Stammzellen aus der Nabelschnur

"Langlebige Stammzellen gegen Herzinfarkt", "Knochenmarkzellen heilen Diabetes", "Nabelschnurblut bei Schlaganfall?" - in den letzten Monaten häufen sich Pressemeldungen zum Thema Stammzellen. Häufig wird der Eindruck vermittelt, dass ihr Einsatz die zukünftige Wunderwaffe zur Bekämpfung unterschiedlichster Erkrankungen ist. In gynäkologischen Praxen häufen sich die Anfragen schwangerer Frauen, ob es Sinn macht, bei der Geburt aus der Nabelschnur Stammzellen ihres Kindes gewinnen und diese einfrieren zu lassen.

Was sind Stammzellen überhaupt?

Stammzellen sind Basiszellen, aus denen während der Entwicklung des Embryos die verschiedenen Körperzellen hervorgehen (embryonale Stammzellen). Auch nach der Geburt sind sie vor allem im Knochenmark, aber auch in einigen Organen vorhanden und entwickeln sich weiter zu Vorläuferzellen, aus denen sich wiederum die verschiedenen Blutzellen und Zellen des Immunsystems entwickeln (adulte Stammzellen). Sie vermehren sich ständig durch Teilung und halten so ihre Anzahl konstant.

Stammzellen geeignet für den therapeutischen Einsatz?

Bereits seit einigen Jahren wird erforscht, ob und wie sich die Wandlungsfähigkeit von Stammzellen bei der Behandlung von Krankheiten nutzen lässt. Die prinzipielle Idee ist, Stammzellen dazu zu bringen, sich in die spezifischen Zellen betroffener Gewebe zu verwandeln und die kranken, nicht funktionierenden Zellen zu ersetzen. Seit Längerem erfolgreich in der Praxis eingesetzt wird die Therapie mit Stammzellen bei Blutkrebs. Dabei werden zunächst die kranken Zellen durch Bestrahlung oder eine Chemotherapie zerstört. Anschließend wandern die aus einer Knochenmarkspende gewonnenen und dem Kranken per Spritze verabreichten Stammzellen vor allem in das Knochenmark ein, besiedeln es und produzieren dann - wie sie es gewohnt sind - neue, gesunde Blut- und Immunzellen.

Neuere Studien gehen weiter und prüfen auch den Einsatz bei Krankheiten, die nicht das Blut- oder Immunsystem betreffen. So berichten Forscher weltweit über ermutigende Ergebnisse in Tierversuchen z.B. bei Diabetes, Lungenkrankheiten, Schlaganfall, Parkinson, Alzheimer, Crohn-Krankheit, Muskelerkrankungen, Multiple Sklerose und Herzinfarkt. Es wurde beobachtet, dass Stammzellen sich nicht nur selber zu spezifischen Zellen weiter entwickeln, sondern auch die vorhandenen Gewebezellen zum Wachstum anregen. Beim Menschen ist der erfolgreiche Einsatz allerdings bisher nur bei Blutkrebs oder angeborenen Bluterkrankungen wie Sichelzellanämie, Thalassämie oder Fanconi-Anämie gelungen, Studien zu anderen Krankheiten (z.B. diabetisches Erblinden oder Herzinfarkt) sind angelaufen.

Wie lassen sich Stammzellen gewinnen?

Derzeit gibt es drei Quellen, aus denen adulte Stammzellen gewonnen werden können:

  • ­aus dem Knochenmark durch Punktion (z.B. im Bereich des Beckenkamms).
  • ­aus dem Blut, nachdem die Stammzellen durch Medikamente dazu gebracht wurden, aus dem Knochenmark dorthin zu wandern.
  • ­aus dem Nabelschnurblut (durch Punktion der Nabelschnur nach der Geburt).

Die darüber hinaus bestehende Möglichkeit, embryonale Stammzellen aus dem Embryo kurz nach der Befruchtung zu entnehmen, ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetzt verboten, wird aber von Forschern bereits in vielen anderen Ländern genutzt.

Vor- und Nachteile von Stammzellen aus Nabelschnurblut

Im Gegensatz zu anderen adulten Stammzellen haben direkt nach der Geburt gewonnene einige Vorteile:

  • ­Die Gewinnung ist schmerzlos und völlig ungefährlich (für Mutter und Kind).
  • ­Sie können sich besser teilen.
  • ­Sie können sich in mehr unterschiedliche Gewebe umwandeln.
  • ­Sie sind in der Regel noch nicht oder viel weniger belastet mit Viren.
  • ­Evtl. erzeugen sie - wenn sie anderen Personen gespritzt werden - weniger Abwehrreaktionen.

Allerdings gibt es auch Nachteile:

  • ­Die Anzahl von Zellen ist geringer.
  • ­Sie können eine nicht erkannte, familiär vererbbare Krankheit oder eine während der Geburt aufgetretene bakterielle Verunreinigung übertragen.
  • ­Bei der Leukämie ist eine Abwehrreaktion ("Transplantat-gegen-Leukämie-Reaktion") sogar gewünscht und kommt bei Nabelschnur-Stammzellen in dieser Form evtl. nicht zustande.

Mittlerweile sind bereits Methoden in der Testphase, mit denen sich die Stammzellen mit Hilfe spezieller Wachstumsfaktoren vermehren lassen.

Soll ich Nabelschnurblut entnehmen lassen?

Folgende Punkte und unbeantwortete Fragen können bei einer Entscheidung übe die Entnahme von Nabelschnurblut momentan eine Rolle spielen:

  • ­Die Entwicklung war in den letzten paar Jahren zwar stürmisch, aber trotzdem befinden sich derzeit - abgesehen von der klassischen Behandlung bei Blutkrebs - alle neuen Indikationen und Therapien für den Einsatz von Stammzellen nur in der Forschungsphase.
  • ­Bei den Erkrankungen, die jetzt bereits erfolgreich mit Stammzellen behandelt werden, macht es keinen Sinn, die eigenen Stammzellen zu injizieren, da diese auch krank sind bzw. diese Veranlagung in sich tragen.
  • ­Es gibt noch keine Langzeituntersuchungen, die gewährleisten, dass die eingelagerten Stammzellen nach 20 Jahren oder mehr noch funktionstüchtig sind. Der längste Untersuchungszeitraum mit der gängigen Methode (Einfrieren bei -195°C mittels flüssigem Stickstoff) beträgt derzeit 15 Jahre.
  • ­Es besteht die Möglichkeit, dass in den nächsten Jahrzehnten Entwicklungen in anderen Bereichen der Medizin den Einsatz von Stammzellen überflüssig macht. Hoffnung liegt hier sicher in der Gent herapie.

Die Kosten liegen derzeit etwa bei 1.500 Euro für eine Lagerung über 20 Jahre; weitere Lagerzeit wird entsprechend teurer.

Was ist zur Konservierung von Stammzellen zu tun?

Erster Ansprechpartner ist der behandelnde Frauenarzt. Etwa 4 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin und 4 Monate nach der Geburt muss er der Mutter Blut abnehmen. Das Nabelschnurblut wird direkt nach der Geburt in der Klinik mit einem speziellen Set abgenommen und mittels Kurier in das Speziallabor gebracht. Nach Untersuchung der Stammzellen (und ggf. Blutseparation) werden diese in flüssigem Stickstoff eingelagert. Bei den konkurrierenden Firmen kann man sich rechtzeitig über das Angebot, den Ablauf, die Sicherheiten und die Kosten informieren.

Aktualisiert: 28.09.2011 – Autor: Dagmar Reiche

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