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Autismus erkennen und behandeln

Autistischer Junge zählt Regentropfen © istockphoto, KatarzynaBialasiewicz

Der Begriff Autismus leitet sich von dem griechischen Wort "autos" ab, und das bedeutet "selbst". Denn Menschen mit Autismus bauen keinen oder nur sehr schwer Kontakt zu anderen Menschen auf und leben scheinbar in sich selbst zurückgezogen, in ihrer eigenen psychischen Welt. Aber nicht, weil sie es nicht wünschen, sondern weil ihnen aus einem bis heute unbekannten Grund weitgehend die Fähigkeit fehlt, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten, diese zu verstehen und die eigenen Gefühle zu äußern. In Deutschland schätzt man, dass etwa 35.000 Menschen mit Autismus leben, Jungen werden drei- bis viermal so oft mit dieser Störung geboren.

Definition von Autismus

Autismus bezeichnet an sich nicht eine einzelne, bestimmte Störung. Der Begriff Autismus umfasst eine ganze Reihe von Entwicklungsstörungen, die verschiedene Bereiche in ganz unterschiedlichem Ausmaß betreffen. Das Spektrum reicht von einer einfachen Verhaltensauffälligkeit und einer überdurchschnittlichen Intelligenz bis hin zu einer schwerwiegenden Behinderung.

Und obwohl die Mehrzahl der Menschen mit Autismus intellektuell mehr oder weniger stark eingeschränkt sind, verfügen sie oft über erstaunliche Fähigkeiten in einzelnen Teilbereichen. So haben manche eine unglaubliche Merkfähigkeit und können in kürzester Zeit ganze Telefonbücher oder Straßenkarten auswendig lernen, oder sie sind verblüffend schnell bei bestimmten Rechenaufgaben. Autistische Wesenszüge können sich auch als Folge oder im Zusammenhang mit anderen Krankheiten oder bei geistigen Behinderungen finden.

Es existiert also ein breites Spektrum an autistischen Störungsbildern. Die Abgrenzung ist jedoch nicht immer einfach und daher zeitweise auch unter Fachleuten recht umstritten.

Syndrome und Formen von Autismus

Es gibt mittlerweile etwa 30 Syndrome, die gehäuft mit Autismus oder zumindest einer mehr oder weniger ausgeprägten autistischen Symptomatik einhergehen. Spricht man jedoch landläufig von Autismus, ist in der Regel das schwere, klassische Erscheinungsbild des Autismus gemeint, nämlich der so genannte frühkindliche Autismus, oder auch Kanner-Syndrom genannt. Daneben findet eine schwächer ausgeprägte Form des Autismus noch sehr oft Erwähnung, nämlich das Asperger-Syndrom.

Autismus: Ursachen und Diagnose

Lange Zeit gab man den Eltern die Schuld, wenn bei einem Kind die Diagnose "frühkindlicher Autismus“ gestellt wurde. Erziehungsfehler und "Kühlschrankmütter“, also Mütter völlig ohne Wärme und Fürsorge für ihr Kind, das sollten die Ursachen sein. Schwere, belastende Vorwürfe für Eltern, die selbst rat- und hilflos vor dem eigenen Kind standen. Mittlerweile ist diese Annahme jedoch wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Man weiß heute, dass Autismus nicht die Folge eines einzelnen äußeren Einflusses ist, sondern vielfältige Ursachen hat.

Einer genetischen Veranlagung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu, wobei nach Meinung der Wissenschaftler nicht ein einzelnes Gen zugrunde liegt, sondern mehrere Gene an der Entstehung des Autismus beteiligt sind. Daneben werden verschiedene andere Störungen angenommen. So gibt es etwa Hinweise auf Hirnfunktionsstörungen, die möglicherweise die Wahrnehmung und Informationsverarbeitung behindern.

Kanner-Syndrom (Frühkindlicher Autismus)

Der frühkindliche Autismus macht sich immer vor dem dritten Lebensjahr bemerkbar. Erste Auffälligkeiten zeigen sich schon bald nach der Geburt. Die Säuglinge trinken oft schlecht und haben Schlafprobleme. Dann fällt meist auf, dass sie keinen Blickkontakt aufnehmen und beispielsweise auf Lächeln nicht reagieren. Auch fehlt in der Regel ein eigenes Minenspiel, das die Gefühle des Kindes ausdrückt oder begleitet. Das typische Verhalten, Silben nachzuplappern, kann ebenfalls fehlen.

Die Entwicklung der Sprache bleibt oft völlig aus, und wenn ein Kind anfängt zu sprechen, ist die Sprachmelodie normalerweise völlig ungewohnt. Es scheint keinerlei Interesse an den Menschen in der Umgebung zu bestehen, das Kind scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Es wird auch kein Verhalten nachgeahmt, etwa beim Abschied zurückzuwinken. Oft wehren sich die Kinder gegen Körperkontakt, auch gegen Umarmungen, indem sie schreien oder weinen. Im Laufe der Entwicklung kommen immer mehr Auffälligkeiten hinzu. So fallen die Kinder vielfach dadurch auf, dass sie nicht mit Gleichaltrigen spielen und auch keinen Kontakt zu ihnen suchen. Die meisten entwickeln so genannte Stereotypien, das sind immer wiederkehrende Bewegungsabläufe, etwa das Kreiseln eines kleinen Rädchens oder das Vor- und Zurückwippen mit dem Körper.

