Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun

Analphabetin übt Schreiben mit Lehrerin
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Das Leben von Analphabeten ist oft eine einzige Ausrede. Sie denken sich alles Mögliche aus, damit ihr "Problem" nicht auffällt. Dass eine zehnjährige Schulpflicht vor Analphabetismus schützt ist in Deutschland immer noch ein Irrtum. Marianne K. (32) hatte noch nie ein Buch gelesen, Gebrauchsanweisungen und Beipackzettel ignorierte sie. Wenn sie bei einer Behörde ein Formular ausfüllen musste, bat sie die Sachbearbeiter, ihr zu helfen, da sie ihre Brille "vergessen" habe. Sie fuhr nie alleine in Urlaub und kannte außer dem Viertel, in dem sie wohnte, keine anderen Straßennamen. Viel mehr als ihren Namen konnte Marianne nicht schreiben. Einzelne Buchstaben oder auch sehr kurze Wörter konnte sie entziffern und abschreiben. Bei ihrem Beruf als Putzfrau fiel das zunächst nicht auf. Marianne K. ist kein Einzelfall. Über vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Dies schätzt der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Zur Schule sind sie alle gegangen, aber ihre Lese- und Rechtschreibprobleme wurden entweder ignoriert, nicht richtig behandelt oder die Betroffenen haben sie geschickt verborgen.

Was ist Analphabetismus?

Wer nie lesen und schreiben gelernt hat, weil er zum Beispiel - wie viele Kinder in Entwicklungsländern - nie zur Schule gegangen ist, fällt unter die Kategorie primärer Analphabetismus.

Zum sekundären Analphabetismus gehören Menschen, die zur Schule gegangen sind und lesen und Schreiben wieder verlernt haben.

Funktionaler Analphabetismus schließlich ist die Unfähigkeit, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es als selbstverständlich angesehen wird. Funktionelle Analphabeten sind Menschen wie Marianne, die zwar Buchstaben erkennen und die ihren Namen und ein paar Worte schreiben können, die jedoch den Sinn eines Textes entweder gar nicht verstehen oder nicht mühelos genug verstehen. Für Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung e.V. ist Analphabetismus ein relativer Begriff: "Ob eine Person als Analphabet gilt hängt nicht nur von ihren individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet wird. Wenn die individuellen Kenntnisse niedriger sind als die erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisse liegt funktionaler Analphabetismus vor."

Personen in Industriestaaten mit hohen schriftsprachlichen Anforderungen müssen demnach auch als funktionale Analphabeten angesehen werden, wenn sie über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen.

Aktualisiert: 22.07.2020 - Autor: bo

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