Tollwut - Die vergessene Krankheit

Tollwut ist ein weltweites Problem. Jährlich sterben mindestens 55.000 Menschen an dieser Viruserkrankung. Auch in Deutschland ist die Tollwut immer noch ein Thema.
Wer kennt sie nicht, die berühmte Szene aus dem UFA-Film "Baron Münchhausen", in der Hans Albers gegen seinen tollwütigen Rock zu kämpfen hat? Ein Hund hatte sich zuvor in dem Kleidungsstück verbissen, welches anschließend hemmungslos im Schrank herumtobt.
Tollwütige Hunde gibt es in Deutschland dank der Schutzimpfung kaum noch. Und auch bei den Füchsen, den Hauptüberträgern der Krankheit in unseren Breiten, ist die Seuche in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Aber in einigen Gegenden in Hessen und Rheinland-Pfalz ist die Fuchstollwut wieder auf dem Vormarsch.

Übertragung durch den Speichel

Übertragen wird das Tollwut-Virus über den Speichel infizierter Tiere. Dabei ist nicht einmal der berüchtigte Biss des tollwütigen Tieres nötig. Kleinste Verletzungen der Haut reichen dem Virus als Eintrittspforte in den Körper. Dort vermehrt sich der Erreger und greift schlussendlich das Nervensystem an. Ein Heilmittel gegen die Krankheit gibt es nicht. Zwar wird nicht jeder Infizierte krank. Aber jeder, der erkrankt, muss sterben. Auch von den drei Patienten, die über eine Organspende mit dem Virus infiziert wurden, sind zwei verstorben. Es wird angenommen, dass zwischen 20 und 50 Prozent der Menschen, die sich mit dem Virus anstecken, auch daran erkranken.
Das Tückische an der Tollwut ist die lange Zeitspanne von der Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit). Wochen und Monate können ins Land gehen. So können scheinbar noch gesunde Tiere bereits das Virus ausscheiden und andere Tiere und auch den Menschen anstecken. Doch genau in dieser langen Inkubationszeit liegt auch eine Chance: Wer fürchtet, mit dem Virus in Kontakt gekommen zu sein, kann sich noch impfen lassen, um den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Allerdings muss die Impfung kurz nach dem Biss erfolgen.

Wie verläuft die Krankheit?

Die Krankheit verläuft schleichend. Als erstes werden beim Tier Verhaltensänderungen sichtbar. Wildtiere zeigen zunächst keine Scheu mehr vor dem Menschen. Friedliche Haustiere können plötzlich anfangen aggressiv zu reagieren und zu beißen. Menschen klagen zuerst über Fieber, Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme. Die Bissstelle beginnt zu jucken. Mit Fortschreiten der Erkrankung kommen Angstgefühle, Tobsuchtsanfälle, Krämpfe und ständiger Speichelfluss hinzu.
Dieses Stadium wird die "rasende Wut" genannt. Grund für das Fließen des Speichels sind Krämpfe im Hals, die entstehen, wenn der Patient zu Schlucken versucht. Diese werden so stark, dass schon das Geräusch und der Anblick von Wasser zu Qualen führt; die so genannte Hydrophobie (griechisch: "Angst vor Wasser") entsteht. Weil die Betroffenen schließlich auch extrem lichtempfindlich werden, wird angenommen, dass die Tollwut auch zur Entstehung der Vampirlegende beigetragen hat. Denn Beißsucht, Angst vor (Weih-)Wasser und die Furcht vor Sonnenlicht sind ein Teil der Legende der Blut saugenden Untoten.
Im dritten und letzten Krankheitsstadium, der so genannten "stillen Wut" lassen die Krämpfe und Anfälle allmählich nach, Lähmungen setzen ein und der Patient stirbt.

