Qigong mit Kindern

"Wo die Gedanken sind, da ist die Energie, wo die Energie ist, da fließt Blut, wo aber das Blut fließt, da ist Gesundung" (chinesisches Sprichwort). Von außen betrachtet, passiert bei Qigong eher wenig. Die Übenden stehen einfach da, verlagern dann und wann ihr Gewicht oder bewegen sich mit ruhigen, fließenden Bewegungen. "Drinnen" passiert dagegen sehr viel. Qigong (wörtlich: Pflege der Lebensenergie) ist eine der ältesten chinesischen Heilmethoden, um die Lebensenergie des Menschen zu steigern und zum Fließen zu bringen.
Qigong-Übungen umfassen Dehnungshaltungen, Zeitlupenbewegungen, Atem- und Vorstellungsübungen. Sie sollen den Bewegungsapparat stärken, aber gleichzeitig auch geschmeidig und beweglich machen. Mit Qigong lassen sich Atmung, Kreislauf, Nervensystem und Stoffwechsel regulieren und das Immunsystem stärken. Auf geistiger Ebene werden Konzentration, Erinnerung und Lernfähigkeit gefördert.

In China eine Selbstverständlichkeit

In China gehört Qigong zum täglichen Leben: Es dient der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten, ist Meditation und Philosophie zugleich. Menschen üben morgens in den Parks, um sich für den Tag zu stärken, Qigong wird an Schulen und Hochschulen in den Pausen betrieben, um die geistige Regeneration zu fördern.
Auch in Europa wird Qigong immer populärer und ist inzwischen auch medizinisch anerkannt: Von Ärzten und Krankenkassen wird es zur Gesunderhaltung und Leistungssteigerung empfohlen, die Bundesvereinigung für Gesundheit e. V. hat es als qualitätsgesicherte Entspannungsmethode eingestuft.

Warum Qigong für Kinder?

Auf unsere moderne Lebenswelt mit ihrer täglicher Hektik, ständigen Reizüberflutung und relativen Bewegungsarmut reagieren viele Kinder mit Unruhe, Zerstreutheit, Konzentrationsstörungen und Aggressivität. Bei solchen Stressphänomenen kann sich Qigong positiv auswirken. Es kann Kindern helfen, wieder Ruhe und Konzentration zu finden, ihren Körper bewusst wahrzunehmen und ein positives Lebensgefühl für das Hier und Jetzt zu entwickeln.
Die Kinder sind hinterher nicht müde, sondern erfrischt und wieder aufnahmebereit. Deshalb eignet sich Qigong auch zum Einsatz in der Schule, z.B. als konzentrationssteigernde Bewegungspause im Unterricht oder als Entspannungsangebot (für Schüler und Lehrer) in der großen Pause.

Gibt es ein spezielles Qigong für Kinder?

Qigong für Kinder wurde von der Präsidentin der Deutschen Qigong Gesellschaft e.V. Dr. Zuzana Šebková-Thaller entwickelt und in Deutschland und anderen europäischen Ländern bekannt gemacht; im Heimatland des Qigong ist diese spezielle Form unbekannt. Es werden in der Regel die gleichen Bewegungsabläufe verwendet, wie bei den Übungen für Erwachsene. Sie werden aber in kindgerechte Erzählungen eingebunden und spielerisch vermittelt. Oft merken die Kinder gar nicht, dass sie Qigong-Übungen praktizieren. Unter der Anleitung einer Trainerin verwandeln sie sich in Schlangen, Pinguine und Adler und ahmen deren Bewegungsmuster nach. Sie fühlen sich so stark ein, dass sie deren Eigenschaften selbst erfahren.

Übung: Wie ein Baum stehen

Aber auch andere Elemente aus dem Naturreich kommen zur Anwendung. Bei Kindern, die nicht zur Ruhe kommen, kann z.B. die Übung "wie ein Baum stehen" helfen. Die Kinder stehen dabei mit den Beinen schulterbreit auseinander, die Knie sind leicht angewinkelt. Beides dient einem besonders festen und stabilen Stand. Sie stellen sich vor, dass sich ihre Wurzeln im Boden ausbreiten, dass sie dadurch Kraft für das Wachstum des Baumes sammeln. Der Stamm wächst, die Blätter entfalten sich zur Sonnen hin, die Blüten öffnen sich. Meist müssen die Kinder dabei gar nicht zu bestimmten Bewegungen animiert werden, sie finden sie bei den Erzählungen ganz von alleine.

Übung: Der Adler stürzt auf die Beute

Eine Übung die Aufmerksamkeit und Konzentration schärfen soll, ist "Der Adler stürzt auf die Beute". Die Kinder sollen lernen, Aggression auszuleben ohne die Fassung zu verlieren. Spielerisch nachgeahmt wird hierbei der entspannte Flug eines Adlers, der seinen Blick in die Weite schweifen lässt (die Kinder stehen wie bei der "Baumübung" und breiten ihre Arme aus), dann eine Maus erblickt (die Kinder stellen sich auf die Zehen, heben das rechte Knie und die Arme noch etwas höher) und auf die Beute herabstürzt (die Kinder stoßen einen "Ha"-Schrei aus, fallen in die Hocke, die Krallen sind gespreizt auf den Boden gestützt, der Blick gebannt). Der Adler hat die Maus gefangen, ist stolz auf sich und lässt die Maus wieder laufen. Die Kinder kehren in die Ausgangstellung zurück und lächeln.
Bei dieser Übung sollen die Kinder verschiedene Pole erfahren: Oben und Unten, weiter Blick und scharfer Blick, eine klare zielbewusste Aktion und die Gelassenheit, das Gewonnene wieder loszulassen, Spaß und Ernst. Die Mischung aus körperlicher und geistiger An- und Entspannung schult die Körperwahrnehmung und soll den Kindern Kraft und Energie geben.

Ab wann können Kinder Qigong betreiben?

  • Qigong kann bereits im Säuglingsalter eingesetzt werden. Dann bestehen die Übungen nur aus Berührungen, Massagen oder Klopfen.
  • Ab einem Alter von 2-3 Jahren wird "Qigong zu zweit" (ein Erwachsener und ein Kind oder zwei Kinder) ausgeführt. Diese Form besteht aus verschiedenen Massagen, die in lustige Geschichten eingebaut werden.
  • Ab drei Jahren können Kinder mit kleinen selbstständigen Übungen und Übungszyklen beginnen.
  • Ältere Kinder und Jugendliche werden wie Erwachsene behandelt. Bei ihnen ist es wichtig, Ablauf und Technik genau zu erklären und auch zu zeigen, wie und warum die Übungen wirken.

Qigong kann überall und jederzeit geübt werden. Es ist deshalb auch für das familiäre Umfeld gut geeignet. Besondere Sportkleidung oder Bekleidung sind nicht nötig. Man sollte allerdings darauf achten, dass die Kleidung nicht zu eng und einschnürend ist und dass kein schweres Schuhwerk oder hohe Absätze getragen werden.

Wo wird Qigong angeboten?

Qigong-Kurse werden in Familienbildungsstätten, Volkshochschulen und anderen Gesundheitseinrichtungen angeboten. Über verschiedene Modellprojekte (z.B. zur Gewaltprävention oder Gesundheitsvorsorge) und Pilotstudien soll die fernöstliche Heilmethode auch in Schulen und Kindergärten bekannt gemacht werden.