der Bewältigung von Schwierigkeiten mit Hilfe einer (unnötigen) Gewichtsreduktion auszugleichen. Das Streben nach der Idealfigur gewinnt eine unverhältnismässig grosse Bedeutung. Das Ziel der Gewichtsabnahme hat die Funktion, das geringe Selbstwertgefühl auszugleichen.

 

Merkmale, Diagnostik, Verlauf

Typisch für die Anorexie sind:

  • Deutliches Untergewicht (mindestens fünfzehn Prozent unter dem für die Körpergrösse normalen Gewicht).
  • Irrationale Angst vor Gewichtszunahme beziehungsweise davor dick zu werden, trotz bestehendem Untergewicht.
  • Verzerrte Wahrnehmung der Figur und des Körpergewichts.
  • Das Gewicht, die Figur hat einen übermässigen Einfluss auf die Selbstbewertung.
  • Vorhandensein einer Amenorrhoe, also das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen.

 

Es gibt zwei Untergruppen der Anorexia nervosa, die aufgrund des Essverhaltens und der Gegenmassnahmen eingeteilt werden:

  1. Restriktiver Typ: Essanfälle, Erbrechen, Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten treten während einer anorektischen Phase nicht regelmässig auf.
  2. Bulimischer Typ: Regelmässiges Auftreten von Essanfällen, Erbrechen, Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten während einer anorektischen Phase. Diese Unterteilung zeigt, dass bei der Anorexie - analog zur Bulimie - ebenfalls Essanfälle und Gegenmassnahmen zur Gewichtszunahme auftreten können. Im Unterschied zu Essbrechsüchtigen weist die Magersüchtigen jedoch deutliches Untergewicht auf, und die oben erwähnten Merkmale sind Bestandteil der Erkrankung.

 

Komplikationen

Das körperliche Hauptmerkmal der Magersucht - das erhebliche Untergewicht - ist in vielen Fällen lebensbedrohlich. Unausgewogene Diäten, Fasten, Erbrechen und der Gebrauch von Abführ- und Entwässerungsmedikamenten können zu einem Mangel an lebensnotwendigen Salzen (Elektrolyten), beispielsweise Kochsalz, Kalium oder Magnesium führen. Daher gehören auch Elektrolytstörungen zu den körperlichen Komplikationen bei der Anorexie. In Verbindung mit einer zu geringen Flüssigkeitsaufnahme kann bei starkem Fasten der Harnsäurespiegel ansteigen und so zu einer Nierenstörung führen. Bei einer Niereninsuffizienz kann es wegen Eiweissmangel zu Wassersucht (sogenannten Hungerödemen) kommen.

Die starke Gewichtsabnahme löst auch Hormonveränderungen aus: vor allem in der Schilddrüse und im sympathischen Nervensystem. Die Folge davon sind verlangsamter Herzschlag (Bradykardie), sinkender Blutdruck (Hypotonie) mit Schwindel und Kreislaufstörungen, zu tiefe Körpertemperatur (Hypothermie) und häufig auch Durchblutungsstörungen mit Kältegefühlen an Händen und Füssen (Akrozyanose).

Veränderungen der Sexualhormone treten bereits nach einer Gewichtsabnahme von wenigen Kilogramm auf. Sie können zu Zyklusunregelmässigkeiten und zu Einschränkung der Fruchtbarkeit führen. Bei sehr niedrigem Gewicht bleibt die Menstruation schliesslich völlig aus (Amenorrhoe). Unausgewogene Diäten führen längerfristig zu Mangelzuständen bezüglich Vitaminen, Mineralstoffen und Folsäure.

Nebst den körperlichen Komplikationen kann die Magersucht auch seelisch schwerwiegende Folgen haben: Je länger die Essstörung besteht, desto höher ihr Stellenwert im Alltag. Überlegungen und Handlungen, die mit dem Essen und der restriktiven Nahrungszufuhr im Zusammenhang stehen, dominieren immer mehr vor anderen Interessen. Die starke Gewichtsabnahme verändert den Eiweissstoffwechsel. Das kann bei kohlenhydratarmer Ernährung möglicherweise die Übertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn und somit die Stimmung verändern. Mit zunehmender Depression verlieren die Betroffenen immer mehr Lebensfreude und Interesse an der Umwelt. Soziale Kontakte werden immer mehr vermieden, was zur Isolation führen kann. Gleichzeitig nimmt die Konzentrationsfähigkeit ebenso wie die allgemeine Leistungsfähigkeit und auch das Interesse an der Sexualität ab.

