Aphasie - ohne Sprache

Mann mit Aphasie © Lukas Bieri

A-phasie bedeutet "ohne Sprache" – der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff beschreibt bereits das Krankheitsbild. Eine Aphasie ist gekennzeichnet durch die Beeinträchtigung der Sprache, die als Folge einer erworbenen Hirnschädigung auftritt. Betroffen sind im Prinzip alle Bereiche der Sprache: das Verständnis, das Sprechen, das Lesen und das Schreiben. Die häufigste Ursache einer Aphasie bei Erwachsenen ist ein Schlaganfall als Folge eines Hirninfarkts oder einer Hirnblutung.

Was ist Aphasie?

Eine Aphasie ist definitionsgemäß der Verlust bereits erworbener Sprachfähigkeiten – bei kleinen Kindern mit entsprechenden Störungen spricht man deshalb nicht von Aphasie, sondern von einer Sprachentwicklungsstörung. Bei älteren Kindern tritt die Aphasie überwiegend als Folge eines Unfalls mit einer Gehirnverletzung (Schädel-Hirn-Trauma) auf.

Sprachzentrum im Gehirn

Für das Verständnis gehörter und gesehener Sprache sowie die Sprachbildung müssen – neben den anatomischen Strukturen wie der Zunge und dem Kehlkopf − mehrere Regionen im Gehirn (meist der linken Hirnhälfte) zusammenarbeiten:

  • Im Stirnlappen der Großhirnrinde sitzt das motorische Sprachzentrum (Broca-Sprachzentrum). Dieses koordiniert die Sprechmuskeln.
  • Im Scheitellappen ist das sensorische Sprachzentrum (Wernicke-Sprachzentrum) beheimatet. Dieses ist unabdingbar, um sich an gehörte Wörter und Wortklänge zu erinnern.
  • Im Hinterhauptslappen findet sich das optische Sprachzentrum. Dieses ist unter anderem dafür zuständig, gelesene Sprache zu erfassen und zu verstehen.

Aphasie-Arten und deren Symptome

Je nachdem welche Hirnareale betroffen sind, werden vier verschiedene Arten der Aphasie unterschieden, die sich unterschiedlich äußern:

Amnestische Aphasie: Der Betroffene versteht sehr gut, sein Lesen und Schreiben ist nicht oder kaum beeinträchtigt. Wenn er selbst spricht, muss er häufig nach passenden Wörtern suchen oder fehlende Wörter umschreiben. Das verzögert seinen Sprachfluss. Außenstehende schließen deshalb nicht selten fälschlicherweise von dem verlangsamten Sprechen auf langsames Denken. Eine leichte Ausprägung dieser Form der Aphasie heißt Dysphasie.

Broca-Aphasie: Der Betroffene versteht meist gut, kann aber selbst nur mühsam sprechen − oft in kurzen, abhackten Sätzen mit vielen Sprechpausen („Telegrammstil“).

Wernicke-Aphasie: In diesem Fall ist das Sprachverständnis teilweise beeinträchtigt. So versteht der Aphasiker beispielsweise nur einzelne Worte, nicht aber den Zusammenhang. Der Betroffene spricht flüssig und schnell, verwechselt dabei allerdings Buchstaben oder ganze Worte und vollzieht oft Gedankensprünge. Nicht selten ergeben die Äußerungen kaum einen Sinn (Worttaubheit).

Globale Aphasie: Bei dieser Aphasie-Form sind mehrere für die Sprache zuständige Bereiche betroffen, sie ist damit die Störung mit den größten Beeinträchtigungen. Die Verständigung fällt dem Betroffenen schwer, das Sprachverständnis ist stark gestört. Wenn überhaupt werden nur einfachste Sätze verstanden. Gesprochen werden meist nur Wortteile, die oft in Wiederholungen aneinandergereiht werden.

