Fitness-Sucht – Sport bis zum Umfallen

Mann beim Fitnesstraining © istockphoto, shapecharge

Sie fühlen sich schuldig, wenn sie nicht jeden Tag 15 Kilometer joggen. Sie heben Gewichte bis zum Umfallen und lassen Verabredungen sausen, um länger im Fitness-Zentrum zu trainieren. Im Prominentenviertel Malibu bei Los Angeles hat eine Privatklinik die Behandlung von Fitness-Süchtigen fest in ihr Programm aufgenommen, und im Internet wimmelt es von Betroffenen, die ihre Leidensgeschichten veröffentlichen.

Fitnesstraining als Flucht

"In Los Angeles kann man mehr Fitness-Süchtige finden als in jedem anderen Ort", sagt die Psychologin Irene Rubaum-Keller, die in der Filmmetropole eine private Praxis betreibt: "Hier will jeder aussehen, wie ein Hollywood-Star".

Rubaum-Keller, die sich selbst als "geheilte Süchtige" betrachtet, hat sich früher zwei Stunden täglich in Aerobic geübt und danach noch Gewichte gehoben. "Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das Training für mich eine Flucht war", sagt sie.

Unter den Joggern am Strand von Santa Monica, die dort mit oder ohne Walkman ihre Meilen zurücklegen, blieben ihr die Leidensgenossen nicht verborgen: "Es gab einen Mann, der rannte dort jeden Morgen von sechs bis neun, und dann wieder nachmittags von drei bis fünf - inzwischen hat er mit dem Joggen aufgehört und ist ein fanatischer Hobby-Gärtner geworden".

Bis zum körperlichen Zusammenbruch

Während nach landesweiten medizinischen Erhebungen 60 Prozent der Amerikaner zu wenig oder gar keinen Sport treiben, ruiniert sich eine Minderheit auf der Jagd nach dem «richtigen» Körperbild die Gesundheit - angefangen von verstauchten Knöcheln bis hin zum völligen körperlichen Zusammenbruch. Anfällig für die Fitness-Sucht sind sowohl Männer als auch Frauen. Umfassende statistische Erhebungen gibt es nicht.

Unter den betroffenen Patienten behandeln Psychologen nach eigenen Angaben häufig magersüchtige Frauen, ehemalige Alkoholiker und Ex-Junkies, die eine «gesündere» Abhängigkeit gewählt haben.

Der bekannte amerikanische Marathonläufer Richard Benyo bestätigt diese Einschätzung in einem Beitrag der Internet-Website des «Road Runners Club of America»: Manch einem hat das Langstreckenlaufen geholfen, eine unlängst abgelegte «negative» Abhängigkeit von Alkohol oder Zigaretten durch eine «positive» Sucht zu ersetzen.

Reino, der sich ebenfalls als «geheilt» betrachtet, legt gefährdeten Joggern einen Zehn-Punkte-Katalog vor, um den Grad ihrer Abhängigkeit zu bestimmen. Eine der Fragen lautet: «Ist ein Tag ohne Laufen wie ein Tag ohne Sonnenschein»?

Endstation Isolation

Als «medizinische» Ursache für Fitness-Abhängigkeit werden immer wieder Glückshormone (Endorphine) genannt, die während intensiver Sportaktivität im Körper ausgeschüttet werden. Psychologen dagegen sehen die Verantwortung bei den Abhängigen: "Sie sind nicht fähig, mit Leuten umzugehen und über Probleme zu sprechen. Stattdessen gehen sie lieber trainieren", sagt eine Expertin. Und im Fitness-Zentrum kann sich die Isolation sogar noch verschärfen: "Jeder übt für sich allein. Man darf es ja gar nicht wagen, jemanden auf dem Laufband nebenan anzusprechen", sagt ein Student in Los Angeles.

Aktualisiert: 26.09.2016

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