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Polyneuropathie

Arzt testet Polyneuropathie am Fuß © iStock.com/Jan-Otto

Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems unterschiedlichster Ursache, die mit Muskelschwäche und Gefühlsstörungen einhergeht. Das Nervensystem des Menschen mit dem Gehirn als oberste Instanz dient der Steuerung und Kontrolle aller Körper- und Organfunktionen. Die Polyneuropathie kann daher schwerwiegende Folgen haben. Wissenswertes über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung einer Polyneuropathie erfahren Sie hier.

Das periphere Nervensystem

Grundsätzlich wird zwischen dem zentralen Nervensystem und dem peripheren Nervensystem unterschieden. Dabei umfasst das zentrale Nervensystem (ZNS) alle Nervenstrukturen oberhalb der Rückenmarksebene einschließlich Gehirn und das periphere Nervensystem (PNS) alle peripheren Nervenfasern, also alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark.

Wie feine Aufästelungen eines Baumes entspringen die Nervenfasern des peripheren Nervensystems aus dem Rückenmark und stellen den Kontakt zu den "ausführenden Organen" wie Muskulatur, Haut oder inneren Organen her. Der Informationsaustausch erfolgt durch vom Hirn weggeleitete Steuerimpulse sowie dem Hirn zugeleitete Informationen, zum Beispiel von den Sinnesorganen oder der Haut.

Allein das – scheinbar passive – aufrechte Stehen eines Menschen erfordert vom Gehirn eine ungeheure Koordinationsleistung, um eingehende Informationen von Sinnesorganen wie Gleichgewichtsorgan, Augen oder Berührungssensoren in der Haut mit der Steuerung wichtiger Muskelgruppen, vor allem der Beine abzustimmen. Diese überwiegend im Unterbewusstsein ablaufenden Vorgänge gestalten sich bei komplexen Bewegungsabläufen natürlich noch viel komplizierter.

Die beim gesunden Menschen vorhandene Fähigkeit zu fühlen, setzt die Existenz zahlreicher, unterschiedlich spezialisierter Sensoren in der Haut für Tastsinn, Wärme- und Kältemessung oder Schmerzsinn und die Weiterleitung der entsprechenden Informationen über das Nervensystem voraus. Die eben beschriebenen Sinnesqualitäten werden im Nerven ebenso wie Impulse vom Gehirn an die Muskulatur von spezifischen Fasern geleitet.

Was ist eine Polyneuropathie?

Eine Neuropathie ist der Sammelbegriff für unterschiedlichste Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die zu verschiedenen Symptomen, wie beispielsweise Wahrnehmungsstörungen oder Schmerzlosigkeit führen können. Sind sehr viele Nerven betroffen, spricht man von einer Polyneuropathie.

Ursachen einer Polyneuropathie

Polyneuropathie kann unterschiedlichste Ursache haben und tritt daher auch in verschiedensten Formen auf. Folgende Erkrankungen oder Faktoren kommen als Auslöser einer Polyneuropathie in Betracht:

Die Polyneuropathien sind damit häufig Ausdruck oder Reaktion des peripheren Nervensystems auf eine Erkrankung oder Schädigung, die den Organismus als Ganzes betrifft. Die unterschiedlichen Formen der Polyneuropathie stellen wir Ihnen hier vor.

Symptome einer Polyneuropathie

Anhand der vorwiegend betroffenen Nervenqualität, des Befallsmusters sowie des Verlaufs werden ganz unterschiedliche Ausprägungen der Polyneuropathie unterschieden. Je nachdem, welche Funktionen der Nerven in besonderem Maße betroffen sind, spricht man von sensiblen, motorischen oder autonomen Polyneuropathien:

  • Sensible Nerven sind beispielsweise für die Empfindung von Berührungen, Vibration oder Temperatur verantwortlich. Sensiblen Polyneuropathien gehen deshalb mit Gefühlsstörungen oder Missempfindungen der Haut einher, beispielsweise Taubheitsgefühlen, Stechen, Juckreiz, Kribbeln, gestörtem Temperaturempfinden oder fehlendem Schmerzempfinden bei Verbrennungen oder Verletzungen der Haut. Bei Diabetikern betrifft dies häufig die Füße und Beine.
  • Motorische Nerven sind dafür zuständig, Befehle vom Gehirn zu den Skelettmuskeln zu leiten, damit sich beispielsweise ein Muskel zusammenzieht. Motorische Polyneuropathien können daher Muskellähmungen, Muskelschwund und Muskelkrämpfe zur Folge haben.
  • Autonome Nerven (auch vegetative Nerven) betreffen die Funktion der inneren Organe, beispielsweise Herz, Magen, Darm oder Lunge. Sie steuern damit keine bewussten Vorgänge, sondern die unbewusst ablaufenden. Eine autonome Polyneuropathie kann daher zu sehr unterschiedlichen Symptomen führen, von Inkontinenz oder Durchfall, über erektile Dysfunktion oder eine verminderte Schweißproduktion bis zu lebensbedrohlichen Symptomen wie einem Atemstillstand oder Herzrhythmusstörungen.

