Pubertät: Zwischen Freiraum und Konsequenz

Teenagerin in der Pubertät © istockphoto, toddtaulman

Pubertät ist eine Zeit, die die meisten Eltern mit Schrecken und die Heranwachsenden mit Unsicherheit erleben. Beide Seiten müssen in dieser Phase lernen, sich Konflikten zu stellen und die Balance zwischen Grenzen und Freiräumen zu halten. Eltern müssen dabei lernen gleichzeitig loszulassen und den Kindern weiterhin Halt zu geben.

Konflikte sind notwendig

Doch anders als es die meisten empfinden ist Pubertät mehr als nur eine einzige Krise. Als Phase der Entwicklung und Ablösung, mit wachsendem Kritikbewusstsein gegenüber Umwelt und Erwachsenen, entstehen häufige – und vor allem notwendige – Konflikte. Die Beziehung Eltern – Kind wird neu definiert, mit ungewissem Ausgang zwar, aber keinesfalls aussichtslos. Nur: Patentrezepte gibt es nicht, denn so einzigartig wie die Menschen als Kinder sind, so einzigartig ist auch ihre Entwicklung zum Erwachsenen.

Schutz in der Höhle

Annika ist 13 Jahre alt. Trifft man sie gelegentlich auf der Straße schaut sie grimmig drein. Ihr Gesicht ist voller Pickel, die Haare hat sie pechschwarz gefärbt, und sie hockt nach Aussage ihrer Mutter ausschließlich in ihrem düsteren Zimmer - ein ganz typisches Verhalten Pubertierender.

Einer der bekanntesten deutschen Erziehungsexperten, Jan-Uwe Rogge, zieht gern zur Erklärung der Pubertät den Hummer als Beispiel heran: Er ist das einzige Tier, das eine Pubertät durchlebt. Bei ihm wächst zunächst das Fleisch und dann erst der Panzer. Um zu überleben zieht sich der Hummer in tiefe dunkle Höhlen am Boden des Meeres zurück. Hier in der Tiefe wachsen Fleisch und Panzer. Und dieses Beispiel hat eine Menge mit Annika und anderen Heranwachsenden zu tun.

"Ein Pubertierender wird zwischen 10 und 13 dünnhäutig, verletzlich, verliert den Panzer und, um zu überleben, verschwindet ihr Hummer in seine Höhle. Diese Höhle nennt man Kinderzimmer. Ein Kinderzimmer kommt einer Höhle gleich. Sie ist sorgfältig gegen Sauerstoffeinflüsse von außen abgedichtet. In der Höhle herrscht die so genannte Streuordnung vor." Pubertät kommt vom lateinischen "pubertas" und bedeutet "Mannbarkeit". Darunter versteht man die körperliche sowie geistig-seelische Entwicklungsphase des Menschen zwischen dem Kindesalter und dem Erwachsensein.

Bei Mädchen ist das in unseren Breiten zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr, bei Jungen zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr. Diese Phase des Lebens beginnt, wenn die Gehirnanhangdrüse ein Signal an den Körper sendet, bestimmte Hormone zu produzieren. Während der Pubertät kommt es zur Geschlechtsreife.

Streiten: Kommunikation ist schwierig, aber wichtig

Daniel, fast 14, hasst es, wenn die Eltern stundenlang über ein Thema diskutieren. "Das Gelaber nervt, aber wenn das nicht wäre, und ich wäre euch egal und dürfte alles, das wäre auch nicht o.k.". Er beschreibt so die Beziehung zu seinen Eltern, Hans und Ellen (beide 46). Die erleben zum ersten Mal, wie ihr Sohn erwachsen wird. Sie schwanken zwischen Wut und Verständnis, Großzügigkeit und Strenge, aber sie streiten – bzw. diskutieren - mit Daniel, zeigen sich hin und wieder kompromissbereit. Und jeden Tag versuchen sie es erneut, mit wechselndem Erfolg, denn nur selten sieht Daniel die Regeln ein.

