Polio - die Kinderlähmung

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© istockphoto, VadimPO

60 Jahre nach Einführung der Polio-Impfung muss die Weltgesundheitsorganisation WHO ihren Traum von der baldigen, weltweiten Ausrottung der Kinderlähmung wohl erst einmal begraben. Der Grund: Die Verschleppungen von Polioviren aus so genannten Endemiegebieten kann und wird zu einer realen Bedrohung, wenn die Impfbemühungen nachlassen und sich dadurch Nischen in der Bevölkerung ergeben, bei denen kein ausreichender Schutz mehr gegen Polio besteht – auch in Europa.

"Schluckimpfung ist süß...

...Kinderlähmung ist grausam". Mit diesem Slogan wurde vor allem in den 60er und 70er Jahren für den Schutz vor der Viruserkrankung, die zu Lähmungen der Arme, Beine und der Atmung sowie zum Tod des Patienten führen kann, geworben. Eine spezielle Behandlung für die Erkrankung gibt es nicht – in der akuten Krankheitsphase muss der Patient beatmet werden, außerdem soll intensive Krankengymnastik während und nach der Erkrankung die Schäden an der Muskulatur minimieren. Gegen die oft starken Schmerzen werden Wärme und Schmerzmitteln gegeben.
Weil der Erreger nicht direkt behandelt werden kann, ist die Vorbeugung durch Impfung die einzige Möglichkeit, der Krankheit zu entkommen!

Die Impfung

Zur Bekämpfung der Kinderlähmung gibt es zwei unterschiedliche Impfstoffarten:

  • der Schluckimpfstoff (orale Polio-Vakzine oder OPV) mit abgeschwächten Polio-Viren
  • der gespritzte Impfstoff (injizierbare Polio-Vakzine oder IPV) mit abgetöteten Polio-Viren.

Die Schluckimpfungskampagnen mit abgeschwächten Polio-Viren (OPV) haben dazu geführt, dass Europa seit 2002 als polio-frei gilt. Die OPV-Impfung ist ohne Spritze einfach und kostengünstig zu verabreichen. Auch der Wirkmechanismus ist für eine Massenimpfung vorteilhaft: Es werden lebende Polioviren verabreicht, die jedoch so verändert sind, dass sie keine Lähmungserscheinungen mehr verursachen. Dafür aktivieren sie das Immunsystem, so dass so genannte Polio-Wildviren bekämpft werden können. Die Polio-Impfviren werden dann genauso ausgeschieden wie Polio-Wildviren. Dadurch wird automatisch auch die Umgebung der geimpften Person mitgeimpft, weil auch die Impfviren dem Verbreitungsweg der Wildviren folgen, nämlich als Tröpfchen-Infektion oder fäkal-oral. Das bedeutet, die Erreger werden mit dem Stuhl ausgeschieden, gelangen in den Nahrungskreislauf und werden mit der Nahrung wieder aufgenommen. Der große Nachteil der OPV-Impfung ist jedoch die Tatsache, dass die Impfviren im Organismus mutieren und wie Wildviren Lähmungserscheinungen hervorrufen können. Dies kann auch ungeimpfte Menschen in der näheren Umgebung betreffen. Weil zwischen 1991und 1998 in Deutschland fast jedes Jahr ein bis zwei Fälle einer so genannten Impf-Poliomyelitis aufgetreten sind, wurde die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) 1998 geändert. Seither wird in Deutschland nur noch der IPV-Impfstoff angewendet. Eine IPV-Impfung kann keine Poliomyelitis hervorrufen, da nur abgetötete Virusbestandteile gespritzt werden. Weil aber der Darmtrakt nicht mit immunisiert wird, bleibt auch die "Umgebungsimmunisierung" aus. Deshalb müssen wesentlich mehr Personen geimpft werden, um den Schutz der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Die Impfung mit der Spritze ist außerdem aufwändiger und kostenintensiver, was vor allem in Entwicklungsgebieten ein potentielles Hindernis für eine flächendeckende Impfung ist.

Der Krankheitsverlauf

Im Anfangsstadium ähnelt die Kinderlähmung einem grippalen Infekt mit Fieber, Durchfall und Übelkeit. Während dieser ersten 7-14 Tage vermehren sich die Keime im Körper. In vielen Fällen klingen die Beschwerden dann ab und die Erkrankung endet bereits nach dieser Phase. Es ist jedoch möglich, dass die Viren nach circa. einer Woche ohne Beschwerden in das zentrale Nervensystem eindringen und dort eine Hirnhautentzündung hervorrufen, die dann die Lähmung auslöst. In besonders schweren Fällen werden von der Lähmung die Nerven betroffen, die Atmung und Kreislauf regulieren. Zur Diagnose wird während einer Lumbalpunktion Rückenmarksflüssigkeit entnommen und auf die Erreger untersucht. Auch aus Stuhlproben oder Rachenflüssigkeit wird versucht, Viren anzuzüchten. Der Nachweis von Antikörpern gegen das Virus im Blut gilt ebenfalls als Sicherung der Diagnose.

Impfmüdigkeit macht krank

Kinderlähmung trifft nicht nur Kinder, auch Erwachsene können daran erkranken. Wer sich mit Polio infiziert hat, ist bereits nach wenigen Stunden ansteckend – und das bis zu sechs Wochen lang. Nach Angaben der STIKO haben nur noch drei von zehn Deutschen eine Polio-Grundimmunisierung. Wer bereits gegen Polio geimpft ist, der sollte anhand seines Impfpasses überprüfen, ob tatsächlich alle notwendigen vier Impfungen dort eingetragen sind. Ist das nicht der Fall, müssen fehlenden Impfungen unbedingt nachgeholt werden. Weil Geschäfts- und Urlaubsreisen nach Asien und Afrika immer mehr zunehmen, ist ein ausreichender Impfschutz für diese Länder besonders wichtig. Reisende können, ohne selbst zu erkranken, Wildviren einschleppen. Personen, die Reisen in potenziell gefährdete Gebiete planen, sollten sich deshalb über aktuelle Risiken informieren (z. B. über die einschlägigen Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts). Sofern ein Risiko besteht, sollten sie unbedingt eine Auffrischungsimpfung bzw. eine Grundimmunisierung vornehmen lassen, wenn die letzte Impfung länger als zehn Jahre zurückliegt.

Wer noch nicht gegen Kinderlähmung geimpft ist, für den gilt:

  • Der Impfstoff gegen Kinderlähmung enthält abgetötete Polioviren, die beim Impfling eine Immunität hervorrufen. Er kann gleichzeitig mit anderen Impfungen gegeben werden. Bei Kindern/Jugendlichen muss durch vier dokumentierte Gaben von Polio-Impfstoff eine vollständige Grundimmunisierung erfolgen. Nicht oder unzureichend geimpfte Erwachsene können die Impfung nachholen.
  • Der Impfarzt legt fest, wie viele Injektionen des Impfstoffes für einen Impfschutz erforderlich sind und in welchen Abständen diese Impfungen vorgenommen werden.
  • Für Säuglinge und Kleinkinder gibt es Kombinationsimpfstoffe, die neben den abgetöteten Polioviren weitere Substanzen enthalten, mit denen gleichzeitig gegen Erkrankungen wie Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten und Haemophilus influenzae Typ b [Hib] geimpft wird.