Gesprächspsychologie: Zuhören, Wertschätzen, Begegnen

Wie sieht eine erfolgreiche Psychotherapie aus? Carl Rogers, ein amerikanischer Psychologe, hatte jahrelang Therapeuten und Berater bei ihrer praktischen Arbeit beobachtet. Erfolgreiche Psychotherapeuten, das fand er durch Tonaufzeichnungen heraus, hören in erster Linie genau zu, geben so gut wie keine eigenen Stellungnahmen ab, fassen zwischendurch oder am Ende des Gesprächs das zusammen, was sie glauben, von ihrem Klienten verstanden zu haben und zeigen die ganze Zeit über Einfühlungsvermögen.

Keine Couch, keine Ratschläge

"Von außen betrachtet", so schreibt Jochen Eckert, Psychologe und Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg in Wege aus dem Wahnsinn. Therapien bei psychischen Erkrankungen, "lassen sich folgende Charakteristika einer Gesprächspsychotherapie feststellen: Therapeut und Patient sitzen beide auf Stühlen, meist an einem Tisch über Eck, so dass ein Blickkontakt, wenn er gewünscht wird, aktiv hergestellt werden kann. Der Therapeut sagt viel weniger als der Patient. Der Therapeut hört vor allem zu. Wenn der Therapeut etwas sagt, dann meist zu dem gefühlsmäßigen Erleben des Patienten und den Bewertungen, die der Patient dazu abgibt."

Gesprächspsychotherapie nach Rogers

Carl R. Rogers (1902-1987) hat die Gesprächspsychotherapie entwickelt. Ihm war es wichtig, nicht lenkend das Gespräch zu führen – daher auch der Begriff "nicht-direktive Psychotherapie“. Der Therapeut gibt keine Ratschläge, deutet nicht, gibt keine Themen vor.

Im Unterschied zur Psychoanalyse, die unbewusste Konflikte deutet und zur Verhaltenstherapie, die neue Lernerfahrungen ermöglichen will, ist es das Ziel der Gesprächspsychotherapie den Patienten (häufig wird auch der Begriff "Klient" verwendet) zu unterstützen, sich selbst in seinem Erleben zu erforschen, Probleme selbst herauszuarbeiten und eigene Lösungen zu entwickeln. Dahinter steht das Vertrauen in einer jedem Menschen innewohnenden Kraft, konstruktive Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Ziel der Gesprächspsychotherapie ist es daher, Bedingungen zu schaffen, die diese Kraft freisetzen.

Das Selbst strebt nach positiver Aufmerksamkeit

Um das Wesen der Gesprächspsychotherapie – auch Klientenzentrierte oder Personzentrierte Therapie genannt – zu verstehen, hier ein kurzer Einblick in die Theorie. Seelische Störungen entstehen vor allem dann, wenn bestimmte Gefühle nicht gefühlt werden dürfen und bestimmte Erfahrungen, die ihrerseits an bestimmte Gefühle geknüpft sind, nicht oder nicht vollständig oder nur verzerrt gemacht werden dürfen.

In diesem Zusammenhang hat Carl Rogers den Begriff des Selbst zu einem zentralen Element in seinem Therapiekonzept und in seiner Persönlichkeitstheorie gemacht. Dieses Selbst ist eine Entwicklung, die im Kontakt mit anderen Menschen entsteht - an erster Stelle sind dies die Eltern. Beeinflusst wird diese Entwicklung des Selbst nun von einem angeborenen Bedürfnis nach positiver Aufmerksamkeit. Wichtig zur Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes sind z. B. Anerkennung und Wertschätzung, aber auch das Zulassen von Gefühlen wie Wut und Trauer. Werden diese Gefühle bzw. das Zeigen dieser Gefühle von den Eltern bestraft und unterdrückt, so begünstigt dies die Entwicklung eines negativen Selbstkonzeptes.

Das Selbstkonzept unterliegt der Selbsterfahrung

Nach Rogers unterliegt das Selbstkonzept einer Person ständigen Veränderungen, und zwar in Abhängigkeit von der Selbsterfahrung. Für die psychische Gesundheit einer Person ist das Ausmaß an Kongruenz, das ist die Übereinstimmung des Selbstkonzepts mit den eigenen Erfahrungen und den dazu gehörigen Körper- und Sinneserfahrungen, wichtig.

Jochen Eckert nennt ein Beispiel: Wenn etwa die Mutter die Wutanfälle ihres Kindes, nicht erträgt, wird es später diese emotionale Erfahrung nicht in sein Selbst integrieren können. Später, als Erwachsener, wird es dem Therapeuten von der eigenen Angst vor der Wut berichten, denn wütend setzt er dann mit böse gleich.

Was ist eine Psychose?

Zu einer Psychose komme es, wenn eine emotionale Erfahrung vom Selbst nicht integriert, aber auch nicht abgewehrt werden kann. Das Selbstkonzept bricht dann zusammen. "Der akut psychotische Mensch ist dann – zumindest für Außenstehende – nicht mehr er selbst, sondern ver-rückt." Therapeuten versuchen nun in der Gesprächspsychotherapie, "Brüche“, das sind die Inkongruenzen, aufzudecken.

In einer warmherzigen, von Empathie geprägten Atmosphäre, werden die Probleme herausgearbeitet. Dabei findet keine Bewertung statt. Je verständnisvoller und akzeptierender man Menschen begegnet, desto eher werden sie nach Rogers fähig, ihre aggressiven und destruktiven Seiten positiv in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren.

Aktualisiert: 07.03.2014 - Autor: bo

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