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Psychodrama: Verhaltensweisen in Szene setzen

Der Wiener Psychiater Jakob Levy Moreno ist der Begründer des Psychodramas: eine therapeutische Methode, in der Lebenssituationen oder Phantasien szenisch dargestellt werden, um sie neu zu erleben und sich aus festgefahrenen Rollenstrukturen zu befreien.

Das Psychodrama

Die Gruppenleiterinnen von Krebsselbsthilfegruppen besuchen ein Fortbildungsseminar. Ihr Anliegen: Sie wollen mit den Schwerst- und Todkranken angemessen umgehen. Auch wenn sie die Krankheit aus eigener Erfahrung kennen, so fühlen sie sich mal hilflos, mal überfordert, wenn sie mit den Patientinnen und Patienten umgehen.

Die Seminarleiterin fordert sie auf, Szenen mit den Erkrankten nachzuspielen. Sofort wird ein bestimmtes Rollenschema erkennbar, nämlich eine unermüdliche Art, neu erkrankten Patientinnen immer wieder Mut zuzusprechen.

Nun fordert die Seminarleiterin zum Rollentausch auf. Die (kranken) Teilnehmerinnen erleben jetzt die Wirkung des gut gemeinten Verhaltens: Eine Lawine von Ermunterung und Lebensbejahung, die kaum Luft lässt, um besonders über die Ängste zu sprechen. Ihnen ist es auch wichtig, Zuhörer zu haben und Verständnis zu erfahren – etwas, das die Gruppenleiterinnen ursprünglich selber als heilsam empfunden hatten.

Nach diesem Rollentausch waren fast alle Gruppenleiterinnen in der Lage, ihr Verhalten grundlegend zu ändern und einfühlsamer zu reagieren. (zitiert nach: Das Psychodrama von Martina Rosenbaum und Ulrike Kroneck, Stuttgart, 2007).

"Handeln ist heilender als Reden"

Auf einen kurzen Nenner gebracht bedeutet Psychodrama, Verhaltensweisen in Szene zu setzen. In einem mit den Teilnehmern vereinbarten Rahmen geht es darum, Handlungen zu erproben, zu beobachten, zu vergleichen und in ihrer Wirkung sowohl aus der eigenen als der Gegenrolle zu erleben. Im Psychodrama inszeniert die Psyche sich selbst und ihre Probleme auf einer Bühne.

Die Begriffe ähneln denen im Theater – es gibt Protagonisten, Antagonisten, Zuschauer und einen Spielleiter – die Therapeutin bzw. der Therapeut, ein Skript oder Drehbuch gib es jedoch nicht. Denn Ziel des Psychodramas ist die Aktivierung und Integration von Spontaneität und Kreativität. "Konstruktives spontanes Handeln ist zustande gekommen, wenn der Protagonist für eine neue oder bereits bekannte Situation eine neue und angemessene Reaktion findet." (aus: J.L. Moreno, Gruppenpsychotherapie und Psychodrama, 1959).

Verhaltensänderung durch Reden und Zuhören

Viele Verfahren der Psychotherapie basieren auf dem Reden. Jakob Levy Moreno (1890-1974) hingegen entwickelte seine Ideen und Konzepte bei der Beobachtung spielender Kinder. "Meine praktischen Anfänge gehen auf das Jahr 1910 zurück. In den Gärten Wiens begann ich in den Jahren zwischen 1910 und 1914 Kindergruppen zu formen, mit ihnen aus dem Stegreif zu spielen und so den Keim für die Gruppenpsychotherapie und das Psychodrama zu pflanzen." Daraus hat er Rollen- und Stegreifspiele für Erwachsene veranstaltet und sich mit der Wirkung des spontanen Spiels auseinandergesetzt.

Morenos Motto lautet „Handeln ist heilender als Reden" oder auch "Die Wahrheit der Seele durch Handeln" zu ergründen. So sind Rollenspiele oder auch andere Inszenierungen gut geeignet, Konfliktsituationen sichtbar zu machen, zu bearbeiten und im spielenden Handeln sogar neue Strategien zur Konfliktbewältigung zu finden. Die szenische und spielerische Darstellung erlaubt, das verfügbare Rollenrepertoire zu erweitern und Verhaltensweisen zu erproben.

Und hier ist ein Faktor ganz entscheidend: Indem die Mitspielerinnen und Mitspieler, die Protagonisten und Antagonisten etwas aktiv tun, wird ihnen ihr Handeln bewusst. Das Erleben ist eine Handlungserfahrung, die zwar gespielt und dennoch eine reale, sogar körperliche Erfahrung ist. Im Idealfall tritt sofort eine Verhaltensänderung ein – wie im Beispiel der Gruppenleiterinnen, die besser zuhören lernten und einfühlsamer wurden.

Aktualisiert: 29.08.2013 – Autor: bo

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