Stammzellen aus Nabelschnurblut – spenden oder einlagern?

Nabelschnur bei einem Baby © istockphoto, Pixelistanbul

Ein gesundes Baby zur Welt zu bringen, ist für Mütter und Väter ein kleines Wunder. Und alle Eltern wünschen sich, dass ihr Kind auch in Zukunft gesund bleibt. Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, bei der Geburt aus dem Nabelschnurblut Stammzellen zu entnehmen und diese für einen späteren Bedarf einfrieren zu lassen oder zu spenden. Aber ist das sinnvoll? Warum gerade Zellen aus dem Nabelschnurblut? Und für was können die Stammzellen verwendet werden? Wir haben für Sie die wichtigsten Informationen zusammengestellt.

Was sind Stammzellen?

Stammzellen sind Zellen, die die Fähigkeit haben, sich durch Zellteilung zu unterschiedlichen Arten und Formen von Zellen zu entwickeln – sie sind sozusagen das Rohmaterial anderer Körperzellen. Je nachdem, woher sie stammen, werden die embryonalen und die adulten Stammzellen unterschieden.

  • Embryonale Stammzellen sind die Vorläufer aller Körperzellen – aus ihnen entwickelt sich jeder Mensch. Sie sind in den sogenannten Blastozysten, einem frühen Stadium des Embryos kurz nach der Befruchtung der Eizelle, zu finden.
  • Adulte Stammzellen, das bedeutet erwachsene Stammzellen, kommen in vielen Körpergeweben des Menschen, aber vor allem im Knochenmark vor. Die Stammzellen aus der Nabelschnur gehören ebenfalls zu den adulten Stammzellen.

Was unterscheidet embryonale und adulte Stammzellen?

Embryonale Stammzellen können sich unbegrenzt teilen und sich zu jedem Zelltyp entwickeln. Damit sind sie der Grundbaustein, aus dem ein Embryo heranwächst.

Dahingegen ist es die Aufgabe der adulten Stammzellen, Zellen als Ersatz für geschädigte oder tote Zellen zur Verfügung zu stellen. Sie sorgen damit für die ständige Erneuerung der Zellen im ganzen Körper, können sich aber nicht mehr zu allen Zelltypen entwickeln. Adulte Stammzellen sind schon auf bestimmte Zelltypen festgelegt, beispielsweise auf die Bildung von Hautzellen. Hautstammzellen können sich zwar zu verschiedenen Formen von Hautgewebe entwickeln, aber beispielsweise keine Nervenzelle ersetzen. Dazu wäre eine andere Art von Stammzellen erforderlich.

Wofür werden Stammzellen in der Medizin benötigt?

Beschädigte Zellen können auch künstlich durch neue ersetzt werden. Das macht man sich in der Medizin zunutze, um gewissen Krankheiten zu behandeln, beispielweise Blutkrebs (Leukämie). Kranke Gewebe können auf diese Weise erneuert oder ersetzt werden. Man bezeichnet diese Behandlungsmethode als Stammzellentherapie.

Für diese Therapieformen werden Stammzellen benötigt. Embryonale Stammzellen sind zwar besonders vielseitig, doch ihre Gewinnung erfordert das Abtöten einer befruchteten Eizelle – aus ethischen Gründen ist dieses Verfahren in Deutschland daher verboten. Es wurde jedoch ein Verfahren entwickelt, adulte Stammzellen im Labor so zu verändern, dass sie die Eigenschaften von embryonalen Stammzellen besitzen. Man spricht dann von induzierten pluripotenten Stammzellen.

Adulte Stammzellen können dagegen zwar durch ethisch vollkommen unbedenkliche Stammzellenspenden gewonnen werden, sind aber weniger vielseitig einsetzbar. Eine Alternative dazu bieten adulte Stammzellen aus Nabelschnurblut, sogenannte neonatale Stammzellen.

Was ist das Besondere an Stammzellen aus Nabelschnurblut?

Nabelschnurblut enthält vor allem Stammzellen, aus denen verschiedene Blutzellen hervorgehen können, die sogenannten hämatopoetischen Stammzellen. Aus den folgenden Gründen sind Stammzellen aus Nabelschnurblut für eine Stammzellentherapie besonders beliebt:

  • Da die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut besonders jung und leistungsfähig sind, vermehren sie sich schnell.
  • Außerdem scheinen sie aufgrund ihrer Unreife besser verträglich zu sein, das heißt, es kommt beim Empfänger der Spende vergleichsweise selten zu einer Abstoßungsreaktion. 
  • Normalerweise altern Stammzellen mit der Zeit und nehmen durch Umwelteinflüsse Schaden. Das Risiko für solche Zellschäden aus der Umwelt ist bei Stammzellen aus der Nabelschnur nahezu null. 
  • Hinzu kommt, dass diese neonatalen Stammzellen auch dann transplantiert werden können, wenn die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger nicht vollkommen übereinstimmen. 
  • Darüber hinaus ist ihre Gewinnung aus Nabelschnurblut ethisch völlig unbedenklich. 

