Acetylsalicylsäure

Der Name ist zwar ein Zungenbrecher, doch der Wirkstoff hat Star-Qualität: Acetylsalicylsäure (ASS). Ob Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Fieber oder ein Kater nach durchzechter Nacht - fast jedem hat ASS schon einmal geholfen. Bereits um 1850 wurde dieser kleine Bruder der Salicylsäure von dem französischen Chemiker Charles Frederick Gerhardt zum ersten Mal hergestellt. Allerdings blieb es den deutschen Chemikern Felix Hoffmann und Heinrich Dreser vorbehalten, der schmerzstillenden Substanz zum entscheidenden Durchbruch zu verhelfen.

Die lindernde Wirkung der Substanz war zwar schon früh erkannt worden, doch ihre Nebenwirkungen waren verheerend. Durch Verunreinigungen führte die Einnahme zu Verätzungen von Mund und Magenschleimhäuten - ein Problem, das die jungen Bayer-Chemiker Hoffmann und Dreser beseitigten und die Substanz fortan in Pulverform präsentierten. Zwei Jahre später, 1899, wurde das Präparat Aspirin® der Firma Bayer geboren, das heute zum Synonym für Schmerzmittel allgemein geworden ist.

ASS: Ein Wirkstoff – viele Wirkungen

Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure, kurz ASS genannt, wird inzwischen vielfach eingesetzt. Über die schmerzstillende Wirkung hinaus haben Forscher festgestellt, dass der Wirkstoff zur Vorbeugung von Durchblutungsstörungen im Gefäßsystem des Herzens und des Gehirns eingesetzt werden kann. Die Acetylsalicylsäure vermindert das Auftreten von Thrombosen in den Gefäßen, wirkt also dem Zusammenklumpen von Blutplättchen entgegen. Daher wird das Präparat unter anderem vor langen Flugreisen eingesetzt, um die seit einiger Zeit berühmt-berüchtigte Reisethrombose zu verhindern.

1985 wurde ASS in den USA für die Notfallmedizin bei akutem Herzinfarkt zugelassen. 1988 sorgte eine amerikanischen Studie mit 22.000 Personen für Schlagzeilen: die tägliche Einnahme von Aspirin bei gesunden Menschen solle das Herzinfarktrisiko um 44% senken, hieß es in einer Studie der American Heart Association. Das war der Einstieg für Aspirin als "Vorbeuge-Medikament", dessen Einsatz allerdings individuell abgestimmt werden muss.

Ein weiteres Einsatzgebiet der ASS ist die Entzündungshemmung. Daher kann es bei Rheuma und Arthritis eingesetzt werden. Allerdings muss der Wirkstoff dafür wesentlich höher dosiert werden und kann entsprechend vermehrt zu Nebenwirkungen wie Blutungen im Magen-Darm-Trakt führen. Die Wirksamkeit gegen grauen Star schließlich beruht darauf, dass Acetylsalicylsäure diejenigen Protein-Moleküle zerstört, die den Augapfel trübe machen.

Dosierung von Acetylsalicylsäure

Die Höchstmenge pro Tag soll 4g nicht übersteigen. Eine Einzeldosis von 10g ist lebensbedrohlich, weil dann das Blut zu sauer wird. Es führt zur Beschleunigung der Atmung, Ankurbelung der Nierenaktivität, was einen gefährlichen Flüssigkeitsverlust zur Folge haben kann. Dann kommt es zur Gewebszerstörung und letzten Endes zum Tod.

Die handelsüblichen Dosierungen in Form von Tabletten enthalten 500 mg Wirkstoff, bei Brausetabletten ist die Dosierung mit 400 mg etwas geringer. Kautabletten, die erst seit neuerem auf dem Markt sind, werden ohne Wasser eingenommen und können daher bequem mitgenommen werden.

Daneben werden ASS-Präparate in der Kombination mit anderen Wirkstoffen angeboten, wie zum Beispiel mit Coffein, seit bekannt wurde, dass Coffein die Wirkung von ASS verstärkt. Auch als Kombinationspräparat mit Vitamin C hat der Wirksktoff eine positive Wirkung auf das Immunsystem des Körpers.

