Medikament vergessen - das kann doch nicht so schlimm sein

Damit ein Medikament wirken kann, muss es richtig und regelmäßig eingenommen werden. Nicht selten weichen Patienten vom angegebenen Therapieschema des Arztes ab; Folge: Die Wirkung der Arznei kann in Frage gestellt sein und damit der gesamte Heilungsprozess.

Compliance und Non-Compiliance

In der Wissenschaft nennt man die notwendige Therapietreue und das konsequente Befolgen der ärztlichen Einnahmevorschriften "Compliance", das Gegenteil davon "Non-Compliance".Wenn ein Medikament nicht wirkt, liegt es also nicht selten am Verhalten des Patienten.

Man liest zum Beispiel den Beipackzettel, ist von der langen Aufzählung möglicher Nebenwirkungen beunruhigt und lässt dann hin und wieder die Tabletteneinnahme ausfallen im Glauben, sich damit sogar etwas Gutes zu tun. Andere Patienten beginnen zwar mit der Therapie, setzen das Medikament aber ab, sobald die Symptome sich bessern oder aber unerwünschte Begleiterscheinungen auftreten.

Auch das subjektive Gefühl "Heute geht es mir doch ganz gut" sowie Vergesslichkeit tragen zu mangelhafter Therapietreue bei. Das gilt besonders, wenn mehrere Medikamente täglich eingenommen werden müssen oder die Behandlung längere Zeit dauert.

Non-Compliance weit verbreitet

Untersuchungen ergeben immer wieder, dass es mit der Therapietreue vieler Patienten nicht gut bestellt ist. Je nach Krankheitsbild wird das Ausmaß dieser Non-Compliance zwischen 12 und 35 Prozent geschätzt.

Vor allem Patienten mit Atemwegserkrankungen, Diabetes mellitus und Schlafstörungen halten sich oft nicht an ihre Medikation. Bei verordneter Langzeiteinnahme von Medikamenten sind die Zahlen noch erschreckender: Nur etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten mit chronischen Erkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck oder Asthma befolgen den ärztlichen Rat zur Medikamenteneinnahme.

Die Folgen mangelnder Therapietreue werden häufig unterschätzt; sie wiegen meist weitaus schwerer als die Belastung durch eventuelle Nebenwirkungen.

Ursachen für Non-Compliance

Die Gründe, warum Patienten die Medikamenteneinnahme nicht befolgen, sind vielfältig: Es können soziale, ökonomische, krankheitsbedingte, therapiebedingte oder persönliche Faktoren eine Rolle spielen. Bekannt ist beispielsweise der sogenannte "Zahnputzeffekt", wobei der Patient das Arzneimittel unregelmäßig einnimmt, sich aber einige Tage vor einem Arztbesuch korrekt an die Verordnung hält. Oder man spricht von sogenannten "Arzneimittelferien", wenn vorwiegend am Wochenende oder im Urlaub die Einnahme für eine gewisse Zeit ausgesetzt wird.

Messung der Therapietreue

Um Ausmaß und Ursachen einer mangelnden Therapietreue untersuchen zu können, ist es wichtig, die Compliance zu messen. Man unterscheidet zwischen direkten und indirekten Messmethoden:

  • Direkte Methode ist die Messung der Arzneimittelkonzentrationen im Blut,
  • indirekte Methoden sind beispielsweise Patiententagebücher, Tablettenzählen (wie viele sind übrig, wie viele wurden also genommen in einem bestimmten Zeitraum) und Arztgespräche mit dem Patienten über das Einnahmeverhalten.

Auswirkungen von Non-Compliance

Wie fatal sich mangelnde Therapietreue auswirken kann, zeigen zum Beispiel Untersuchungen an Patienten, denen ein Organ transplantiert worden ist und die danach dauerhaft Medikamente erhalten, die das eigene Immunsystem unterdrücken sollen, damit dieses nicht das neue Organ abstößt. Durchschnittlich jeder vierte Patient hält sich nicht an die Regeln zur Einnahme dieser sogenannten Immunsuppressiva. Konsequenz: Das Immunsystem kämpft gegen das neue Organ, bis dieses schließlich versagt.

Auch bei Patienten, die mit dem HI-Virus infiziert sind, wurden ähnlich verheerende Folgen von mangelnder Therapietreue beobachtet. Neben den gesundheitlichen Folgen gibt es auch einen ökonomischen Aspekt: Wer seine Medikamente nicht ordnungsgemäß einnimmt, riskiert häufigere Arztbesuche, längere Behandlungszeiten und Krankenhausaufenthalte, was zum einen Arbeitsausfall und damit Produktivitätsverlust und zum anderen eine Belastung des allgemeinen Gesundheitssystem bedeutet.

So werden die direkten und indirekten Kosten der Non-Compliance in Deutschland auf 7,5 bis 10 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Zum Vergleich: Insgesamt beliefen sich im Jahr 2006 die von den gesetzlichen Krankenversicherungen getragenen Kosten für Gesundheit auf ungefähr 137 Milliarden Euro, was die beachtliche Größenordnung der durch Therapieuntreue verursachten Kosten verdeutlicht.

Aufklärung und Betreuung wichtig

Nicht immer aber trägt der Patient allein die Schuld an mangelnder Therapietreue. Oft spielt auch ein mangelhaftes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient eine Rolle: Der Arzt klärt zu wenig auf, und viele Patienten wissen zu wenig über ihre Erkrankung und deren Behandlung und sind sich nicht im Klaren darüber, wie wichtig eine regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente ist.

Durch Patientenschulungen könnte die Compliance erheblich verbessert werden. Manchmal machen es auch Familie oder Freunde dem Patienten nicht leicht, wenn die Erkrankung zum Beispiel schlechterdings zum Tabuthema erklärt wird.

Ein offener Umgang mit einem Leiden sowie Unterstützung und Motivation durch die Angehörigen fördern dagegen beim Patienten die Akzeptanz seiner Erkrankung und ihrer Behandlung. Eine wichtige Rolle bei der Frage, ob ein Patient eine hohe Therapietreue beweist, kommt neben dem Arzt auch dem Apotheker zu. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Zusammenspiel von Patient, Arzt und pharmazeutischer Betreuung durch den Apotheker die Basis für eine wirkungsvolle Therapietreue bietet.

Auch für die Arzneimittelforscher ist die Therapietreue ein Thema: Inzwischen haben sie für viele Erkrankungen, zu deren Behandlung mehrere Arzneimittel benötigt werden, Kombinationspräparate entwickelt: statt zwei oder drei verschiedene Tabletten nur noch eine, die alle Wirkstoffe enthält. Auch Arzneiformen, die einen Wirkstoff kontinuierlich über Stunden oder Tage freisetzen, sogenannte Retard-Formen, tragen zur Therapietreue bei. Denn so genügt beispielsweise die Einnahme einmal täglich, etwa beim Frühstück.

Aktualisiert: 01.09.2016 - Autor: Grünes Deutsches Kreuz

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