Aphasie – Arten und Therapie der Sprachstörung

Logopädin übt mit Frau mit Aphasie
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Aphasie bedeutet "ohne Sprache" – der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff deutet bereits darauf hin, dass es sich bei der Erkrankung um eine Sprachstörung handelt. Betroffen können alle Bereiche der Sprache sein: das Verständnis, das Sprechen, das Lesen und das Schreiben. Die Störung tritt als Folge einer erworbenen Hirnschädigung auf. Die häufigste Ursache bei Erwachsenen ist ein Schlaganfall infolge eines Hirninfarkts oder einer Hirnblutung. Welche Formen der Aphasie gibt es? Wie erkennt man eine Aphasie und ist sie heilbar? Informationen zu Arten, Symptomen und Therapie finden Sie im Folgenden.

Definition: Was ist Aphasie?

Eine Aphasie ist eine Sprachstörung infolge einer Hirnschädigung. Je nachdem, welche Bereiche der Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt sind, haben Betroffene Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen der Bedeutung, Schreiben oder Lesen. Diese Beschwerden können sich zum Beispiel als Wortfindungsstörungen, Probleme beim Satzbau oder völliger Sprachverlust zeigen.

Eine Aphasie ist laut medizinischer Definition der Verlust bereits erworbener Sprachfähigkeiten – bei kleinen Kindern mit entsprechenden Störungen spricht man deshalb nicht von Aphasie, sondern von einer Sprachentwicklungsstörung. 

Abzugrenzen ist die Aphasie von der Dysarthrie. Bei dieser Sprechstörung liegt eine Schädigung der Nerven und Muskeln zugrunde, die für das Sprechen erforderlich sind. Betroffene haben daher motorische Schwierigkeiten bei der Artikulation beziehungsweise Lautbildung. Aphasie und Dysarthrie können jedoch auch in Kombination auftreten.

Ursachen der Aphasie

Eine Aphasie entsteht oft plötzlich durch eine Hirnschädigung. Kinder sind vergleichsweise selten betroffen. Bei älteren Kindern und Jugendlichen tritt die Krankheit überwiegend als Folge eines Unfalls mit einer Gehirnverletzung (Schädel-Hirn-Trauma) auf.

Auch bei Erwachsenen kann ein Unfall die Sprachstörung auslösen. Häufig ist auch ein Schlaganfall die Ursache, in dessen Folge Gehirnzellen absterben. Weitere mögliche Auslöser sind beispielsweise ein Hirntumor, eine Meningitis oder eine Hirnatrophie, also ein langsam fortschreitender Verlust der Hirnsubstanz, zum Beispiel bei einer Demenz. Dabei kann sich eine Aphasie auch langsam entwickeln. Auch im Rahmen der primär progredienten Aphasie (PPA) entwickelt sich die Sprachstörung schleichend und kontinuierlich.

Wie funktioniert das Sprachzentrum im Gehirn?

Für das Verständnis gehörter und gesehener Sprache sowie die Sprachbildung müssen – neben den anatomischen Strukturen wie der Zunge, der Mundmuskulatur und dem Kehlkopf − mehrere Regionen im Gehirn (meist der linken Hirnhälfte) zusammenarbeiten:

  • Im Stirnlappen der Großhirnrinde sitzt das motorische Sprachzentrum (Broca-Sprachzentrum). Dieses koordiniert die Sprechmuskeln.
  • Im Scheitellappen ist das sensorische Sprachzentrum (Wernicke-Sprachzentrum) beheimatet. Dieses ist unabdingbar, um sich an gehörte Wörter und Wortklänge zu erinnern.
  • Im Hinterhauptslappen findet sich das optische Sprachzentrum. Dieses ist unter anderem dafür zuständig, gelesene Sprache zu erfassen und zu verstehen.

Aphasie: Arten und Symptome

Je nachdem, welche Hirnareale betroffen sind, werden vier verschiedene Arten der Aphasie unterschieden, die sich durch unterschiedliche Symptome äußern:

  1. Amnestische Aphasie
  2. Broca-Aphasie
  3. Wernicke-Aphasie
  4. Globale Aphasie

Im Folgenden stellen wir Ihnen die Einteilung der verschiedenen Arten und deren Anzeichen näher vor.

Amnestische Aphasie – Wortfindungsstörungen

Betroffene verstehen das Gehörte sehr gut, das Lesen und Schreiben ist nicht oder kaum beeinträchtigt. Wenn sie selbst sprechen, müssen sie jedoch häufig nach passenden Wörtern suchen oder fehlende Wörter umschreiben. Diese Wortfindungsstörung verzögert den Sprachfluss. Außenstehende schließen deshalb nicht selten fälschlicherweise von dem verlangsamten Sprechen auf langsames Denken. Eine leichte Ausprägung dieser Form der Aphasie heißt Dysphasie.

Broca-Aphasie – abgehackte Sprachbildung

Betroffene der Broca-Aphasie (früher auch motorische Aphasie) verstehen meist gut, können aber selbst nur mühsam sprechen und keine grammatikalisch korrekten Sätze bilden. Sie sprechen oft in kurzen, abhackten Sätzen mit vielen Sprechpausen und reihen dabei oft nur die wichtigsten Wörter aneinander ("Telegrammstil").

Wernicke-Aphasie – beeinträchtigtes Sprachverständnis

Bei der Wernicke-Aphasie (veraltet: sensorische Aphasie) ist das Sprachverständnis teilweise beeinträchtigt. So versteht der*die Aphasiker*in beispielsweise nur einzelne Worte, nicht aber den Zusammenhang. Betroffene sprechen flüssig und schnell, verwechseln dabei allerdings Buchstaben oder ganze Worte und vollziehen oft Gedankensprünge oder bilden lange, verschachtelte Sätze. Nicht selten ergeben die Äußerungen kaum einen Sinn ("Worttaubheit").

