Multiresistenz: Bakterien und Antibiotika

Anfang der 70er Jahre glaubte man, bald sämtliche Infektionen mittels Antibiotika im Griff zu haben. Stattdessen mehren sich in den letzten Jahren die Meldungen über "Killerkeime", die Menschen in Altenheimen oder Krankenhäusern bedrohen. Bakterien, gegen die unsere herkömmlichen Antibiotika nicht mehr wirken. Befinden wir uns wieder auf dem Weg zu Zeiten, wie die Menschen sie vor der Entdeckung des Penicillins kannten?

Entdeckung des Penicillins

Penicillin, das erste Antibiotikum, wurde 1928 von Fleming entdeckt. Wie es wirkt, fanden die Wissenschaftler allerdings erst in den 50er Jahren heraus. Seitdem sind Hunderte verschiedener Antibiotika gefunden und entwickelt wurden, die auf unterschiedliche Art Bakterien angreifen können. Sie verhindern – wie das Penicillin – den Aufbau der Zellwand oder zerstören die Zellmembran, sie bremsen die Eiweißproduktion, behindern den Bakterienstoffwechsel oder die Aktivität der Bakterien, sie greifen das Erbgut der Bakterien an oder erschweren ihnen, Abwehrstrategien zu entwickeln.

Eins haben alle Antibiotika gemeinsam: Sie helfen nicht gegen Viren. Das liegt daran, dass diese anders aufgebaut sind und anders wirken als Bakterien. Sie entern menschliche Zellen und können deshalb kaum zerstört werden, ohne auch dem Wirt zu schaden.

Multiresistente Keime – eine wachsende Gefahr?

Allen Fortschritten in der Forschung zum Trotz haben Bakterien Wege gefunden, sich zu schützen. Resistenz heißt ihre Waffe, also die Unempfindlichkeit gegen ein Antibiotikum. Durch Mutation schaffen sie es, zum Beispiel Enzyme der Medikamente so zu verändern, dass sich deren Wirksamkeit vermindert oder ihre Zellwand so anzupassen, dass das Antibiotikum nicht mehr eindringen kann.

Doch damit beginnen die Probleme erst: Bakterien vermehren und verändern sich nämlich mit rasender Geschwindigkeit. Dabei können sie die veränderte genetische Information und damit auch die Resistenz auf andere Bakterien übertragen.

So können neue Bakterienstämme innerhalb kurzer Zeit ihre Abwehr so perfektionieren, dass die Wirksamkeit des Antibiotikums komplett verpufft. Oder Bakterienarten tauschen verschiedene Gen-Informationen aus und werden damit gegen mehrere Antibiotika widerstandsfähig: Multiresistenz als Superwaffe.

Krankenhaus und Altenheim – Keimzellen für Erreger

Multiresistente Bakterien entstehen besonders häufig in Krankenhäusern, dort erworbene Infektionen ("nosokomiale Infektionen") sind deshalb besonders schwer zu behandeln. Die Gründe für die Resistenzentwicklung in der Klinik sind vielfältig, aber insbesondere zwei Punkte haben einen großen Anteil.

Zum einen sind in den letzten Jahren viele Fortschritte in der Therapie bestimmter Erkrankungen (zum Beispiel Organtransplantationen) gemacht worden, die allerdings mit Medikamenten erkauft werden, die das Immunsystem unterdrücken. Das senkt die Abwehrkräfte und die Krankheitskeime haben es leichter und mehr Zeit, sich zu vermehren.

Gerade auf Intensivstationen, wo diese Patienten häufig liegen, sind zudem Maßnahmen nötig, die das Risiko erhöhen, dass Keime in den Körper gelangen. Künstliche Beatmung, Magensonde, Herz- oder Blasenkatheter, Infusionen über einen Venenzugang: All das eröffnet auch bei strikter Hygiene den Bakterien unzählige Möglichkeiten, an Orte zu gelangen, wo sie Unheil anrichten können.

Besondere Ansteckungsgefahr in Krankenhäusern

Zum anderen ist ein Krankenhaus natürlich nicht keimfrei: Auf engem Raum finden sich viele Menschen, die häufig auch noch schwer zu behandelnde Krankheiten haben, ganz abgesehen von Personal und Besuchern.

Das bedeutet, dass die Übertragungs- und Ansteckungsgefahr hoch ist und viele verschiedene Erreger aufeinander treffen, die in Ruhe ihre Resistenzen austauschen können. Sie haften an Händen, Kitteln und Stethoskopen, klammern sich an Haare, Essenstabletts und Untersuchungsröhrchen, verbergen sich an Türgriffen und Röntgengeräten, verstecken sich in Wasser- und Filtersystemen.

Auch Alten- und Pflegeheime sind davon betroffen. Und wenn Patienten eine Infektion entwickeln, muss diese natürlich behandelt werden. Das kann wiederum zu einer Keimselektion und zu Resistenzentwicklung führen. Außerdem vernichten zum Beispiel Breitbandantibiotika die natürliche Darmflora, was bedeutet, dass sich dann krankheitserregende Keime noch besser ansiedeln und ausbreiten können. Ein Teufelskreis, dem nur sehr schwer beizukommen ist.