Manche Kinder neigen dazu, sich selbst zu verletzen, etwa indem sie sich beißen oder schlagen. Besondere Interessen fehlen normalerweise völlig. Und fast immer reagieren sie völlig panisch auf Veränderungen, etwa wenn plötzlich Möbel im Zimmer umgestellt werden oder ein anderer Weg beim Einkaufen genommen wird.

Asperger als Form von Autismus

Das Asperger-Syndrom ist sehr viel milder als der frühkindliche Autismus ausgeprägt. Die Kinder lernen meist sehr gut sprechen und verfügen auch sonst meist über eine durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Intelligenz. Dadurch fällt die Diagnosestellung sehr viel schwerer und die Erkrankung wird deshalb oft erst im Vorschulalter erkannt.

Erste Symptome fallen jedoch auch hier schon vor dem dritten Lebensjahr auf: Die Kinder sind in ihren Bewegungen meist sehr ungeschickt und das Hauptmerkmal ist eine schwere Kontaktstörung, Freundschaften zu anderen Kindern bestehen fast nie. Weiterhin fallen sie durch ihr mangelndes Einfühlungsvermögen auf, das sie überall anecken lässt und sozial weitgehend isoliert.

Frühe Diagnose möglich

Die Diagnose des frühkindlichen Autismus kann heute mit Hilfe von speziellen Checklisten schon sehr früh gestellt werden. Und das ist auch gut so, denn je früher die Diagnose gestellt wird, desto früher können die Weichen für eine bessere Entwicklung des Kindes gestellt werden. Man weiß etwa, dass die größten Erfolge in der Sprachentwicklung erreicht werden, wenn schon vor dem zweiten Lebensjahr mit einer Förderung begonnen wird.

Beginnt man hingegen erst, wenn das Kind schon vier oder fünf Jahre alt ist, wird man lediglich noch korrigieren, aber nichts mehr grundlegend an der Sprachentwicklung ändern können. Wichtig ist jedoch, an die Möglichkeit einer autistischen Störung überhaupt erst einmal zu denken. Deshalb sollten Eltern, denen das Verhalten ihres Kindes auffällig erscheint, dies mit dem Kinderarzt besprechen. Denn niemand kennt in der ersten Zeit ein Kind besser als die eigenen Eltern, auch nicht der Kinderarzt, der ein Kind in der Regel nur hin und wieder für kurze Zeit sieht.

Problematisch ist dabei, dass es natürlich auch so genannte Spätentwickler gibt, die sich einfach langsamer entwickeln als andere Kinder. Im Zweifelsfall sollte deshalb ein Spezialist aufgesucht werden, das wäre in diesem konkreten Fall ein Kinder- und Jugendpsychiater.

Autismus behandeln

Autismus ist nach dem heutigen Wissensstand nicht heilbar, weder mit Medikamenten noch mit anderen Verfahren. Die Behandlung eines Menschen mit Autismus besteht heutzutage in der bestmöglichen Förderung, um ihm zu einem möglichst eigenständigen Leben zu verhelfen. Dabei wird der Behandlungsplan individuell verschieden sein und sich nach den Ressourcen und Fähigkeiten des jeweiligen Kindes richten.

Bewährt haben sich beispielsweise verhaltenstherapeutische Verfahren, mit dem Ziel, den Betroffenen soziale und kommunikative Regeln zu vermitteln und ihr Interesse und ihre Fähigkeiten an der Interaktion mit ihrer Umwelt zu wecken. Weiterhin ist eine individuell angemessene schulische Förderung notwendig, um im späteren Leben die Möglichkeit einer beruflichen Beschäftigung zu schaffen.

Eine medikamentöse Behandlung kann zeitweise notwendig sein, zielt aber dann auf Begleitsymptome ab wie beispielsweise eine depressive Verstimmung, Zwangshandlungen mit Selbstverletzung oder extreme Unruhe. Letztendlich werden der einzelne Patient und seine Besonderheiten die Art der Behandlung bestimmen und damit auch das Ziel, das erreicht werden kann.

Ausblick

Im Idealfall ist es möglich, dass die Betroffenen später relativ selbständig leben und eine Vielzahl von Aktivitäten ausführen können. In der Realität sieht es jedoch so aus, dass nur etwa ein bis zwei Prozent der Betroffenen im Erwachsenalter ein fast unauffälliges Leben führen. Dessen sollten sich betroffene Eltern stets bewusst sein. Nicht, um zu resignieren, sondern um sich selbst und sein Kind nicht mit zu hochgesteckten Erwartungen irgendwann zu überfordern.

Aktualisiert: 12.05.2016 – Autor: Dr. Ute Hillmann

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