Orotsäure

Die Bezeichnung als Vitamin ist ihr entzogen, nützliche Funktionen hat sie vermutlich trotzdem: die früher als Vitamin B13 bezeichnete Orotsäure ist kaum bekannt und noch lange nicht erforscht. Orotsäure (Acidum oroticum) entsteht als Zwischenprodukt im menschlichen Stoffwechsel der Nukleinsäuren und zwar aus den Aminosäuren Asparagin und Glutamin bei der Herstellung von Uracil und Zytosin. Diese Basen werden unter anderem für die "Leiterspossen" der menschlichen DNA benötigt, sind aber auch für andere Funktionen wie die Signalübertragung und das Katalysieren biochemischer Reaktionen unabdingbar.

Milch ist reich an Orotsäure

Auch in Nahrungsmitteln findet sich diese Substanz: in Hefen und Milchprodukten wie Joghurt, Kefir, Quark und Buttermilch – Schafsmilch enthält übrigens mehr als 3-mal so viel Orotsäure wie Kuhmilch. Auch die Muttermilch ist besonders reich an Orotsäure.

Orotsäure verdankt ihren Namen ihren Entdeckern, den italienischen Forscher Biscaro und Belloni. Diese hatten sie Anfang des 20. Jahrhunderts das erste Mal isoliert und zwar aus Kuhmolke – und dessen griechische Bezeichnung ist "orós". Anfangs dachte man, die Orotsäure sei lebenswichtig, deshalb wurde sie den Vitaminen zugerechnet.

Orotsäure und Magnesium

Auch wenn man ihr diesen Status wieder aberkannte, werden der Substanz eine Reihe von positiven Wirkungen zugesprochen: Orotsäure soll die Leber schützen und das Fortschreiten von Leberkrankheiten aufhalten, sie soll der Krebsentstehung entgegenwirken und – vor allem im Zusammenspiel mit Magnesium, als dessen Transportmittel sie dient – Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen und den Fettstoffwechsel positiv beeinflussen. Es soll die Energiebereitstellung in den Zellen, vor allem des Herzmuskels ankurbeln und so dessen Leistungskraft erhöhen. Außerdem soll sie das Langzeitgedächtnis fördern.

Deshalb wird Orotsäure als sog. Biofaktor angepriesen, der Mangelzustände im Körper ausgleichen und – in höherer Dosierung – Wirkung wie ein Arzneimittel entfalten kann. Als Mittel zum Herz- und Gefäßschutz wird es besonders häufig als Kombinationspräparat mit Magnesium angeboten.

Wirkung von Orotsäure wissenschaftlich nicht gesichert

Allerdings ist kaum einer dieser angepriesenen Wirkungen bisher wissenschaftlich ausreichend bewiesen. Positive Effekt zeigten sich überwiegend in experimentellen Studien an Ratten, beim Menschen dagegen nur in wenigen klinischen Untersuchungen. Bei Ratten senkte sie zwar den Cholesterinspiegel, erhöhte aber gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für eine Fettleber. Eine aktuelle Studie mit knapp 80 Patienten mit schwerer Herzschwäche konnte zeigen, dass die Betroffenen tatsächlich von einer zusätzlichen Einnahme von Orotsäure profitieren könnten – sowohl was die Überlebensrate als auch das Ausmaß der Beschwerden betrifft.

Um die Substanz wirklich unterstützend und therapeutisch einzusetzen, müsste die klinische Forschung die Orotsäure noch mehr ins Visier nehmen. Ein gesichertes Einsatzgebiet gibt es allerdings bereits: Die Orotsäure fällt bei bestimmten Stoffwechseldefekten im Harnstoffzyklus vermehrt an – ist sie im Urin nachweisbar, lenkt das also den Verdacht auf eine entsprechende Störung im Aminosäurestoffwechsel.

Aktualisiert: 09.11.2011 – Autor: Dagmar Reiche

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?