Sexualität im Alter

Viele, vor allem junge Menschen halten heutzutage Sexualität immer noch für etwas, das aufhört, wenn Frauen keine Kinder mehr bekommen können. Sie glauben, dass nur Jugendliche erotische Spannung richtig erleben können und ein hohes Bedürfnis nach sexueller Befriedigung haben, während dies alles ab dem mittleren Lebensalter immer mehr abnimmt, im Alter schließlich ganz aufhört. Junge Menschen gelten als gesund, während die normalen körperlichen Veränderungen des Alters oft mit Krankheit gleichgesetzt werden.

Doch es gilt - auch wenn nur wenige darüber reden: Sexualität im Alter ist keine ungewöhnliche, bestaunenswerte Sache, sondern etwas ganz Normales. Nach einer amerikanischen Untersuchung hatten in einer Gruppe mit einem durchschnittlichen Alter von 86 Jahren noch 64 % der Frauen und 82 % der Männer regelmäßig sexuelle Kontakte. Es wird nur relativ selten über dieses Thema gesprochen, da Sexualität im Alter nicht so spektakulär und aufregend wie in der Jugend ist. Nur anders.

Was bedeutet "Sexualität im Alter ist anders" ?

Für eine befriedigende Sexualität gibt es keine Altersgrenze. Doch verändert sich mit zunehmendem Alter die Art der sexuellen Kontakte. In der Regel nimmt die Häufigkeit sexueller Kontakte mit dem Alter ab. Es zeigt sich auch eine Verschiebung vom Geschlechtsverkehr hin zu vermehrt anderen zärtlichen sexuellen Kontakten. Denn Sexualität ist in allen Altersgruppen nicht nur auf den Geschlechtsverkehr beschränkt.

In der oben beschriebenen Gruppe von Menschen sehr hohen Lebensalters gaben jedoch immerhin noch 63 % der Männer und 30 % der Frauen an, regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben. Doch ist das für jeden Manschen natürlich verschieden. Es gilt allerdings eine einfache Faustregel: Für Menschen, denen Sexualität ihr ganzes Leben lang wichtig war, wird sie es auch im Alter bleiben. Wer sein ganzes Leben lang eher wenig Interesse an Sexualität hatte, wird dies auch im Alter nicht verändern.

Die Alterssexualität wird nicht einfacher. Abgesehen davon, dass natürlich Probleme, die in einer Partnerschaft über lange Jahre bestanden haben, weiterbestehen, muss man einige Faktoren, welche die Alterssexualität beeinträchtigen, beachten: Die normalen Veränderungen unseres Körpers, gesellschaftliche Probleme, die Auswirkungen unseres Lebensstiles, die Zunahme von Krankheiten und Auswirkungen der Behandlung von Krankheiten.

Veränderungen des Körpers beeinträchtigen die Sexualität

Je älter wir werden, um so spürbarer werden die Veränderungen des Alterns. Unsere Knochen und Gelenke werden anfälliger für Belastungen. Haut und Haare werden dünner und ändern die Farbe. Auch innere Organe funktionieren nicht mehr in der gleichen Weise. Einige dieser körperlichen Umstellungen betreffen auch die Sexualität.

Bei Frauen sinkt während und nach der Menopause (den sogenannten "Wechseljahren") der Östrogenspiegel im Blut. Östrogene sind die weiblichen Geschlechtshormone. Dies führt dazu, dass die Schleimhaut der Scheide weniger elastisch ist, dünner wird und auch nicht mehr so feucht wird. Deshalb kann es beim Geschlechtsverkehr oft zu Verletzungen, zur Bildung von kleinen Rissen in der Schleimhaut kommen, was zu Schmerzen führen kann.

Ebenso lässt auch bei Männern der Spiegel des Geschlechtshormons Testosteron nach. Außerdem verliert das Gewebe des Penis zunehmend an Elastizität. Diese Veränderungen führen dazu, das sich Erektionen weniger schnell und spontan entwickeln. Es wird mehr körperliche Stimulation zum Erreichen einer Erektion benötigt. Zudem ist der Penis bei Erektionen nicht mehr ganz so steif und auch der Erektionswinkel lässt nach. D.h. man(n) bekommt "ihn nicht mehr (ganz so) hoch" und oft muss man(n) oder auch frau ein wenig nachhelfen.

Außerdem führt der sinkende Testosteronspiegel dazu, dass das Lustgefühl, die Libido etwas nachlässt. All diese Veränderungen haben zunächst einmal nichts mit Krankheit zu tun - trotzdem kann es sinnvoll sein, ihnen z.T. mit medikamentöser Hilfe entgegenzuwirken.