Schluckimpfung für Fuchs und Waschbär

In Mitteleuropa wird seit Ende der 1980er Jahre stark gegen die Wildtollwut angegangen. Als erstes Land führte die Schweiz Schluckimpfungen bei Füchsen durch. In Deutschland wird seit 1993 die Fuchstollwut durch Schluckimpfungen bekämpft. Anfangs noch mit präparierten Hühnerköpfen, die per Hand ausgelegt wurden; heutzutage werden maschinell gefertigte Köder aus Fischmehl per GPS-Navigation gezielt mit Flugzeugen abgeworfen. Wie Dr. Thomas Müller vom Friedrich-Löffler-Institut berichtet, konnten die gemeldeten Tollwutfälle bei Wildtieren in Deutschland von ehemals 10.000 im Jahre 1983 auf ganze 43 in 2004 verringert werden. "Unser Ziel ist es, Deutschland im Jahr 2007 als tollwutfrei erklären zu können", sagt Dr. Müller. In den vergangenen Jahren konnten bereits Finnland, die Niederlande, Schweden, Frankreich, Belgien, Luxemburg und Tschechien diesen Status erreichen.
Die "Problemzone" in Deutschland ist zurzeit besonders Rheinland-Pfalz und eine Ecke in Hessen, genauer die Gegend rund um Frankfurt. In Hessen macht die hohe Siedlungsdichte und die kleinteilige Landschaft das Ausbringen der Tollwut-Köder schwierig. In Rheinland-Pfalz, das lange Zeit keine Probleme mehr mit der Tollwut hatte, sind im vergangenen Jahr wieder einige Fälle aufgetreten, weil offenbar infizierte Tiere den Rhein überschritten haben und in die lange Zeit ungeimpfte Fuchspopulation auf der linksrheinischen Seite eindringen konnten. In dieser Gegend wird darum wieder verstärkt mit Ködern gegen das Virus vorgegangen.
Die so genannten Tübinger Köder, die speziell für die Bekämpfung der Tollwut entwickelt wurden, sind braune runde Objekte, die stark nach Fisch riechen und in denen sich flüssiger Impfstoff befindet. Füchse und auch Waschbären, die sich in Deutschland stark vermehren, nehmen diese Köder offenbar gut an. Der Impfstoff besteht aus lebenden, aber unschädlich gemachten Tollwutviren. Denn nur lebende Viren überstehen die Magen-Darm-Passage und führen zu einer ausreichenden Aktivierung des Immunsystems.
Wer in Kontakt mit einem Tollwut-Köder kommt, sollte sich in jedem Fall an einen Arzt wenden. Zwar unterliegen die Impfstoffe extrem harten Auflagen durch die Europäische Union und die Weltgesundheitsorganisation WHO, aber dennoch ist es sicherer, sich nach dem Kontakt mit dem Lebendimpfstoff gegen Tollwut impfen zu lassen. Auch die WHO rät hierzu.

Tollwut weltweit ein Problem

In Osteuropa und auch Afrika und Asien ist die Tollwut noch allgegenwärtig. Auch in den USA wird regelmäßig über Tollwutfälle bei Waschbären und Fledermäusen berichtet. Touristen aus tollwutarmen Zonen haben aber scheinbar oft die Angst vor dem Virus verloren. Im vergangenen Sommer starb ein Tourist an Tollwut, weil er sich in Marokko am Strand einen Hund mitgenommen hatte. Das Tier war mit dem Tollwut-Virus infiziert und zeigt auch bald die typischen Verhaltensänderungen: Der ehemals friedliche Hund begann zu beißen. Auch die Freundin des Urlaubers bekam einen Biss des kranken Tieres ab. Sie jedoch erkrankte nicht, während ihr Freund ins Koma fiel und nach rund zwei Wochen in einem französischen Krankenhaus starb.

Vorsicht auf Reisen!

Weltweit gibt es zahlreiche so genannte "Hot Spots", in denen die Tollwut stark verbreitet ist. Urlauber, die nach Afrika oder Asien reisen, sollten sich darum davor hüten, scheinbar zahme Tiere wie Hunde und Katzen aufzulesen oder auch nur anzufüttern. Die Gefahr, von einem streunenden Tier infiziert zu werden, ist einfach zu groß. Bei Reisen nach Indien, Thailand, Äthiopien oder anderen Gegenden mit hoher Tollwut-Rate rät das Bernhard-Nocht-Institut sogar sich über eine vorsorgliche Impfung zu informieren.

Wer sollte sich impfen lassen?

Generell sollten sich alle Menschen, die viel mit (Wild-)Tieren zu tun haben, gegen Tollwut impfen lassen. Und auch Hunde und Katzen – und indirekt deren die Besitzer – können nur durch regelmäßige Impfungen geschützt werden. In Polen und auf dem Balkan beispielsweise kommen noch häufig Tollwutfälle vor und durch den offenen Grenzverkehr innerhalb Europa ist ein Einschleppen der Krankheit nach Deutschland jederzeit möglich. Im Ausland ist bei scheinbar zahmen Tieren immer größte Vorsicht geboten. Besonders Kindern auf Urlaubsreisen muss verständlich erklärt werden, dass sie kein Tier anfassen oder füttern dürfen, wenn es nicht sicher gegen Tollwut geimpft ist.
Susanne E. Kaiser