Wofür kann man Stammzellen aus Nabelschnurblut verwenden?

Nach heutigem Kenntnisstand können Stammzellen aus Nabelschnurblut unter anderem für die Behandlung von Bluterkrankungen, insbesondere verschiedener Arten der Leukämie, eingesetzt werden. Denn die im Nabelschnurblut enthaltenen Blutstammzellen können sich in die unterschiedlichen Blutzelltypen entwickeln: in rote und weiße Blutkörperchen sowie in Blutplättchen.

Daneben ist es auch möglich, angeborene oder erworbene Defekte des Immunsystems mithilfe von Blutstammzellen zu behandeln. Durch die Übertragung der Stammzellen, die sogenannte Transplantation, können die Blutbildung und das Immunsystem eines Kranken vollständig erneuert werden.

Dafür müssen die Stammzellen nicht frisch sein – sie können auch mithilfe eines speziellen Verfahrens eingefroren und eingelagert werden, falls sie zu einem späteren Zeitpunkt benötigt werden.

Wie wird das Nabelschnurblut entnommen?

Ist das Kind auf der Welt, hat die Nabelschnur ihren Dienst getan. Sie wird nach dem Abnabeln des Babys normalerweise entsorgt. 

In der Nabelschnur befindet sich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch Blut, das reich an Stammzellen ist. Dieses Nabelschnurblut kann kurz nach der Geburt im Kreißsaal entnommen werden. Dafür erfolgt eine Punktion der Nabelschnurvene – also die Entnahme des Blutes über den Einstich mit einer Hohlnadel – und das Blut fließt in ein spezielles Sammelgefäß.

Dieser Vorgang der Nabelschnurblutentnahme ist komplett schmerzfrei und risikolos für Mutter und Baby.

Was kann man mit Nabelschnurblut machen?

Das Blut wird nach der Entnahme entweder an eine Stammzellbank oder an eine private Firma geschickt, die das Blut einlagert. In beiden Fällen wird das Nabelschnurblut aufbereitet und die Zellen werden bei -196 °C in flüssigem Stickstoff für einen Zeitraum von zehn bis zu über fünfzig Jahren eingefroren.

Grundsätzlich haben Eltern die Möglichkeit, das Nabelschnurblut zu spenden oder es für den Eigenbedarf einzulagern zu lassen:

  • Spende: Mit der Spende des Nabelschnurblutes kommen die daraus gewonnenen Stammzellen allen Menschen zugute, die aufgrund einer Bluterkrankung auf eine Transplantation angewiesen sind. Dieses Vorgehen wir auch als allogene Transplantation (Fremdspende) bezeichnet. Zu diesem Zweck werden die Zellen in sogenannten Stammzellbanken eingelagert. Dabei müssen den Spendern des Nabelschnurblutes keine Kosten entstehen. Die Kosten für Entnahme, Aufbereitung und Einlagerung werden teilweise oder komplett von der Stammzellbank übernommen. 
  • Eigenbedarf: Mit der Einlagerung des Nabelschnurblutes ausschließlich für den Eigenbedarf, der autologen Spende, hält man sich die Möglichkeit offen, auf eigene Stammzellen des Kindes zurückzugreifen. Diese können später im Bedarfsfall für die Behandlung bestimmter Erkrankungen des Blutes oder des Immunsystems des Kindes herangezogen werden. Sogenannte Stammzelldepots werden von privaten Firmen angeboten. Sie sind mit Kosten verbunden, die sich unter anderem an der Dauer der Einlagerung orientieren.
  • Gerichtete Spende: Hierbei handelt es sich um eine Nabelschnurblutspende, bei der der Empfänger bereits festgelegt ist. Das kann etwa ein an Leukämie oder einer anderen Bluterkrankung leidendes Geschwisterkind ersten Grades sein.