Globale Aphasie – umfassende Sprachstörung

Bei dieser Aphasie-Form sind mehrere für die Sprache zuständige Bereiche des Gehirns betroffen, sie ist damit die Störung mit den größten Beeinträchtigungen. Die Verständigung fällt Patient*innen schwer, das Sprachverständnis ist stark gestört. Wenn überhaupt, werden nur einfachste Sätze verstanden. Gesprochen werden meist nur Wortteile, die oft in Wiederholungen aneinandergereiht werden. Auch das Lesen und das Schreiben sind stark beeinträchtigt.

Aphasie: weitere Störungen

Da die Aphasie meist Folge eines Schlaganfalls ist, sind häufig weitere Beeinträchtigungen vorhanden. Auch diese hängen von der betroffenen Hirnregion und der Größe des geschädigten Hirnareals ab:

  • Häufige Symptome sind Lähmungen einer Körperhälfte (Hemiparese), die von leichten Beeinträchtigungen der Feinmotorik (etwa Problemen beim Kartoffelschälen) bis hin zu ausgeprägten Gangstörungen führen können.
  • Auch Schluckstörungen (Dysphagie) kommen oft vor.
  • Die Aphasie wird häufig von einer Dysarthrie (auch: Dysarthrophonie) begleitet, bei der nicht das Sprachverständnis, sondern das Sprechen selbst, also die Sprechbewegung gestört ist. Dies führt dazu, dass die Laute nicht mehr richtig gebildet werden können – die Sprache hört sich verwaschen, unverständlich oder langsam an. Viele Betroffene klagen darüber, oft für betrunken gehalten zu werden.
  • Eine Agnosie ist das Unvermögen, eine Sinneswahrnehmung zu erkennen, obwohl die Sinnesorgane, etwa Augen, Ohren und Tastsinn, funktionieren. Bei der akustischen Agnosie ("Seelentaubheit") werden Töne und Geräusche nicht erkannt, bei der optischen Agnosie ("Seelenblindheit") kann das Gesehene nicht als entsprechendes Objekt identifiziert werden.
  • Bei der Apraxie werden willkürliche Gesten und Bewegungen nicht mehr korrekt ausgeführt, obwohl keine Lähmung vorliegt und auch die Sinneswahrnehmung unbeeinträchtigt ist. So können Handlungsabläufe nicht imitiert werden, etwa einen Satz nachzusagen oder eine Grimasse nachzuahmen.

Daneben können beispielsweise auch Gleichgewichtsprobleme, Empfindungsstörungen sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auftreten.

Diagnose der Aphasie

Zur Diagnostik gehört eine ausführliche neurologische Untersuchung, um alle Störungen und ihre Ursachen genau zu erfassen. Dabei werden die verschiedenen sprachlichen Fähigkeiten genau untersucht.

Je nach Ort und Größe der Schädigung kann sich die Aphasie ganz oder teilweise zurückbilden (oft innerhalb der ersten Wochen), doch es kann auch passieren, dass starke Beeinträchtigungen zurückbleiben. Deshalb ist es wichtig, Schweregrad und Form zu erkennen und die Erkrankung von anderen Störungen wie der Dysarthrie abzugrenzen.

Im deutschsprachigen Raum wird dafür der Aachener Aphasie-Test (AAT) eingesetzt. Dabei werden in einem standardisierten Gespräch die Fähigkeiten in Bezug auf Lesen, Schreiben, Nachsprechen, Verstehen und Benennen getestet. Der Test ist auch geeignet, um Fortschritte bei der Therapie zu überprüfen.

Bestandteil dieses Tests ist der sogenannte Token-Test, bei dem Betroffene mündlich aufgefordert werden, aus einer Menge von 20 Plättchen verschiedener Form, Farbe und Größe bestimmte Plättchen herauszusuchen oder gewisse Aktionen damit auszuführen.

Therapie der Aphasie

Im Zentrum der Behandlung der Aphasie steht die Sprachtherapie (Logopädie). Mit entsprechenden Übungen wird die Erholung der Sprachfähigkeiten in der Anfangsphase unterstützt. Später dient diese Therapie dazu, vorhandene Möglichkeiten zur Kommunikation zu trainieren und optimal zu nutzen. Auch die Ergotherapie ist eine der Säulen der Behandlung, um Betroffene für alltägliche Aufgaben zu befähigen. Daneben können im Rahmen der Rehabilitation beispielsweise auch Physiotherapie oder neuropsychologische Behandlungen zum Einsatz kommen.

Betroffene leiden oft auch psychisch unter der reduzierten Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Zusätzlich führt die Beeinträchtigung der Sprache leider oft dazu, dass Menschen mit einer Aphasie von ihrer Umgebung als geistig beeinträchtigt wahrgenommen werden, obwohl ihr logisches Denken sowie ihr Auffassungs- und Beurteilungsvermögen genauso funktionieren wie bei Gesunden.

Um mit den psychischen Belastungen durch die Aphasie besser umzugehen, können daher eine Psychotherapie oder eine Selbsthilfegruppe hilfreich sein. Darüber hinaus sollten auch Angehörige in die Behandlung einbezogen werden, um Tipps für das gemeinsame Miteinander zu erhalten.

ICD-Codes für diese Krankheit:
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für Diagnosen, die Sie z.B. auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen finden.
F80.1, F80.2-, F80.3, G31.0, R47.-

Aktualisiert: 07.04.2022
Autor*in: Dagmar Reiche; überarbeitet: Silke Hamann

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