Sterblichkeit bei Corona: Warum ist sie so unterschiedlich?

Frau mit Mundschutz © iStock.com/valentinrussanov

Die Sterblichkeitsrate bei COVID-19, also Infektionen mit dem Corona-Virus, liegt laut Zahlen aus dem chinesischen Wuhan bei 1,4 Prozent. Betrachtet man allerdings davon nur Patienten, die eine symptomatisch verlaufende Infektion haben, liegt die Sterberate bei 4,5 Prozent. Außerdem wird die Sterblichkeit für verschiedene Altersgruppen unterschiedlich angegeben. Die höchste Gefahr, an einer Corona-Infektion zu sterben, haben Menschen über 60 Jahre. Ihr Sterberisiko ist fünfmal so hoch wie das von 30- bis 59-Jährigen. Allerdings muss bei diesen Angaben beachtet werden, dass sie auf den Daten aus Wuhan basieren und teilweise hochgerechnet wurden.

Sterblichkeit in betroffenen Ländern unterschiedlich

Hinzu kommt, dass die Sterblichkeit von vielen Faktoren, wie beispielsweise der medizinischen Versorgung oder der Anzahl von durchgeführten Tests, abhängt. Deshalb sind die Sterberaten in den von Corona betroffenen Ländern teilweise auch sehr unterschiedlich.

Außerdem sind die Zahlen zur Sterblichkeit sehr umstritten, da alle Menschen, die versterben und positiv auf Corona getestet wurden, als Todesfälle durch Corona gezählt wurden. Es sterben allerdings sehr viele sehr alte Menschen, die bereits andere zum Tode führende Erkrankungen hatten. Nur eine Obduktion könnte dann Klarheit bringen, ob COVID-19 tatsächlich die Todesursache war. Diese werden allerdings kaum durchgeführt derzeit.

 

Warum sterben so viele alte Menschen an SARS-CoV-2?

Es ist ungewöhnlich, dass die meisten Todesopfer in der Altersgruppe über 60 Jahre liegen. Bei anderen Pandemien, wie der Grippe, sind normalerweise auch kleine Kinder stark betroffen. In China, Südkorea, Spanien und Italien gibt es bisher keinen einzigen Todesfall bei Kindern bis neun Jahren.

Dass vor allem ältere Menschen sterben, liegt daran, dass es sich um ein neues Virus handelt. Vereinfacht gesagt: Das Immunsystem kann mit zunehmendem Alter nicht mehr so schnell und passend auf neue Viren reagieren. Das Virus und das angeborene Immunsystem greifen das Lungengewebe an und zerstören es, da die Immunreaktion verzögert ist.

Sterberate in Deutschland niedrig – warum?

Deutschland fällt in Bezug auf die Sterblichkeit sehr positiv auf: Anfang April lag die Sterberate bei unterdurchschnittlichen 1,6 Prozent. In Italien hingegen liegt die Sterblichkeit für COVID-19 bei 12 Prozent, in Spanien, Frankreich und Großbritannien bei 10 Prozent und den USA bei knapp drei Prozent.

Die New York Times hat einen eigenen Artikel über die niedrige Sterblichkeit durch COVID-19 in Deutschland publiziert. Die Gründe, warum wir in Deutschland eine relativ niedrige Sterberate haben, sind demnach verschiedene:

  • Niedriges Erkrankungsalter: Der Ausbruch in Deutschland startete von Skigebieten aus Österreich und Italien. Dementsprechend waren vor allem jüngere Menschen mit COVID-19 infiziert. Das durchschnittliche Erkrankungsalter in Deutschland liegt bei 49 Jahren. In Frankreich und Italien beispielsweise hingegen liegt es bei 62 Jahren.
  • Viele Testungen: In Deutschland werden weit mehr Tests als in anderen europäischen Ländern durchgeführt – etwa 350.000 Tests pro Woche. Durch frühe Diagnosen können entsprechend frühe Behandlungen durchgeführt werden und die Erkrankten beobachtet werden.
  • Gute ärztliche Überwachung: Laut Prof. Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und Direktor der am Zentrum angesiedelten Abteilung Virologie, gibt es am Ende der ersten Woche einen kritischen Punkt, nach dem sich entscheidet, ob es zu einem schweren Verlauf kommt oder nicht. In Deutschland werden deshalb viele Corona-Patienten fünf oder sechs Tage nach Erkrankungsbeginn vom Hausarzt besucht, um zu kontrollieren, ob die Infektion einen schweren Verlauf nimmt und eine Einweisung ins Krankenhaus erfolgen muss.
  • Gutes Gesundheitssystem: In Deutschland wurden die Zahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte frühzeitig auf 40.000 aufgestockt. Dabei war das Level an Intensivbetten mit Beatmungsgeräten bereits relativ hoch im europäischen Vergleich: 28.000 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten, was 34 auf 100.000 Einwohner entspricht. Im Vergleich liegt die Zahl nur bei 12 in Italien und 7 in den Niederlanden.
  • Vertrauen in die Regierung: Auch die Führung durch Angela Merkel hat laut der New York Times dazu beigetragen, die Sterblichkeitsrate durch Corona niedrig zu halten. Mit ihrer ruhigen, besonnenen Art hat sie die Menschen klar und regelmäßig zum Social Distancing ermutigt, was in weiten Teilen auch befolgt wurde.

Erste deutschlandweite Analyse zu Sterblichkeit

Etwa ein Fünftel der COVID-19-Patienten, die von Ende Februar bis Mitte April 2020 in deutschen Krankenhäusern aufgenommen wurden, sind verstorben. Bei Patienten mit Beatmung lag die Sterblichkeit bei 53 Prozent, bei denen ohne Beatmung mit 16 Prozent dagegen deutlich niedriger. Insgesamt wurden 17 Prozent der Patienten beatmet. Das sind Ergebnisse einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Technischen Universität Berlin, die jetzt im medizinischen Fachmagazin „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlicht worden sind. Ausgewertet wurden die Daten von etwa 10.000 Patienten mit bestätigter Covid-19-Diagnose, die vom 26. Februar bis zum 19. April 2020 in insgesamt 920 deutschen Krankenhäusern aufgenommen wurden.

Aktualisiert: 05.08.2020 - Autor: Miriam Funk, Medizinredakteurin und Physiotherapeutin

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