Werdende Eltern sollten sich bei Interesse an einer Einlagerung von Nabelschnurblut rechtzeitig an den behandelnden Arzt wenden. In einem Beratungsgespräch können offene Fragen geklärt werden. Auch zu berücksichtigen ist, dass eine Spende nur in einer Klinik möglich ist, die über für die Entnahme ausgebildetes Personal verfügt. Daher bestimmt die Entscheidung für eine Spende auch die Auswahl der Geburtsklinik.

Ist es sinnvoll, Nabelschnurblut einzulagern?

Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Die meisten Erfahrungen wurden bisher mit gespendeten Zellen, das heißt mit der Übertragung von Nabelschnurstammzellen auf einen anderen Menschen gemacht. Die allogene Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut stellt inzwischen ein etabliertes Verfahren vor allem bei Kindern dar.

In der Vergangenheit wurde gezeigt, dass mithilfe eines Transplantats aus fremden Nabelschnurstammzellen gute Ergebnisse erzielt werden können. Dies ist möglich, weil Stammzellen aus Nabelschnurblut den Vorteil haben, dass Spender und Empfänger genetisch nicht vollständig zueinander passen müssen.

Über die Verwendung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut zur eigenen Nutzung liegen bisher nur wenige Daten vor – unter anderem weil das Verfahren recht neu ist. Ein Vorteil von eigenen Stammzellen ist, dass sie keine Unverträglichkeitsreaktionen verursachen. Sie können zur Behandlung von Erkrankungen des Blutes im späteren Leben des Kindes verwendet werden und sind dann jederzeit verfügbar.

Aber: Falls das Kind an Blutkrebs erkrankt, können meist auch die eigenen Stammzelltransplantate meist nicht helfen. Denn diese enthalten oft schon von Geburt an die krebsauslösenden Zellen. Dann ist der Einsatz von Spenderzellen sinnvoll.

Wer kann Nabelschnurblut spenden?

Grundsätzlich kann jede gesunde Mutter, sofern sie volljährig ist, das Nabelschnurblut ihres Babys spenden. Sie muss hierzu eine Entbindungsklinik aufsuchen, in der die Entnahme von Nabelschnurblut möglich ist. Listen möglicher Kliniken erhält man oftmals von den Anbietern einer Nabelschnurblutspende, also den Stammzellbanken.

Wie kann ich Nabelschnurblut spenden oder einlagern?

Steht die Entscheidung fest, dass das Nabelschnurblut gespendet beziehungsweise eingelagert werden soll, dann sind folgende Schritte notwendig:

  • Wahl einer Klinik, in der die Entnahme von Nabelschnurblut möglich ist.
  • Entscheidung für einen Anbieter, der die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut aufbereitet und einfriert. Dies kann eine öffentliche Stammzellbank oder eine private Firma sein. 
  • Erteilung des Auftrags und Erledigung der Formalitäten für die Einlagerung, wie das Ausfüllen von Formularen.
  • Versand eines Entnahme-Sets an die Eltern (je nach Anbieter), das zur Entbindung mit in die Klinik genommen werden muss.
  • Entnahme des Nabelschnurbluts kurz nach der Geburt, für Mutter und Kind vollkommen schmerzfrei und ohne Risiken.
  • Transport des Blutes zum beauftragten Anbieter für die weitere Verwendung.

Was kostet die Einlagerung von Nabelschnurblut?

Die Kosten für die Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut können stark variieren. Dies hängt von folgenden Fragen ab:

  • Handelt es sich um eine Spende, die Einlagerung für den Eigenbedarf oder eine Kombination aus beidem?
  • Welcher Anbieter wird ausgewählt, ein privater oder ein öffentlicher?
  • Wie lange sollen die Zellen eingelagert werden?

Manche Anbieter stellen die Kosten nur dann in Rechnung, wenn die Stammzellen erfolgreich aufbereitet wurden und sich für eine Einlagerung eignen. Andere bieten neben der Einlagerung von Nabelschnurblut auch die Einlagerung von Nabelschnurgewebe an. Auch diese Option beeinflusst den Preis. Neben einer einmaligen Zahlung können zusätzlich jährliche Gebühren für die Einlagerung entstehen, die sich wiederum nach der Dauer der Einlagerung richten.

Es ist daher absolut empfehlenswert, sich aufgrund der Vielfalt der Angebote und der unterschiedlichen Preise direkt bei den Anbietern zu informieren und die Konditionen zu vergleichen. Lassen Sie sich umfassend zum Einlagern oder Spenden der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut beraten und wägen Sie das Pro und Contra sorgfältig ab.

Aktualisiert: 17.07.2020 - Autor: Dr. rer. nat. Isabel Siegel, Diplom-Biologin und Medizinautorin

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