"Versuchen Sie bloß nicht, es Ihrem Pubertierenden recht zu machen. Das ist unmöglich.", meint Jan-Uwe Rogge. Denn um unabhängig und selbständig zu werden, müssen sich die Jugendlichen von den Eltern als wichtigste Bezugspersonen lösen. Das führt zum Beispiel zu demonstrierter Gleichgültigkeit, zur Herabsetzung der Eltern als unnütz oder unfähig. Aufsässigkeit und Rebellion gegen die bisherigen Normen kommen vor und gelten nach Einschätzung von Psychologen als gesund und normal.

Laut Studien kommt bei Mädchen ein fünfzehnminütiger Streit mit der Mutter alle 1,5 Tage vor, bei Jungen alle vier Tage sechs Minuten. Streit, das sollte vor allem gestressten Eltern klar sein, ist zur Ablösung erforderlich. Psychologen vertreten sogar die Meinung, dass eher konfliktarme Entwicklungen Anlass zur Sorge geben als konfliktreiche. Aufgabe der Eltern ist es, Gesprächsbereitschaft aufrecht zu erhalten und so Halt anzubieten. Experten übrigens raten bei der Gesprächsführung zu kurzen und präzisen Gesprächen ohne "Wortkaskaden" (Rogge), in der klare Absichten formuliert werden sollten.

Gratwanderung zwischen Grenzen setzen und Bevormundung

Sich mit Erwachsenen streiten zu können ist außerdem eine der vielen, für die Entwicklung notwendigen Gelegenheiten, Grenzen auszuloten. Erziehungswissenschaftler sind sich einig, dass Grenzen, zusammen mit Regeln und Abkommen, in dieser Phase ein absolutes Muss sind – sei es nun Mithilfe im Haushalt, festgelegte Zeiten des Nachhausekommens oder Aufräumen. Übertriebene Toleranz und lasche Regeln bieten außerdem keine Grundlage für Reibung oder Streit, mit der Konsequenz, dass sich der Pubertierende andere Provokationen sucht, auf der Liste der Horrorszenarien vieler Eltern stehen dann Schulversagen, Alkohol, Drogen oder Rauchen.

Es klingt zwar etwas altmodisch, doch Regeln und damit Grenzen, sofern sie realistisch und für alle Parteien überschaubar vereinbart worden sind, bieten Orientierung und Halt. Das Gegenteil von Regeln jedoch sind Bevormundung, Strafen und Verbote, auf die die Jugendlichen mit Trotz und sogar Aggression reagieren – und Eltern erreichen nichts.

Der "Zaubersack" – Umgang mit Regelverstößen

Leichter gesagt als getan, sagen die Eltern – zu Recht. Denn Regelverstöße sind bei Pubertierenden an der Tagesordnung. Sie zu ignorieren ist riskant, denn dann werden Eltern unglaubwürdig, Grenzen verlieren Gültigkeit, Grenzüberschreitungen nehmen zu. Konsequenzen bei Regelverstößen müssen den Heranwachsenden in jedem Fall bekannt sein, wie im Beispiel des "Zaubersacks".

In seinem Buch "Pubertät – Loslassen und Haltgeben" beschreibt Jan-Uwe Rogge, wie eine Mutter mit dem Schuh-Chaos ihrer pubertierenden Söhne umgeht: wenn die Schuhe nach zweimaliger Aufforderung nicht weggeräumt werden, verschwinden sie in einem "Zaubersack", einem einfachen Sack, gut versteckt, für eine Woche. Das geht so lange, bis die Söhne keine Schuhe mehr haben und auf Strümpfen zur Schule gehen müssen. Wohlgemerkt, die Mutter war so konsequent, dies durchzustehen und erntete am Ende Einsicht in diesem einen Punkt.

Aktualisiert: 07.06.2017 - Autor: bo

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?