Risiken und Nebenwirkungen von ASS

Acetylsalicylsäure hat auch ihre Nachteile. Empfindliche Menschen reagieren darauf mit Reizungen, Sodbrennen und selten auch mit Blutungen von Magen- und Darmschleimhaut. Werden höhere Dosierungen von ASS eingenommen, erhöht sich das Risiko für stärkere Blutungen beträchtlich.

In seltenen Fällen kann es dann sogar zu einer Eisenmangelanämie kommen, weil das im roten Blutfarbstoff gebundene Eisen durch die Blutungen im Magen verloren geht. Dieser Aspekt ist vor allem deshalb wichtig, weil Acetylsalicylsäure als Wirkstoff nicht rezeptpflichtig ist, sodass Aspirin® und die entsprechende Präparate anderer Hersteller ohne weiteres frei verkäuflich sind. Eine Kontrolle über eine eventuelle Fehldosierung ist deshalb nur schwer möglich.

Wer ASS regelmäßig ohne Anweisung seines Arztes einnimmt, der sollte ein Einnahmetagebuch führen und dies mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen. Die längerfristige Einnahme von ASS kann außerdem zu Schwindel, Übelkeit, eingeschränktem Hörvermögen, Sehstörungen und Ohrensausen führen. Diese Nebenwirkungen verschwinden jedoch, wenn die Dosis reduziert oder das Medikament ganz abgesetzt wird.

Auch allergische Reaktionen in Form von Hautausschlägen oder Atemwegsverkrampfungen sind beoabachtet worden. Das sogenannte "Aspirin-Asthma" trift besonders vorbelastete Patienten, die auf den Wirkstoff mit asthma-ähnlichen Atemwegskrämpfen reagieren.

ASS: Für Kinder nicht geeignet

Kinder und Jugendliche mit Fieber und Schmerzen sollten Acetylsalicylsäure nicht einnehmen. Vor allem im Zusammenhang mit viralen Infekten kann es zum lebensbedrohlichen Reye-Syndrom kommen, bei dem Gehirn und Leber schwer geschädigt werden können. Die Erkrankung selbst ist nicht behandelbar, die Therapie beschränkt sich auf die Behandlung der Symptome: Die Leberfunktion wird gestützt und man versucht, den erhöhten Hirndruck durch Medikamente zu senken.

Die genauen Auslöser für diese schwere, nicht ansteckende Erkrankung sind noch nicht bekannt. Forscher vermuten unter anderem eine genetische Veranlagung. Für Kinder und Jugendliche gibt es aber eine Reihe gut verträglicher Mittel wie zum Beispiel Paracetamol, die bei Schmerzen und zur Fiebersenkung eingesetzt werden können.

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Neue Wege für Acetylsalicylsäure

Wie vielfältig der Wirkstoff einsetzbar ist, hat sich bereits in den letzen Jahren gezeigt. Nun hat die Europäische Kommission der Bayer HealthCare AG den "Orphan-Drug-Status" für die Acetylsalicylsäure zur Behandlung der Polycythemia vera erteilt. Bei dieser sehr seltenen Krankheit vermehren sich die Blutzellen unkontrolliert. Die Patienten leiden deshalb insbesondere unter Durchblutungsstörungen und Gefäßverschlüssen, bis hin zu frühzeitigem Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Die Fähigkeit der Acetylsalicylsäure, das Verklumpen der Blutplättchen zu hemmen, senkt das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls erheblich. Mit seiner Entscheidung bestätigt die Kommission nach Ansicht des Herstellers, dass durch die zusätzliche Behandlung mit dem Aspirin®-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) das Risiko der Patienten, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, erheblich gesenkt werden kann.

Der Orphan-Drug-Status kann bei Krankheiten erteilt werden, die so selten sind, dass umfangreiche klinische Studien, wie in der Medizin vorgeschrieben, oft nicht möglich sind. Um auch diesen - wie etwa bei der Polycythemia vera - häufig lebensbedrohlichen Erkrankungen größere medizinische Aufmerksamkeit zu schenken (Orphan = "Waisenkind"), sichert der Orphan-Drug-Status den Herstellern geeigneter Medikamente weit reichende Unterstützung und Zulassungserleichterungen zu.