Gesellschaftliche Probleme

Menschen, die sich im Alter offen zu ihrer Sexualität bekennen, werden in unserer Gesellschaft oft bestaunt und belächelt. Dabei gibt es eine ganze Reihe von berühmten Menschen, die uns zeigen, dass Sexualität im Alter wertvoll sein kann. Neben Künstlern wie etwa Zsa Zsa Gabor, Elizabeth Taylor, Pablo Picasso oder Charles Chaplin, gibt es viele prominente Männer wie z.B. Franz Beckenbauer, der in seiner zweiten Lebenshälfte noch zweifacher Vater wurde, ein gutes Beispiel dafür, wie man auch im reiferen Alter sexuell aktiv bleiben kann.

Viele Menschen können sich insbesondere schwer vorstellen, dass ihre Eltern und Großeltern sexuell aktiv sind. Ein Kabarettist hat dies einmal scherzhaft so ausgedrückt: "Meinem Vater hätte ich ja so etwas Schmutziges schon zugetraut, aber meiner Mutter? Nie !"

Doch gibt es auch neben diesen Akzeptanzproblemen sehr ernste Probleme: Frauen haben eine wesentlich höhere Lebenserwartung als Männer. Dies führt dazu, dass viele ältere Frauen keinen Partner haben, mit dem sie Sexualität genießen können. Während weit über die Hälfte der Männer, die über 80 Jahre alt werden, noch eine Partnerin haben, ist es bei den Frauen im gleichen Alter nicht einmal jede Zehnte, die noch einen Partner hat. Oft fehlt nach einem Verlust des Lebenspartners auch der Mut, sich noch einmal auf eine neue Partnerschaft einzulassen.

Welche Krankheiten beeinträchtigen die Sexualität ?

Leider wird im Alter der Körper anfälliger für Krankheiten. Viele dieser Krankheiten beeinträchtigen die Sexualität. So hat z.B. mehr als die Hälfte aller älteren männlichen Patienten mit Zuckerkrankheit (Diabetes) Erektionsprobleme wegen Durchblutungsstörungen oder gestörter Nervenleitfähigkeit. Ebenso kann es bei der Arteriosklerose, im Volksmund "Gefäßverkalkung" zu einer gestörten Durchblutung der Schwellkörper kommen.

Bei Frauen und Männern können Operationen im Beckenbereich negative Auswirkungen auf die Sexualität haben. Bei Frauen können Verletzungen von Nerven und Gefäßen im Rahmen von Gebärmutterentfernungen auftreten, bei Männern passiert dies oft bei Prostata- (Vorsteherdrüsen-) oder Darmoperationen. Probleme bei der sexuellen Empfindung und Erektionsstörungen können die Folge sein.

Ein weiteres Problem, das die Alterssexualität beeinträchtigt, ist die Harninkontinenz. Viele ältere Frauen wie Männer leiden an einem unkontrollierten Harnabgang. Oft fällt das Gespräch mit dem Partner und dem Arzt darüber schwer, obwohl es wirksame Hilfen gibt. Schließlich treten im Alter häufiger depressive Verstimmungen auf, in deren Rahmen es zu einer erheblichen Beeinträchtigung des sexuellen Interesses und der Erlebensfähigkeit kommen kann. Bessert sich die Depression, nimmt auch die Freude an der Sexualität wieder zu.

Lebensgewohnheiten und Medikamente

Oft ist es nötig, im Alter wegen ernsthafter oder chronischer Erkrankungen über längere Zeit oder dauerhaft Medikamente einzunehmen. Viele dieser Medikamente können das sexuelle Interesse, die Erregungs- und Erlebensfähigkeit beeinträchtigen. Das Umsetzen auf ein anderes Präparat kann hier oft Abhilfe verschaffen. Dies sollte jedoch nie eigenmächtig, sondern immer nur in enger Abstimmung mit einem Arzt geschehen.

Viele Folgen von Lebensgewohnheiten machen sich erst im Alter bemerkbar. Dies betrifft starkes Zigarettenrauchen genauso wie übermäßiger Alkoholkonsum oder zu fett- und cholesterinreiche Ernährung, die zu Übergewicht geführt hat. Vor allem bei Männern kann dies bereits vorhandene Erektionsstörungen verstärken.

Bei vielen Veränderungen des Alters ist es sinnvoll, sein sexuelles Verhalten den geänderten Voraussetzungen anzupassen. So kann es z.B. sinnvoll sein, neue, bequemere Stellungen für den Geschlechtsverkehr zu finden und auszuprobieren. Der Austausch von Zärtlichkeiten oder auch Selbstbefriedigung kann wichtiger werden als der eigentliche Geschlechtsverkehr. Oft finden reifere Menschen gerade das Fehlen von Leistungsdruck, dem jüngere Menschen sich aussetzen, als besondere Bereicherung der Alterssexualität.

