Psoriasis - Der Hautarzt im Aquarium

Als die ersten Meldungen kamen, herrschte völlige Euphorie. Zu schön war die Vorstellung, dass ein Schwarm kleiner Fische die schuppenden Hautstellen bei Patienten mit Schuppenflechte (Psoriasis) einfach wegknabberten - und die Krankheit damit verschwand. Inzwischen haben sich auch kritischere Töne unter die Lobeshymnen gemischt. Doch für viele Psoriatiker ist die Behandlung mit den Knabberfischen eine Therapie, mit der sie zumindest für längere Zeit Ruhe vor ihrer Krankheit haben.
Anatolische Fische
Die Idee zur Behandlung mit "Garra Rufa", der rötlichen Saugbarbe, und dem karpfenähnlichen "Doktorfisch" Leucsicus chephalus haben Patienten aus dem anatolischen Badeort Sivas-Kangal mitgebracht. Hier werden aus insgesamt 5 Thermalquellen Badebecken gespeist, in denen sich nicht nur Heilwasser mit einer konstanten Temperatur von 35 Grad, sondern auch die sechs bis acht Zentimeter langen Knabberfische befinden.
Weil das Heilwasser aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung und Temperatur relativ wenig Futter für die Fische enthält, sind Hautschuppen eine gute Alternative für die Fische. Begibt sich ein Patient mit Psoriasis in das Heilwasserbecken, wird er von den Fischen mit dem Maul angestoßen und die Schuppen werden gelockert. Viele Patienten vergleichen diesen Vorgang mit einer Massage und das anschließende Abfressen der Hautschuppen erleben sie in der Regel als "Kitzel", in etwa vergleichbar mit einer Reizstrom-Behandlung.
Wer in Anatolien kurt, der unterliegt einem strengen Regime. Wenngleich es keine badeärztliche Betreuung gibt, gibt es eine Reihe von Vorschriften, die einzuhalten sind. Dazu gehören unter anderem ein striktes Alkoholverbot und die Notwendigkeit, das Thermalwasser auch als Trinkkur anzuwenden. Schnelle Lösungen gibt es auch hier nicht: Die Patienten halten sich über drei bis vier Wochen jeden Tag mehrere Stunden im Wasser auf.
Fisch-Diebe und Heim-Behandlung
Was die Bewohner Kangals schon seit Jahrhunderten über ihre Bäche und die Fische darin wussten, das sollte auch nach Deutschland getragen werden – inklusive der Fische. So dachten zumindest diejenigen, die Kangal-Fische aus der Türkei nach Deutschland schafften und hier züchteten. Aus diesen Zuchtversuchen entstanden Fisch-Populationen, die bald auch zum Einsatz zuhause angeboten wurden.
Dabei ist der Einsatz der Fische nicht unproblematisch. Weil die Wasserbewohner stets hungrig sind, kennen sie keine "Grenzen" und knabbern unter Umständen mehr ab, als dem Patienten lieb ist. Einige Patienten berichten davon, dass ihnen "Löcher" in die Füße gebissen worden sein. Auch von blutenden Stellen auf der Haut wird berichtet. Die Behandlung zu Hause, auch wenn sie propagiert wird, ist für die Patienten, die großflächig an Psoriasis erkrankt sind, kaum möglich. Experten rechnen mit 150 Fischen für einen Patienten - zur Behandlung müssten die Fische aus ihrem Aquarium in die Wanne umgesetzt werden und die Wassertemperatur über mehrere Stunden konstant gehalten werden.
Fisch-Kur ohne Krankenkasse
"Nur wo Anatolien draufsteht, ist auch Anatolien drin" - so lässt sich die grundlegende Erfahrung mit den Knabberfischen wohl am besten zusammenfassen. Gemeint ist damit, das es wohl der Mix aus Fisch, Sonne, Heilwasser und stressfreier Umgebung in Kangal ist, der für den Behandlungserfolg der Knabberfische verantwortlich ist.
Patienten, die die Fisch-Behandlung in der Türkei mitgemacht haben, haben bis auf wenige Ausnahmen nach eigenen Angaben auch mittelfristig davon profitiert. Ihre Haut wurde durch die Fische völlig entschuppt und der Abstand bis zum nächsten Schub war signifikant größer. Möglicherweise gibt es hier eine generelle Änderung im Entzündungsprozess und der entsprechenden Immunantwort des Körpers, die für die längerfristigen schuppenfreie Zeit sorgt. Die Krankheit selbst wird nicht eliminiert.
Allerdings gibt es bislang kaum wissenschaftliche Studien zu den Behandlungserfolgen mit Garra Rufa Fischen, sodass für auch eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen die notwendige Voraussetzung fehlt. In Deutschland wird die Behandlung von einigen Kliniken und Heilpraktikern angeboten. Wer sich für eine stationäre Badekur entscheidet, der sollte darauf achten, dass vor Beginn der dreiwöchigen Behandlung eine internistische Grunduntersuchung gemacht wird und die Behandlung sich nicht nur auf das tägliche Bad mit den Fischen beschränkt.
Eine Ergänzung mit UV-Therapie und einer gründlichen Hautpflege mit einer wirkstofffreien Basiscreme unterstützt den Behandlungserfolg. Unklar ist, ob die Fische über die Hautschuppen eventuell Krankheitserreger aufnehmen und möglicherweise weitergeben. Daher sollte man sich vom Behandler versichern lassen, dass man während der Behandlung nur von den "eigenen" Fischen beknabbert wird und dass die Fische nach Ende der Behandlung in Quarantäne kommen, und nicht sofort an den nächsten Patienten weitergegeben werden.
Erfahrungen austauschen
Insgesamt ist die Behandlung relativ aufwendig und eignet sich wohl am besten für Patienten mit chronisch großflächigen Schuppenherden. Da das Verfahren noch nicht konsequent wissenschaftlich begleitet wurde, lohnt sich ein Blick auf die Seiten der verschiedenen Selbsthilfegruppen, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.
Der Konsens scheint zu sein, dass der Therapieerfolg relativ einfach zu erreichen ist und länger als bei konventionellen Methoden anhält, wenngleich einige Patienten nicht von den Knabberfischen profitieren.
Autor/Quelle: Susanne Köhler
