Die Mandeln – besser als ihr Ruf

Untersuchung der Mandeln © iStock.com/AlexRaths

Sie gehört schon seit rund 100 Jahren zu den häufigsten geplanten operativen Eingriffen – die Entfernung der Gaumenmandeln (auch: Tonsillektomie). In den Sechzigerjahren wurde sie geradezu routinemäßig zur Vorbeugung von Folgeerkrankungen eingesetzt. Heute schätzt man die Funktion der Mandeln im körpereigenen Abwehrsystem höher ein und weiß, dass man gesunde Mandeln nicht entfernen sollte. Welche Aufgaben die Mandeln haben, welche Erkrankungen der Mandeln es gibt und wann die Mandeln tatsächlich entfernt werden sollten, lesen Sie hier.

Abwehrfunktion der Mandeln

Die Mandeln haben heute ein "gutes Image". Sie gelten vor allem bei Kindern als "Wächter" vor Viren- und Bakterienattacken.

Die Gaumenmandel gehört zum sogenannten lymphatischen Rachenring, der von lymphatischen Gewebeansammlungen in verschiedenen Regionen des Rachens gebildet wird. Dieser Ring ist Teil des Immunsystems und hat eine wichtige Abwehrfunktion gegen eindringende Keime.

So fungieren gesunde Mandeln als biologische Filterorgane und können in den Blut- und Lymphbahnen eingedrungene Keime abfangen. Untersuchungen zeigen, dass eine zu frühe Mandelentfernung die Leistungsfähigkeit des kindlichen Immunsystems auf Jahre beeinträchtigen kann.

Mandelentfernung: Wann ist die Operation nötig?

Wegen dieser wichtigen Funktion wird die Operation zur Entfernung der Mandeln heute nur noch bei genau festgelegten Krankheitszuständen eingesetzt, nämlich bei:

  • immer wiederkehrenden akuten Mandelentzündungen (mehr als dreimal pro Jahr)
  • Mandelentzündungen, die trotz der Gabe von Antibiotika nicht ausheilen oder wenn sich ein Abszess (Eiteransammlung) bildet
  • bestehenden chronischen Mandelentzündungen
  • vergrößerten Gaumenmandeln, die die Atmung beeinträchtigen

Bei Kindern werden die Gaumenmandeln in der Regel erst ab dem sechsten Lebensjahr entfernt. Wichtig: Bei chronisch entzündeten Mandeln oder einer Entzündung mit Abszessbildung müssen auch im Kleinkindalter die Mandeln entfernt werden.

Eine Gaumenmandelentfernung aufgrund ständiger Entzündungen oder einer chronischen Erkrankung führt fast unmittelbar zu einer Verbesserung oder Ausheilung des bestehenden Krankheitsbildes. Vor allem im Kindesalter nimmt die bis dahin bestehende Infektanfälligkeit deutlich ab. Die Erfahrung zeigt auch, dass Kinder, die durch ständige Infektionen in ihrer körperlichen Entwicklung beeinträchtigt waren, nach der Operation sehr schnell Fortschritte machen.

Wie sehen die Krankheitsbilder aus?

Zu einer akuten Entzündung der Gaumenmandeln (Angina tonsillaris) kommt es durch das Eindringen von Viren oder Bakterien in den Rachenbereich. Vor allem Kinder zwischen fünf und elf Jahren sind von der sogenannten "Angina" betroffen. Es kommt zu heftigen Schluckbeschwerden und hohem Fieber; das Allgemeinbefinden ist stark eingeschränkt.

Handelt es sich um eine Virusinfektion, klingen Entzündung und Schmerzen beim Schlucken meist ohne spezielle Therapie nach ein bis drei Tagen ab. Bei einer bakteriellen Infektion sind meist Bakterien aus der Gruppe der Streptokokken verantwortlich. Die Mandeln sind entzündlich geschwollen ("dick"), hochrot und haben weiße bis gelbliche Beläge, die streifenartig, punktförmig oder schmierig ausgebildet sind. Ein typisches Begleitsymptom ist unangenehmer Mundgeruch.

Richtig gefährlich kann die Infektion mit Bakterien werden, wenn sich auf den entzündeten Mandeln ein Abszess bildet, also eine Eiteransammlung. Der Eiter muss möglichst bald operativ entfernt werden. In der gleichen Sitzung werden meist auch die Mandeln entnommen. Begleitend erhalten die Patienten Antibiotika.

Chronische Mandelentzündung

Eine chronische Mandelentzündung entsteht, wenn sich auf den Einsenkungen der Mandeloberfläche dauerhaft Bakterien und abgestorbene Zellteile ablagern, die die Entzündung aufrechterhalten. Es kommt zu einer Zerklüftung der Oberfläche und zur Vernarbung des Gewebes. Viele Betroffenen merken gar nichts von der Infektion, weil sie keine Beschwerden haben. Bei manchen treten leichte Schluckbeschwerden oder ein unangenehmer Geschmack und Mundgeruch auf. Auf Druck quillt Eiter aus den kleinen Grübchen an der Mandeloberfläche.

Antibiotika erreichen das Mandelgewebe jetzt nicht mehr. Die Bakterienansiedlung kann noch dazu als Streuherd wirken: Bakterien und Botenstoffe gelangen von dort ins Blut, können zu anderen Organen getragen werden und Infektionen verursachen. Wird eine chronische Mandelentzündung verschleppt, sind Nieren- und Herzklappen bedroht und es kann zu rheumatischem Fieber kommen.

Mandel-OP: Welche Komplikationen treten auf?

Die Operation ist ein kurzer Eingriff, der meist in Vollnarkose durchgeführt wird. Der Arzt trennt dabei die beiden Gaumenmandeln am sogenannten Mandelpol ab. Der Eingriff wird stationär durchgeführt, weil die Gefahr von Nachblutungen besteht. Am häufigsten treten diese am Tag der Operation und am ersten Tag danach auf. Aber auch am fünften und sechsten Tag, wenn sich die weißlichen Wundbeläge von den Mandelbetten lösen, besteht ein Risiko.

Da diese Blutungen massiv und lebensbedrohlich sein können, erfordern sie ein sofortiges ärztliches Eingreifen. Deshalb bleiben die Patienten in der Regel sechs bis sieben Tage zur Beobachtung im Krankenhaus. In einem kleinen Prozentsatz der Fälle kommt es nach der Operation häufiger zu Seitenstrang-Anginen, also zu Entzündungen an der Seitenwand des Rachens.

Wichtig: Eine Schwächung der körperlichen Immunabwehr ist bei Erwachsenen nicht zu befürchten, da auch nach der Operation noch genügend lymphatisches Gewebe im Rachenraum verbleibt.

Gibt es Alternativen zur Operation?

Bei einer Gaumenmandelvergrößerung sowie bei chronischen Gaumenmandelentzündungen gibt es keine Alternative zur Operation. Bei einem Abszess kann anstatt der Entfernung eine Schnitteröffnung gemacht werden, um den Eiter abfließen zu lassen. Aber auch dann sollten im Abstand von einigen Wochen die Mandeln entfernt werden.

Aktualisiert: 12.10.2020 - Autor: Ina Mersch

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