Geschickte Kinder sind sicherer

Unfälle sind Todesursache Nr. 1 bei Kindern und Jugendlichen. Mehr als die Hälfte aller tödlichen Unglücke ereignen sich in der Freizeit, beim Sport, zu Hause oder in der Schule.
Ein Gutachten hat nun gezeigt, dass einerseits hohe körperliche Aktivität zwar mit einer Unfallgefährdung einhergeht, andererseits aber motorische Erfahrungen grundlegend für die Unfallverhütung sind. Das heißt: Je bewegungserfahrener das Kind, desto weniger unfallgefährdet ist es. Einziges Problem: Kinder, die viel Sport betreiben, können dazu neigen, Routinesituationen zu unterschätzen und verunglücken daher. Ungeschickte Kinder hingegen laufen eher Gefahr, in alltäglichen Situationen zu verunglücken.

Unfälle beim Sport: häufig bei "leichten Übungen"

In gewissem Maße ist sportliche Aktivität selbst ein Unfallrisiko, was sich an der hohen Zahl von Sportunfällen, z.B. im schulischen Bereich festmachen lässt. Jeder zweite Sportunfall ereignet sich beim Ballspiel. Mädchen verletzen sich beim Volleyball, Jungen dagegen eher beim Fußball. Turnen und Leichtathletik haben demgegenüber eine geringere Bedeutung.
Entgegen der landläufigen Meinung, dass Unfälle bei schwierigen oder unbekannten Übungen passieren, geben die meisten Kinder und Jugendlichen an, dass die Unfälle nicht bei schwierigen oder unbekannten Übungen passiert sind, sondern bei leichten "motorischen Handlungen mit geringem oder sehr geringen Schwierigkeitsgrad".

Bewegung schult die Wahrnehmung

Durch Bewegung erhält das Zentralnervensystem wichtige Impulse, die für dessen Reifung und Differenzierung notwendig sind. Kinder, die sich viel bewegen, verbessern dadurch ihre motorischen Fähigkeiten, insbesondere die Koordinationsfähigkeiten, und entwickeln motorische Fertigkeiten.
Sie gewinnen dadurch nicht nur an körperlicher Sicherheit, sondern schulen außerdem ihre Wahrnehmung - über den Tastsinn, den Bewegungs- und den Gleichgewichtssinn bis hin zum Sehen und Hören. Das wiederum kommt der gesunden motorischen, aber auch der psychischen, emotionalen und kognitiven Entwicklung zugute.
Gerade im Alter von sieben bis zwölf Jahren können Kinder entscheidende motorische Fortschritte erzielen, die sie in die Lage versetzen, auch komplizierte Bewegungsabläufe leicht zu erlernen.

Bewegungsmangel - ein Teufelskreis

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Kinder, die keine Möglichkeiten haben, sich körperlich zu testen und zu verbessern, weisen deutliche Defizite auf. Diese betreffen nicht allein ihre Motorik, sondern ihre Gesamtentwicklung. Bewegungsmangel führt zu Haltungsschwächen, Kreislaufproblemen, Übergewicht und - nicht zuletzt - zu mangelndem Selbstbewusstsein.
Aus Angst, Misserfolge zu erleiden oder von anderen Kindern gehänselt zu werden, verlieren diese Kinder Interesse an körperlicher Aktivität. "So schließt sich ein Teufelskreis von Bewegungsmangel, motorischer Auffälligkeit, Misserfolg, Rückzug, Vermeidungsverhalten und dadurch Verstärkung der Defizite", fassen die Experten das Problem motorisch auffälliger Kinder zusammen.
Damit steigt auch die Unfallgefährdung dieser Kinder. Sie sind körperlich sowie emotional schneller überfordert als ihre Altersgenossen, vermeiden Sport oder Spiele mit großer Dynamik und können daher ihr eigenes Leistungsvermögen nicht realistisch einschätzen. Sie verunfallen schon bei eigentlich alltäglichen Situationen, weil ihnen einfach die Erfahrung, Kraft und Geschicklichkeit fehlen.

Jedes dritte Kind braucht motorische Förderung

Die Entwicklung der Städte und die Herausbildung neuer Lebensstile haben gerade in den vergangenen 30 Jahren dazu geführt, dass immer mehr Kinder motorisch auffällig sind, so die Autoren des Gutachtens.

  • Nach Erkenntnissen von Sportpädagogen hat mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen Haltungsschäden.
  • Ein Drittel der Grundschulkinder zeigt deutliche Schwächen in der Gesamtkörperkoordination und schneidet bei Ausdauerleistungen wie zum Beispiel einem 6-Minuten-Lauf unterdurchschnittlich ab.
  • Mindestens ein Drittel aller Grundschulkinder, manche Experten gehen sogar von 50 Prozent aus, bedarf gezielter motorischer Förderung.
  • Außerdem zeigen bis zu 30 Prozent der Kinder auffälliges Verhalten, ein knappes Fünftel ist übergewichtig.

Unfallkindern mangelt es an Selbstvertrauen

Neben den motorischen und sensorischen Entwicklungsdefiziten begünstigen auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale die Unfallwahrscheinlichkeit, haben wissenschaftliche Studien ergeben. In manchen Fällen stehen diese Eigenschaften in Zusammenhang mit der sozialen Herkunft. Eine besondere Rolle spielt auch das soziale Klima in der Schule.
Zu den Merkmalen von "Unfallkindern" zählen beispielsweise geringe Selbstkontrolle und Frustrationstoleranz, disziplinloses, sozial auffälliges Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen. Aber auch geringes Selbstvertrauen verbunden mit dem Bedürfnis nach Risikoerlebnissen kann die Unfallgefährdung erhöhen.
Dagegen verletzen sich Kinder mit einem positiven Selbstbild und einem gut entwickelten Körpergefühl deutlich seltener. Sie verfügen außerdem oft schon über ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein.

Fazit

Unfallprävention ist notwendig und Bewegung spielt dabei eine zentrale Rolle. Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass durch eine gezielte Bewegungsförderung in Kindergärten und Schulen die Unfallzahlen tatsächlich deutlich gesenkt werden konnten. Die Förderung muss sich aber an den jeweiligen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Kinder orientieren.

  • Kinder, deren Motorik und Sensorik unterdurchschnittlich entwickelt sind, benötigen gezielte Bewegungsförderung.
  • Nicht auf den Umfang der Förderprogramme kommt es an, sondern auf deren Qualität. Pädagogische Einrichtungen, die Programme zur Bewegungsförderung anbieten, sollten vor allem darauf achten, einen geschützten Raum zu schaffen. Das heißt: Die Betreuer müssen einerseits dafür Sorge tragen, dass die Prozesse innerhalb der Gruppe möglichst frei von Aggression sind, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre körperliche Fähigkeiten zu testen und weiterzuentwickeln. Andererseits sollte die Umgebung so gestaltet sein, dass sie zur Bewegung motiviert und Unfallrisiken ausgeschlossen werden können.
  • Kinder, die bereits über eine gut entwickelte Motorik verfügen, benötigen zwar keine Bewegungsförderung, aber sie müssen lernen, mögliche Risiken und Gefahren zu erkennen und ihre eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.