Bei Risiken und Nebenwirkungen… Arzneimittel für Kinder

Rund 45.000 Arzneimittel sind auf dem deutschen Markt verfügbar, doch nur 20 Prozent davon sind auf ihre Tauglichkeit für Kinder überprüft. Dabei werden die kleinen Patienten viel häufiger krank als Erwachsene: sieben bis zehn Mal im Jahr sind sie erkältet, Husten, Schnupfen, Fieber, Magen-Darm-Infekte sind die häufigsten Erkrankungen.

Probleme bei der Dosierung

Probleme bereitet oft die richtige Dosierung des Medikaments. Denn das Immunsystem von Kindern ist in einem Entwicklungsprozess, es "lernt" ständig hinzu. Ein großes Problem für die Ärzte ist die richtige Dosierung von Medikamenten, die bei Erwachsenen gute Wirkungen erzielen, bei Kindern jedoch bei Über- oder Unterdosierung zu erheblichen Risiken und Nebenwirkungen führen können.

Keine Faustregel für Medikation

Dr. Ute Galle-Hoffmann, Apothekerin beim AOK Bundesverband, warnt vor allem aber Eltern, die ohne Rücksprache mit dem Arzt oder Apotheker selbst die Dosierung festlegen: "In jedem Entwicklungsstadium reagiert der Körper unterschiedlich. Das Immunsystem und der Stoffwechsel arbeiten bei Kindern ganz anders als bei Erwachsenen."

Früh- und Neugeborene etwa, deren Leber und Nieren noch nicht ausgereift sind, scheiden einige Arzneistoffe langsamer aus, Kleinkinder und Kinder bis acht Jahre hingegen haben einen schnellen Stoffwechsel und scheiden die Stoffe daher auch schneller als Erwachsene aus - oft brauchen sie eine höhere Dosis gemessen pro Kilo Körpergewicht. Eine Faustregel etwa nach dem Motto "Nimm die Hälfte" wäre also grundfalsch. Auch bei pflanzlichen Heilmitteln gilt erhöhte Vorsicht, denn viele Säfte oder Tropfen enthalten nicht selten einen hohen Alkoholanteil von bis zu 45 Prozent mit fatalen Folgen für Kinder. Im Zweifel brauchen Eltern daher immer den Rat des Arztes od er Apothekers.

Das Dilemma: formale Zulassung für viele Medikamente fehlt

Etliche Erkältungsmedikamente wie zum Beispiel Nasentropfen oder Fieberzäpfchen sind ausreichend auf ihre Tauglichkeit für Kinder getestet. Aber bei ca. 80 Prozent der in Deutschland verfügbaren Medikamente liegen keine Studien über Wirkungsweise und Dosierung für Kinder vor. In dem Beipackzettel heißt es dann sinngemäß, dass für Kinder unter 14 Jahren keine Erkenntnisse über Wirkungen und Nebenwirkungen vorhanden sind. Ärzte können eigentlich nur auf eigene Verantwortung oder dank guter Erfahrungen mit Medikamenten therapieren, manche Kliniken wie die Uniklinik Hamburg forschen in Eigeninitiative. Doch zulassen können sie die Medikamente nicht. Dieses Dilemma trifft vor allem Kinder, die an schweren Krankheiten leiden.

Professor Hansjörg Seyberth von der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilhunde und Jugendmedizin bringt es auf den Punkt: "Die Arzneimittelsicherheit bei der Behandlung von Kindern lässt europaweit zu wünschen übrig." Er bezeichnet die Arzneitherapie der Ärzte als "juristische und medizinische Gratwanderung". Schon vor über zwei Jahren wurde im British Medical Journal eine Studie veröffentlicht, die in fünf europäischen Kinderkliniken durchgeführt wurde. Das Fazit: Zwei Drittel der stationär behandelten Kinder bekamen Medikamente, die im jeweiligen Land gar nicht oder für die spezielle Erkrankung nicht für Kinder zugelassen waren.

Hürden in der Forschung

Den Pharmafirmen ist die Situation bekannt, doch sie stehen vor dem Problem: Arzneimittel für Kinder müssen vor ihrer Markteinführung in verschiedenen Altersklassen geprüft werden, was ethisch umstritten ist; außerdem gibt es nur wenige Eltern, die ihre Kinder als Testpersonen hergeben wollen. Hinzu kommt die Wirtschaftlichkeit, denn der Festbetrag für geringer dosierte Kindermedizin fällt oft so niedrig aus, dass die teure Forschung von den Erträgen nicht gedeckt wird.

Staatliche Anreize wie zum Beispiel in den USA fehlen in Deutschland. Eine europäische Richtlinie, die im Laufe dieses Jahres in der Bundesrepublik umgesetzt werden soll, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn so werden Pharmaunternehmen ermutigt, Arzneimittel für Kinder zu testen und den Ärzten aus der Grauzone heraus zu helfen.

Und jetzt? 

Und was bleibt den Eltern übrig? Sie sollten auf keinen Fall mit für sie wirksamen Medikamenten experimentieren, fachlicher Rat muss unbedingt eingeholt werden. Bei vielen eher harmlosen Krankheiten wie Erkältungen helfen Hausmittel. Besondere Vorsicht ist bei Säuglingen geboten. Hier ist ärztlicher Rat unumgänglich.

Aktualisiert: 01.09.2016

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