Schwindel (Vertigo)

Ob morgens beim Aufstehen, beim Bücken oder auf einer längeren Autofahrt: Schwindel (Vertigo) ist ein komplexes Phänomen, das in den verschiedensten Situationen auftreten kann. Häufig geht Schwindel mit Begleitsymptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Ohrgeräuschen einher. Die Dauer sowie die Art des Schwindels – Drehschwindel oder Schwankschwindel – können teilweise bereits erste Hinweise auf die Ursache der Beschwerden liefern. Prof. Dr. med. Michael Strupp stellt im Interview verschiedene Ursachen von Schwindel genauer vor und gibt Tipps zur richtigen Behandlung.

Was ist Schwindel?

Etwa zehn Prozent aller Patienten, die ihren Hausarzt aufsuchen, haben mit Schwindel zu kämpfen. Da Schwindel mit zunehmendem Alter häufiger auftritt, ist insbesondere bei älteren Menschen der Prozentsatz derjenigen, die öfters unter Schwindel leiden, relativ hoch. So wird rund 30 Prozent der über 65-Jährigen regelmäßig schwindelig.

Bei Schwindel handelt es sich um eine Scheinbewegung zwischen der Umwelt und dem eigenen Körper. Man hat das Gefühl, dass sich die Umgebung beziehungsweise der eigene Körper dreht oder der Boden schwankt. Tatsächlich beruhen diese Bewegungen aber auf einer gestörten Wahrnehmung der Umgebung, der verschiedenste Ursachen zugrunde liegen können.

Schwindel hat zahlreiche Ursachen

Schwindel ist keine eigene Krankheit, sondern ein Anzeichen dafür, dass eine Störung im engeren oder weiteren Bereich des Gleichgewichtssystems vorliegt. Wodurch diese Störung ausgelöst wird, ist unterschiedlich.

"Bei den Ursachen, die sich hinter Schwindel verbergen können, kann man drei große Gruppen unterscheiden", erklärt Experte Prof. Dr. med. Michael Strupp. "Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Erkrankungen des peripheren Gleichgewichtsorgans, bei der zweiten Gruppe um zentralen Schwindel und bei der dritten Gruppe um phobischen Schwankschwindel."

Liegt eine Erkrankung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr vor, sind laut Strupp besonders häufig die folgenden drei Ursachen für den Schwindel verantwortlich:

  • Gutartiger Lagerungsschwindel
  • Morbus Menière
  • Entzündung des Gleichgewichtsnervs (sog. Neuritis vestibularis)

Gutartiger Lagerungsschwindel

"Ein gutartiger Lagerungsschwindel macht sich nachts oder morgens beim Umdrehen im Bett bemerkbar. Bei solchen Bewegungen können akute Drehschwindelattacken auftreten", sagt Strupp. Ursache des Lagerungsschwindels sind kleine Kristalle im Ohr, die bei bestimmten Bewegungen die Sinneszellen im Innenohr reizen und dadurch die Schwindelattacken auslösen.

"Die gute Nachricht für alle Betroffenen ist, dass ein solcher Lagerungsschwindel zu 100 Prozent therapierbar ist", versichert der Experte. "Zur Behandlung werden sogenannte Befreiungsmanöver durchgeführt, die der Patient nach einer ärztlichen Einweisung selbstständig zuhause durchführen kann." Durch die Übungen werden die Kristalle aus den Bogengängen befördert – oft sind die Patienten bereits nach einigen Tagen beschwerdefrei.

Morbus Menière

Morbus Menière ist eine Erkrankung, die besonders häufig bei Menschen zwischen dem 40. und dem 60. Lebensjahr auftritt. "Bei den Betroffenen entsteht der Drehschwindel dadurch, dass im Ohr zu viel Flüssigkeit produziert wird. Es kommt dann zu regelrechten Schwindelattacken, die gemeinsam mit Begleitsymptomen wie Hörstörungen, einem Druckgefühl im Ohr sowie Ohrgeräuschen auftreten", erklärt Strupp.

Bei Personen, die an Morbus Menière erkrankt sind, ist eine medikamentöse Therapie nötig, um den Schwindel zu bekämpfen. In der Regel wird dabei auf den Wirkstoff Betahistin zurückgegriffen. "Ähnlich wie beim gutartigen Lagerungsschwindel sind auch bei Morbus Menière die Heilungschancen sehr gut. Etwa 90 Prozent der Patienten sind unter der Behandlung attackenfrei", betont der Experte.

Entzündung des Gleichgewichtsnervs

Eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs wird auch als Neuritis vestibularis bezeichnet. "Sie ist durch akut einsetzenden, heftigen über Tage anhaltenden Drehschwindel gekennzeichnet", sagt Strupp. "Auslöser der Entzündung sind Herpesviren, die unter anderem auch für die unangenehmen Herpes-Bläschen an der Lippe verantwortlich sind."

Strupp empfiehlt, die Entzündung des Nervs in der akuten Phase mit der Gabe von Kortison zu behandeln. So könne in etwa zwei Drittel der Fälle die normale Funktion des Gleichgewichtsnervs wiederhergestellt werden. Allerdings kann es einige Tage bis hin zu wenigen Wochen dauern, bis die Beschwerden vollständig abgeklungen sind.