In vielen Fällen, v.a. bei Beeinträchtigung durch Krankheiten und anderen Störungen wie z.B. bei der Harninkontinenz, gibt es jedoch erfolgreiche Therapiemöglichkeiten. Insbesondere bei Frauen hat sich eine hormonelle Ersatztherapie als sinnvoll herausgestellt. Auch gibt es inzwischen für Erektionsstörungen bei Männern sehr wirkungsvolle Behandlungsmöglichkeiten. Wichtig ist bei vielen sexuellen Symptomen auch die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. So kann z.B. auch eine Erektionsstörung ein Hinweis auf das Vorliegen einer bisher noch übersehenen behandlungsbedürftigen Erkrankung, z. B. einer koronaren Herzerkrankung, sein.

Gerade auch bei Depressionen kann eine medikamentöse Therapie die allgemeine Lebensqualität ganz entscheidend steigern und ist für eine Besserung der Beschwerden meist unverzichtbar. Wichtig ist jedoch, dass Sie das Gespräch mit Ihrem Arzt suchen, der Sie kompetent beraten kann. Ein Gespräch über Sexualität mag Ihnen zunächst schwer fallen, doch gibt es bei den meisten Sexualstörungen heutzutage wirksame Behandlungsmethoden.

Sexuelle Probleme mit dem Partner besprechen

Schon das Sprichwort weiß, dass "geteiltes Leid, halbes Leid" ist. Oft sorgt der Partner ganz unbewusst für eine Menge "Leistungsdruck" in einer sexuellen Beziehung. Und dieser Druck, auch oft durch Sprachlosigkeit erzeugt, kann dann wieder zu einer Verstärkung vorhandener sexueller Probleme führen. So kann allein das Ansprechen eines solchen Problems schon eine ganze Menge Anspannung wegnehmen, manchmal sogar die sexuelle Beziehung völlig normalisieren.

Da die Sexualität immer eine Sache ist, die zwei Menschen angeht, ist es oft hilfreich, wenn Ihr Partner Sie zum Arzt begleitet, falls Sie sich überlegen, eine Behandlung zu suchen. Es mag oft große Überwindung kosten, ein solches Problem anzusprechen - es nicht anzusprechen, Heimlichtuerei, ist jedoch fast in jedem Fall auf längere Sicht viel belastender für eine Beziehung. Fortgeschrittenes Alter ist kein Grund, eine Behandlung sexueller Störungen nicht durchzuführen. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung.

Während bestimmte Paare z.B. den Verlust der Erektionsfähigkeit des männlichen Partners als Teil des Älterwerdens akzeptieren und als selbstverständlich ansehen, sind andere unglücklich darüber, auf einen für sie so wichtigen Teil ihres Lebens verzichten zu müssen. Deshalb sollte das Alter allein kein Argument gegen eine Behandlung sein. Heutzutage werden auch 90-jährige mit dem gleichen Erfolg und den gleichen Methoden wie jüngere Patienten behandelt. Dies betrifft medizinische Behandlungen genauso wie psychotherapeutische.

Sexueller Leistungsdruck bei Männern mit jüngeren Partnerinnen

Viele Männer, die eine Partnerschaft mit einer deutlich jüngeren Frau haben, setzen sich - oft ungewollt - unter sexuellen Leistungsdruck. Sie meinen dann, im Bett die gleiche "Leistung" erbringen zu müssen wie ein wesentlich jüngerer Mann - und dies trotz aller körperlichen Veränderung. Dies kann dann zum Auftreten von Versagensängsten bis zu seelisch bedingten Erektionsstörungen führen.

Hier ist es wichtig, diese von den Männern selbst geschaffene Konkurrenzsituation zu vermeiden und entstandene Spannung abzubauen. Eine jüngere Frau, die sich für die Partnerschaft mit einem reiferen Mann entscheidet, wird ihre Gründe dafür gehabt haben und bestimmte Werte schätzen. Und dies gilt es auch für den Mann mehr zu beachten, als sich auf erlebte Defizite zu konzentrieren. Auch bei der Behandlung z.B. von Erektionsstörungen ist ein offenes Gespräch mit der Partnerin über Möglichkeiten der Behandlung, auch wenn es zunächst schwer fällt, viel hilfreicher als heimliche Anwendung von Erektionshilfen.

Manche ältere Menschen machen sich Sorgen, dass Sexualität im Alter zu anstrengend sei und dass es z.B. zu einer Überlastung des Herzens kommen könnte. Diese Sorge ist verhältnismäßig unbegründet: Geschlechtsverkehr entspricht in seiner Belastung in etwa zügigem Treppensteigen. Das bedeutet im Prinzip, dass derjenige, der noch Treppen steigen kann, auch keine Angst vor der körperlichen Belastung durch Geschlechtsverkehr haben muss. Im Gegenteil zeigte eine jüngst veröffentlichte Untersuchung, dass anscheinend gerade diejenigen Männer, die lange sexuell aktiv sind, eine höhere Lebenserwartung aufweisen.