 

Behandlung

Bei stärkerem Untergewicht ist eine stationäre Behandlung notwendig. Das erste aber nicht einzige Ziel der Therapie ist das Erreichen eines angemessenen Gewichts. Nebst dem Umgang mit den individuellen Ess- und Gewichtsproblemen werden auch positive Veränderungen in den Bereichen soziale Aktivitäten, Beziehungsgestaltung, Selbstbild und Körperbild angestrebt.

Für die Behandlung der Anorexia nervosa liegen bis anhin wenig kontrollierte Untersuchungen vor. Innerhalb der psychotherapeutischen Ansätze erweisen sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapien als effektiv. Ein Vergleich mit anderen Methoden ist schwierig, da zu wenig gesicherte Befunde vorliegen.

In der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung kommt es darauf an, dass die Betroffenen selbst die Verantwortung für ihr Essverhalten und Körpergewicht übernehmen, vorausgesetzt, dass sie dazu in der Lage und willens sind. In einer Art Vertrag wird festgelegt, was die Patientin tun muss, um ihr Gewicht zu steigern. Die Angst vor der Gewichtszunahme soll überwunden werden, indem schrittweise gelernt wird, das steigende Gewicht auszuhalten.

Ein weiterer Behandlungsschwerpunkt liegt auf der Veränderung falscher (irrationaler) Einstellungen und Denkweisen bezüglich Essen, Figur und Gewicht. Mit Hilfe von Informationen und im Gespräch werden falsche Schlussfolgerungen und Vorstellungen analysiert und korrigiert. Besonderes Augenmerk wird auf die Selbstwertproblematik gerichtet. Ein wichtiger Aspekt dabei ist das negative Körperbild: Die Betroffenen neigen dazu, ihre körperlichen Ausmasse falsch einzuschätzen und sich für zu dick zu halten.

Die beschriebene Behandlung eignet sich für Einzel- und Gruppentherapien. Welche Methode im Einzelfall geeigneter ist, muss individuell abgeklärt werden.

Diverse Medikamente wurden bezüglich ihrer Wirksamkeit zur Behandlung der Anorexie wissenschaftlich überprüft. Es ergaben sich keine Hinweise für eine kurz- oder langfristige Wirkung irgendwelcher Medikamente hinsichtlich der Beeinflussung des Gewichts, der spezifischen Einstellungen zu Körper und Gewicht und der Stimmung.

 

Vorbeugende Massnahmen

Hinterfragen des Schönheitsideals: Das aktuelle Schönheitsideal, das durch sehr schlanke bis ausgezehrte Models in den Medien propagiert wird, ist für durchschnittliche Frauen und Männer nur mit ungesunden Massnahmen zu erreichen. Dieses Ideal nimmt keine Rücksicht auf den natürlichen Körperbau oder den Gewichts-Set-Point. Um der ersehnten Traumfigur zu entsprechen, müssten Durchschnittsmenschen ein beträchtliches Mass an Körpergewicht verlieren.

Vermeiden rigider Diäten: Das Angebot an Diäten nimmt kontinuierlich zu. Viele scheinen ganz logisch zu sein, wirken aber häufig nicht auf Langzeitbasis. Sie berücksichten weder den Set-Point, emotionale Reaktionen auf Diäten, individuelle Unterschiede im Normalgewicht noch das unvernünftige Schlankheitsideal. Diäten, die auf der Basis einer unausgewogenen Ernährung in kurzer Zeit eine relativ hohe Gewichtsabnahme bewirken, stellen ein Gesundheitsrisiko dar.

Essanfälle können eine direkte Folge von Hunger sein. Je mehr versucht wird, die Nahrungsaufnahme einzuschränken, desto stärker wird die Tendenz zu Essattacken. Oft wird der Fehler begangen, nach einem Essanfall eine Mahlzeit (im Sinne der «Wiedergutmachung») auszulassen. Dadurch wird der nächste Kontrollverlust vorprogrammiert.