Brille oder Kontaktlinse

Fehlsichtigkeit ist keine Seltenheit. Knapp 64 Prozent der Deutschen ab 16 Jahre brauchen eine Sehhilfe. Ab dem 60. Lebensjahr sind es ganze 94 Prozent. Auch Kindern zwischen 2 und 15 Jahren fehlt häufig der Durchblick: Bereits 16 Prozent tragen meist wegen Kurzsichtigkeit eine Brille. Weshalb Myopie, so der Fachbegriff für Kurzsichtigkeit, immer weiter zunimmt, ist nicht ganz klar. In der Regel setzt sie mit dem präpubertären Wachstumsschub ein. Aber Wissenschaftler vermuten, dass nicht allein Erbanlagen für die Brillen- und Kontaktlinsen-Hochkonjunktur verantwortlich sind.
Ursachen von Kurzsichtigkeit
Die Sehschwäche kann auch aufgrund beeinflussbarer Umweltfaktoren, wie Naharbeit am PC oder vielem Lesen, entstehen. Biophysiker der Universität Tübingen und der kanadischen Hochschule Calgary wiesen in einem Aufsehen erregenden Versuch mit Hühnern nach, dass andauerndes Nahsehen das Längenwachstum des Auges ankurbelt: Dabei sendet die Netzhaut Wachstumssignale aus, sodass sich der Augapfel streckt. Das Ergebnis ist Kurzsichtigkeit.
Rahmenlos in den Tag
Wenn die Sehschärfe immer mehr nachlässt, bedeutet dies Verlust von Lebensqualität. Kein Wunder also, dass die Angebote für besseres Sehen zunehmen und Brillen und Kontaktlinsen in unterschiedlichsten Variationen die Verkaufsregale der Optiker füllen.
Etwa fünf Prozent der Erwachsenen in Deutschland wollen ihre Augen nicht von Brillengläsern eingerahmt sehen und entscheiden sich für die "Haftschalen", die eine Fehlsichtigkeit unauffällig kaschieren. Mit einer besonderen, in Deutschland wenig bekannten Technik lockt die Orthokeratologie, kurz Ortho-K genannt. Eine spezielle Kontaktlinse aus hoch sauerstoffdurchlässigem Kunststoff verringert dabei die Myopie während der Nacht oder gleicht sie ganz aus.
Methodik der Orthokeratologie
"Bei der Orthokeratologie passt man eine harte Kontaktlinse so an, dass sie die Hornhaut leicht abplattet und damit die Kurzsichtigkeit verringert", erklärt Dr. Gerald Böhme, Leiter des Ressorts Kontaktlinsen im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. Die Linse ist nicht gleichmäßig gewölbt wie herkömmliche Kontaktlinsen, sondern in der Mitte abgeflacht, sodass sie während des Schlafs leicht auf die Hornhaut drückt und die Fehlsichtigkeit von Nacht zu Nacht verringert.
Die Methode funktioniert bis zu einer Myopie von -3,5 bis -4,5 Dioptrien. Doch die "Verformung" der Hornhaut lässt im Laufe des Tages nach und damit auch das scharfe Sehen; die Kontaktlinsen müssen über Nacht wieder eingesetzt werden. Wie lange der Ortho-K-Effekt andauert, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei einigen hält er nur einen Tag lang, bei anderen gleich mehrere.Die Orthokeratologie stammt aus den USA, wo sie bereits vor über 40 Jahren entwickelt wurde. Die Methode konnte sich in Deutschland aber nicht durchsetzen und geriet immer wieder in die Kritik von Augenärzten: Die ersten Erfahrungen mit Ortho-K waren wegen zahlreicher Fälle von Augenschäden negativ. Heute hat sich die Methode wesentlich verbessert.
Dennoch stellt die Linse eine zusätzliche Belastung für das Auge dar: "Die oberste Schicht der Hornhaut muss mit Sauerstoff versorgt werden. Trägt man jede Nacht Linsen, kommt weniger Sauerstoff an das Auge. Dadurch quillt die Hornhaut auf und kann sich trüben", warnt Böhme. "Ein gesundes Auge erholt sich meist davon, bei älteren Menschen kann es aber schon mal irreversibel sein."
Komplikationen bei Orthokeratologie
Ob die Kontaktlinse überhaupt angepasst werden kann, hängt von vielen Kriterien ab: Für Menschen mit trockenen Augen, mit einer chronischen Lidrandentzündung, für Allergiker, Weitsichtige oder bei einer mittleren oder hohen Hornhautverkrümmung eignet sich dieses Verfahren nicht. "Auch bei Kindern würde ich Orthokeratologie nicht empfehlen", so der Experte. "Denn Kinder reiben sich nachts häufiger die Augen oder liegen so, dass das Kissen ins Auge drückt. Dann verschiebt sich die Linse und übt an der falschen Stelle Druck auf die Hornhaut aus."
Die Langzeitauswirkungen der Behandlung sind nicht erforscht. Bislang gibt es nur Fallbeobachtungen, die aber keine wissenschaftlich fundierte Schlussfolgerung zulassen. Dennoch: Orthokeratologie arbeitet im Prinzip nicht anders als ein Laser. Während der die Hornhaut abträgt, um sie flacher zu machen, platten Ortho-K-Linsen sie ab. "Im Gegensatz zum Laser ist der Effekt aber reversibel", meint Böhme. "Es lohnt sich deshalb durchaus, diese Methode zukünftig weiterzuentwickeln."
Kosten von Ortho-K-Linsen
Wie viel Ortho-K-Linsen kosten, hängt davon ab, wie schnell die Behandlung anschlägt. Interessierte müssen mit 800 bis 1.000 Euro rechnen, denn die Entwicklung muss regelmäßig vom Augenarzt kontrolliert werden. Zusätzlich ist ein Ersatzpaar nötig, da eine Brille die Fehlsichtigkeit bei Verlust einer Kontaktlinse nicht ausgleichen kann, wenn sich die Sehstärke im Laufe des Tages ändert. Die Kosten werden von den Krankenkassen nicht übernommen.
Autor/Quelle: gesundheit.de