Die Beeinträchtigung der Sprache führt leider oft dazu, dass Menschen mit einer Aphasie von ihrer Umgebung als geistig beeinträchtigt wahrgenommen werden. Dies trifft jedoch nicht zu. Es ist wichtig zu wissen, dass ihr logisches Denken sowie ihr Auffassungs- und Beurteilungsvermögen genauso funktionieren wie bei Gesunden.

Aphasie: Weitere Störungen

Da die Aphasie meist Folge eines Schlaganfalls ist, sind häufig weitere Beeinträchtigungen vorhanden. Auch diese hängen von der betroffenen Hirnregion und der Größe des geschädigten Hirnareals ab. Häufige Symptome sind Lähmungen einer Körperhälfte, die von leichten Beeinträchtigungen der Feinmotorik (etwa Kartoffelschälen) bis hin zu ausgeprägten Gangstörungen führen können. Auch Schluckstörungen (Dysphagie) kommen oft vor.

Die Aphasie wird häufig von einer Dysarthrie (auch: Dysarthrophonie) begleitet, bei der nicht das Sprachverständnis, sondern das Sprechen selbst, also die Sprechbewegung gestört ist. Dabei ist die Sprechmuskulatur - etwa von Mund und Zunge - zwar intakt, wird aber durch die verantwortlichen Hirnzentren nicht mehr korrekt und synchron gesteuert. Dies führt dazu, dass die Laute nicht mehr richtig gebildet werden können - die Sprache hört sich verwaschen, unverständlich oder langsam an. Viele Betroffene klagen darüber, oft für betrunken gehalten zu werden.

Agnosie und Apraxie als zusätzliche Probleme

Nicht selten ist eine Agnosie, das Unvermögen, eine Sinneswahrnehmung zu erkennen, obwohl die Sinnesorgane, etwa Augen, Ohren und Tastsinn, funktionieren. Bei der akustischen Agnosie (Seelentaubheit) werden Töne und Geräusche nicht erkannt, bei der optischen Agnosie (Seelenblindheit) kann das Gesehene nicht als entsprechendes Objekt identifiziert werden.

Bei der Apraxie werden willkürliche Gesten und Bewegungen nicht mehr korrekt ausgeführt, obwohl keine Lähmung vorliegt und auch die Sinneswahrnehmung unbeeinträchtigt ist. So können Handlungsabläufe nicht imitiert werden, etwa einen Satz nachzusagen oder eine Grimasse nachzuahmen.

Daneben können beispielsweise auch Gleichgewichtsprobleme, Empfindungsstörungen sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auftreten.

Aphasie: Diagnose und Therapie

Zur Diagnostik gehört eine ausführliche neurologische Untersuchung, um alle Störungen und ihre Ursache genau zu erfassen. Dies ist wichtig für die Therapie und für den Krankheitsverlauf. Je nach Ort und Größe der Schädigung kann sich die Aphasie ganz oder teilweise zurückbilden, doch es kann auch passieren, dass starke Beeinträchtigungen zurückbleiben. Deshalb ist es wichtig, die Aphasie überhaupt sowie ihr Ausmaß und ihre Form zu erkennen und sie von anderen Störungen wie der Dysarthrie abzugrenzen. Im deutschsprachigen Raum wird dafür der Aachener Aphasie-Test (AAT) eingesetzt.

Im Zentrum der Behandlung der Aphasie steht die Sprachtherapie (Logopädie). Damit wird die Spontanerholung der Sprachfähigkeiten in der Anfangsphase unterstützt, später dient sie dazu, vorhandene Möglichkeiten zur Kommunikation zu trainieren und optimal zu nutzen.

Eine gute Anlaufstelle für Informationen und Selbsthilfegruppen ist beispielsweise der Bundesverband Aphasie (www.aphasiker.de), der sogar eine eigene Website für Aphasie bei Kindern unterhält.

Aktualisiert: 30.06.2016 - Autor: Dagmar Reiche

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