Darüber hinaus gibt es auch gemischte Formen der Polyneuropathie (zum Beispiel sensomotorische Polyneuropathie), bei der eine Kombination verschiedener Anzeichen auftreten kann.

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose einer Polyneuropathie ergibt sich aus:

  • dem Beschwerdebild der Patienten
  • dem neurologischen Untersuchungsbefund
  • Blutuntersuchungen
  • speziellen Untersuchungsverfahren der Muskulatur und der peripheren Nerven, die eine Differenzierung der einzelnen Polyneuropathieformen erlauben

Ein wichtiges Unterscheidungskriterium, welches auch eine bessere ursächliche Klärung der Erkrankung ermöglicht, ist die Frage, ob die Nervenschädigung vorwiegend den inneren Leitungsstrang des Nerven oder eher die äußere Umhüllung, auch Myelinscheide genannt, betrifft. Letztere wirkt als "elektrische Isolation" und ist für die Leitungsgeschwindigkeit des Nerven von erheblicher Bedeutung.

Durch Prüfung der elektrischen Muskelaktivität (Elektromyographie, EMG) und Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeiten (Elektroneurographie, ENG) können dabei Schädigungen der "Nervenisolation" von Schädigungen der Nervenfasern selbst abgegrenzt werden, was sowohl für die Diagnose als auch die Behandlung von Bedeutung sein kann.

Darüber hinaus können weitere Untersuchungsverfahren, wie beispielsweise eine Ultraschalluntersuchung (zum Beispiel der Harnblase), ein EKG (zur Überprüfung der Herzfunktion) oder eine Biopsie der Haut oder Nerven zum Einsatz kommen.

Behandlung von Polyneuropathie

Die Behandlungsmöglichkeiten der einzelnen Formen der Polyneuropathie richten sich nach der zugrundeliegenden Ursache.

Bei immunbedingten Polyneuropathien wie dem Guillain-Barré-Syndrom, der Panarteriitis nodosa oder der rheumatischen Arthritis kommen in erster Linie immununterdrückende Therapieformen in Betracht. Konkret werden dabei zum Beispiel Kortison, Azathioprin oder andere Substanzen eingesetzt. Weitere Alternativverfahren beim Guillain-Barré-Syndrom sind die Gabe von sogenannten Immunglobulinen oder die Plasmapherese, bei der schädigende Immunfaktoren aus dem Körper ausgewaschen werden.

Für die Therapie der diabetischen Polyneuropathie ist eine effektive Kontrolle der diabetischen Stoffwechsellage durch Gewichtsreduktion, Medikamente oder Insulin entscheidend. Die Gefühlsstörungen, Schmerzen und Muskelkrämpfe an den Beinen reagieren zudem in Einzelfällen auf Präparate wie Carbamazepin oder Thioctazid.

Bei Vergiftungen steht die spontane oder medikamentöse Entfernung des jeweiligen Giftstoffes aus dem Körper an erster Stelle. Bei Alkoholismus sind strikte Alkoholabstinenz sowie die Gabe von Vitamin-B1-Präparaten erforderlich.

Weitere Therapieformen

Polyneuropathien, die im Rahmen anderer Grunderkrankungen wie Nierenschädigungen oder Tumore auftreten, werden durch die Therapie der Grunderkrankung mitbehandelt.

Mitunter kommt zur Behandlung einer Polyneuropathie auch eine Schmerztherapie mit Schmerzmitteln, krampflösenden Mitteln, Antidepressiva oder der sogenannten Transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS), besser bekannt als Reizstromtherapie, zum Einsatz.

Auch Formen der physikalischen Therapie, zum Beispiel Krankengymnastik oder Wechselbäder können dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Ursachen zu behandeln.

Ist eine Polyneuropathie heilbar?

Meist ist bei einer Polyneuropathie die Prognose besser, je früher die Diagnose gestellt wird, da die Symptome ohne entsprechende Behandlung in der Regel mit der Zeit schlimmer werden. Durch eine frühzeitige Therapie lässt sich der Krankheitsverlauf meist positiv beeinflussen, vor allem wenn die Ursachen behoben werden können.

Bleibt die Erkrankung jedoch über längere Zeit unbemerkt, können schwere, unumkehrbare Nervenschäden auftreten. Eine Heilung ist daher nicht immer möglich.

Polyneuropathie: Vorbeugung

Möglichkeiten der Vorbeugung einer Polyneuropathie bestehen zwar bei Vergiftungen und teilweise auch bei Diabetes (durch eine optimale Blutzuckereinstellung), nicht aber bei immunbedingten Polyneuropathien.

Dennoch ist auch das schnelle Erkennen einer solchen Nervenerkrankung oder zugrundeliegender Grunderkrankungen entscheidend, um durch eine frühzeitige Behandlung schweren Schäden vorbeugen zu können.

Quellen und weitere Informationen

Aktualisiert: 29.04.2020 – Autor: überarbeitet: Silke Hamann

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