Sublinguale Immuntherapie - "Allergie-Impfung" ohne Nadeln
Frühling- und Sommerzeit: für die meisten Menschen ein Grund zur Freude, für den Pollen-Allergiker verbunden mit Nasenlaufen, Augenjucken und Atembeschwerden. Mit der spezifischen Immuntherapie lassen sich die Ursachen wirksam bekämpfen, mittlerweile sogar mit Tropfen statt Spritze.
Heuschnupfen-Geplagte haben es schwer. Wenn andere ihre Fenster aufreißen und mit dem Fahrrad ins Grüne fahren, müssen sie das Lüften auf nachts verschieben, sich vor dem Schlafengehen die Haare waschen und – wenn sie sich nach draußen gewagt haben – ihre Kleidung vor der Schlafzimmertür lassen.
So mancher Allergiker verlegt seinen Jahresurlaub ins Hochgebirge, um dem Pollenflug zu entgehen. Zwar lassen sich die Beschwerden mit verschiedenen Mitteln lindern, doch Betroffene sind immer gefährdet, bekannte oder neue Symptome bis hin zu einem allergischen Schock zu entwickeln. Häufig verschlimmert sich die Allergie über die Jahre oder die Beschwerden verlagern sich von einem Organ auf ein anderes. So kann die Allergie auf Gräser- oder Baumpollen als Schwellung der Nasenschleimhaut beginnen und sich später zu einem Asthma der Lunge entwickeln.
Heilung ist möglich
Die derzeit einzige Möglichkeit, das Übel an der Wurzel zu packen, ist die spezifische Immuntherapie (SIT), die auch als Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung bezeichnet wird. Mit dieser setzt man am Entstehungsprinzip der Allergie an. Der Organismus reagiert beim Allergiker intensiv auf harmlose Substanzen, beurteilt sie als gefährlich und bekämpft sie mit starken Geschützen. Das Immunsystem bildet dabei besonders Immunglobulin-E-Antikörper, die sich auch im Blut nachweisen lassen und Symptome wie Schleimhautschwellung, Niesen und Atembeschwerden verursachen.
Bei der Hyposensibilisierung wird nun dem Körper die Substanz, auf die er so stark reagiert, regelmäßig in zunächst sehr kleinen, dann immer weiter ansteigenden Dosen zugeführt. Damit wird erreicht, dass er sich daran gewöhnt, statt sie aggressiv zu bekämpfen – bei 70–80% der Betroffenen ein Konzept, das aufgeht. Behandelt werden können damit v.a. Allergien gegen Pollen und – besonders erfolgreich – Bienen- und Wespengift.
Spritzen versus Sprühen
Seit vielen Jahren wird die spezifische Immuntherapie mittels Spritzenbehandlung (subkutane Immuntherapie = SCIT) durchgeführt. Über drei Jahre erhält der Patient zunächst wöchentlich, später etwa alle 2–4 Wochen am Oberarm eine Injektion unter die Haut ("subkutan"). Anschließend muss er noch mindestens 30 Minuten in der Praxis bleiben, da behandlungspflichtige allergische Reaktionen auftreten können. Ein sehr zeitintensives Unterfangen, das vom Betroffenen eine ganze Menge an Disziplin und Durchhaltevermögen erfordert.
Als sanfte Alternative ist nun seit über zehn Jahren die sublinguale Immuntherapie (SLIT) bekannt. Dabei träufelt sich der Allergiker eine bestimmte Anzahl von Tropfen selbst unter die Zunge ("sublingual"). Auch hier wird die Dosis zunächst nach einem genau festgelegten Plan gesteigert und die Behandlung über einen Zeitraum von drei Jahren fortgeführt. Der Patient muss sich regelmäßig zunächst alle 1–2, später etwa alle sechs Wochen beim Arzt vorstellen.
Bei beiden Formen wird vor dem Beginn der Therapie vom Arzt mittels verschiedener Tests bestimmt, auf welche Substanzen der Betroffene reagiert. Mit der Behandlung sollte in der pollenfreien Zeit im Herbst begonnen werden und möglichst bevor sich Allergien gegen mehrere Stoffe, schwerere Formen oder ein allergisches Asthma entwickelt haben. Eine Therapie ist bereits im Kindesalter möglich.
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Vor- und Nachteile
Die Vorteile der sublingualen Immuntherapie liegen zunächst auf der Hand: Die Behandlung ist schmerzfrei, die Betroffenen müssen nicht ständig eine Praxis oder ein Krankenhaus aufsuchen, der Zeitbedarf ist geringer und die Gefahr eines allergischen Schocks und anderer Nebenwirkungen äußerst klein.
Demgegenüber stehen aber auch einige Nachteile: Es liegen nicht für alle Allergene Erfahrungen und – im Gegensatz zur Spritzentherapie – noch keine Langzeiterfahrungen vor. Es gibt bisher nur wenige Studien zu dieser Behandlung (besonders im Kindesalter und im direkten Vergleich mit der SCIT) und die Ergebnisse widersprechen sich zum Teil. Die optimale Dosis ist noch nicht bekannt, die Wirkung lässt sich nicht im Blut nachweisen und auch die Kosten liegen höher als bei der Spritzenbehandlung.
Letztlich ist sogar noch nicht einmal das genaue Wirkprinzip bekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es keine "Schluckimpfung" ist, d.h. die Tropfen auch dann wirken, wenn sie nicht in den Magen-Darm-Trakt gelangen. Vermutlich veranlassen sie die Zellen der Mundschleimhaut dazu, bestimmte Substanzen zu produzieren, welche die Erzeugung der allergieauslösenden Immunzellen hemmen. Daher wird der sublingualen Immuntherapie bisher noch nicht der gleiche Status zuerkannt wie der subkutanen Form. Allerdings sind sich die Forscher einig, dass sie eine vielversprechende Alternative ist.