Fumarsäure-Therapie bei Psoriasis

Fumarsäure-Therapie bei Psoriasis
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Wirkstoffe aus einer unscheinbaren, rot blühenden Pflanze sind die derzeit am besten erprobten Waffen gegen schwere und mittelschwere Formen der Schuppenflechte. Die so genannten Fumarsäureester aus dem "Gemeinen Erdrauch" (Fumaris officinalis) stellte Prof. Dr. Wolfram Sterry, Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und Chef der Hautklinik an der Berliner Charité, als wirksame und sichere Therapie auch bei schweren Fällen der Psoriasis vor. So wurde vor wenigen Tagen bei einer Fortbildungsveranstaltung für Dermatologen an der Universtäts-Hautklinik Tübingen ein Medikament, das früher der Außenseiter-Medizin zugeordnet wurde, zu einem Standard-Arzneimittel der Schulmedizin.

Psoriasis Therapie: Fumarsäure bringt Durchbruch

Prof. Sterry konnte aus dem klinischen Alltag an der Charité berichten, dass die Fumaderm-Therapie bei fast 90 Prozent aller mit diesem Wirkstoff behandelten Patienten wirksam ist. Und wegen ihres geringen Nebenwirkungsspektrums sei sie auch besonders geeignet für die in der Regel erforderliche Langzeitbehandlung bei Psoriatikern.

Die Schuppenflechte oder Psoriasis ist eine sehr häufige entzündliche Hauterkrankung, ähnlich häufig wie Diabetes mellitus. Sie beruht auf einem Ungleichgewicht bestimmter Zellen des Abwehrsystems (TH1 und TH2-Zellen). Die Fumarsäureester aus dem Erdrauch haben eine hemmende Wirkung auf die TH1-Zellen, die bei Psoriatikern in einem Übermaß gebildet werden. Auf diesem Mechanismus beruht auch die überzeugende Wirkung der Fumarsäure-Therapie.

Der Erdrauch und seine Wirkung auf das Immunsystem führten bis dahin ein Mauerblümchendasein, obwohl sein heilsamer Effekt auf Hautleiden durchaus bekannt war. Nicht von ungefähr heißt der Strauch, aus dem Fumarsäureester gewonnen wird, im Volksmund auch "Grindkraut". Früher wurden Tee-Umschläge aus der Pflanze auf den betreffenden Hautstellen von Psoriatikern gemacht. Übrigens ist der Erdrauch auch schon im Altertum bei dem römischen Dichter Plinius und bei dem griechischen Arzt Dioskurides als Heilkraut erwähnt.

Schuppenflechte: Behandlung gegen Leidensdruck

Die Immuntherapie mit Fumarsäureester scheint einen Durchbruch bei der Behandlung von Psorasispatienten möglich zu machen. Denn nach einer aktuellen europäischen Untersuchung sind viele Patienten mit ihrer Therapie unzufrieden - nicht zuletzt wegen des Leidensdrucks, über den in Tübingen auch die Oberärztin der dortigen Uni-Hautklinik, Dr. Monika Brück, berichtete: "Die Lebensqualität von Patienten mit Psoriasis ist wesentlich stärker eingeschränkt als bisher angenommen. Ernst zu nehmende Studien berichten, dass die Lebensqualität von Psoriasispatienten sogar stärker eingeschränkt ist als bei Herzinfarkt- und Krebspatienten."

Die soziale Ächtung durch die Gesellschaft wegen der als unschön empfundenen Hauterscheinungen ist aber nur einer der Faktoren. Auch der physische Leidensdruck ist erheblich: "Psoriasis-Patienten nehmen doppelt so viel Schmerzmittel und Schlaftabletten wie Gesunde zu sich", schrieb der Präsident der europäischen Psoriatiker- Organisation EUROPSO, der Finne Seppo Heikki Salonen, in einer Publikation.

Weil ihnen mit herkömmlichen Therapien nicht ausreichend geholfen werden kann, haben 62 Prozent der Patienten wegen ihrer Krankheit innerhalb von zwei Jahren zwei oder mehrere Ärzte konsultiert. Weniger als die Hälfte aller Betroffenen wenden bisher ihre verschreibungspflichtigen Arzneimittel an - wegen fehlender Wirksamkeit oder aus Angst vor Nebenwirkungen.

Schuppenflechte: Therapie mit Fumarsäureester

Der Durchbruch der Immuntherapie bei Psoriasis in den vergangenen Jahren mit Hilfe der Fumarsäureester kann das Patientenverhalten verändern. Diese Medikamente sind überhaupt erst 1994 vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Behandlung schwerer Formen der Psoriasis zugelassen worden. Wegen der Einflussnahme auf das Immunsystem wird auch erforscht, ob nicht auch andere, auf Störungen der Abwehr beruhende Krankheiten mit Fumarsäureester gebessert werden können. Gedacht ist zum Beispiel an Multiple Sklerose.

Mittlerweile werden auch andere Möglichkeiten der Immuntherapie erforscht. Zum Beispiel berichtete in Tübingen der neue Direktor der dortigen Universitätshautklinik, Prof. Dr. Martin Röcken, über den Einsatz von Interleukin 4 bei Schuppenflechte. Interleukine sind Botenstoffe des Immunsystems, die Reaktionen des Abwehrsystems steuern. Mit Hilfe von Interleukin 4 kann laut Prof. Röcken der bei Psoriasis aus der Kontrolle geratene Abwehrmechanismus ausbalanciert werden. Aber bis diese derzeit noch im experimentellen Stadium befindliche Behandlung breiten Patientenschichten zugänglich sein kann, wird der Fumarsäureester aus dem Erdrauch die führende Rolle unter den wirksamen Medikamenten beanspruchen.

Fumarsäureester: Nebenwirkungen und Wirkung

Nach wie vor werden nur schwere Formen von Psoriasis oder jene, die auf andere Behandlungsmethoden nicht reagieren, mit systemischen (das heißt innerlichen) Therapien behandelt. Topische (also äußerliche) Behandlungsmethoden haben ebenso wie die Photo- oder die Klimatherapie den Vorteil, dass sie auf die lokal-betroffene Hautpartie einwirken und somit eine geringere Belastung für den gesamten Körper darstellen.

Kritiker verweisen auf neueste Studien, die darauf hindeuten, dass eine frühzeitige, anti-entzündliche, innere Therapiemethode eventuell die Gefahr von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck (und damit als Spätfolge auch Schlaganfall und Herzinfarkt), Fettstoffwechselstörungen und Diabetes vermindern könnten. Die immunmodulierende Wirkung von Fumarsäureester bewirkt eine Hemmung der unkontrollierten Zellvermehrung – die Schuppenbildung wird vermindert und Entzündungen gebremst.

Die Schuppenflechte-Therapie mit Fumarsäureester kann in seltenen Fällen auch zu Nebenwirkungen führen, die allerdings meist nur zu Beginn der Therapie vorkommen. Dazu gehören Veränderungen der Blutwerte, Magen-Darm-Probleme, Hitzewallungen und Gesichtsrötungen. Eine sorgfältige ärztliche Überwachung ist bei der Fumarsäuretherapie deshalb unerlässlich.

ICD-Codes für diese Krankheit:
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für Diagnosen, die Sie z.B. auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen finden.
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Aktualisiert: 13.01.2021 - Autor: medizindirekt, Überarbeitung: Daniela Heinisch

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